Babynahrung: Auch in Österreich Fälle von Cereulid-Intoxikation

Vier österreichische Fälle von Cereulid-Intoxikation an ECDC

Donnerstag, 19. Februar 2026 | 21:11 Uhr

Von: APA/AFP

Der Skandal um verunreinigte Produkte von Babynahrung betrifft Österreich deutlich stärker als bisher angenommen. Demnach hat die Ages vier österreichische Verdachtsfälle mit Symptomen einer Cereulid-Intoxikation an das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) gemeldet. Das geht aus einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht des ECDC und der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hervor.

Das Alter der vier betroffenen Kinder wurde laut der Meldung der Ages (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) mit null bis elf Monaten angegeben. Bei einem Säugling wurde Cereulid in der zu sich genommenen Nahrung nachgewiesen. Zwei Kinder konsumierten nachweislich Produkte aus zurückgerufenen Chargen. Das vierte Kind nahm Babynahrung aus einer nicht zurückgerufenen Charge zu sich. Eines der Babys musste in einem Krankenhaus behandelt werden. Drei sind bereits wieder genesen. Die Symptome traten demnach zwischen dem 26. Jänner und dem 6. Februar auf.

Kritik von Foodwatch

“Die von der EFSA und ECDC veröffentlichte Auswertung zeigt einmal mehr, dass dieser Skandal auch kommunikativ eine Farce für die betroffenen Eltern ist”, kritisierte die NGO Foodwatch am Donnerstagabend. Während öffentlich der Eindruck vermittelt worden sei, es gebe in Österreich keine gemeldeten Fälle von Säuglingen, die nach dem Verzehr von möglicherweise kontaminierter Babynahrung Symptome einer Cereulid-Vergiftung aufgewiesen haben, seien gleichzeitig Erkrankungen an EU-Behörden gemeldet worden. “Das erschüttert das Vertrauen massiv.”

Bei Foodwatch hätten sich inzwischen “rund 200 Menschen gemeldet, deren Kinder ebenfalls, zum Teil schwere, gastrointestinale Symptome nach dem Verzehr von Babymilch erlitten haben”. Man gehe “von einer deutlich höheren Dunkelziffer” aus. “Auch haben uns Eltern kontaktiert, deren Babys nach dem Verzehr von nicht offiziell zurückgerufenen Chargen erkrankt sind”, schilderten die Konsumentenschützer.

Verdachtsfälle vom Gesundheitsministerium bestätigt

Das Gesundheitsministerium bestätigte am Donnerstagabend in einem der APA vorliegenden Statement die vier Verdachtsfälle: “Den österreichischen Behörden liegen derzeit vier Fälle von Babys vor, bei denen sich der Verdacht auf eine Cereulid-Vergiftung erhärtet hat. Die betroffenen Fälle stammen aus den Kalenderwochen 52 (2025), fünf und sechs”, hieß es darin.

Die zuständigen Behörden seit der ersten Meldung von Nestlé über einen möglichen Cereulid-Verdacht “sofort ein engmaschiges Testprogramm gestartet”. Dabei würden sowohl Produkte im Handel getestet, als auch Proben bei medizinischen Verdachtsfällen gezogen. Die Auswertung dieser Proben erfolge durch die Ages, auf deren Website alle bisher betroffenen Chargen veröffentlicht seien.

“Keine weiteren kontaminierten Produkte”

“Bis auf die bereits öffentlich kommunizierten und zurückgerufenen Chargen von Aptamil und BEBA wurden keine weiteren kontaminierten Produkte festgestellt. Alle bisher betroffenen Chargen sind bereits aus den Regalen entfernt. Das verstärkte Testregime wird vorsorglich bis April fortgesetzt, um ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten”, hieß es aus dem Büro von Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ). Die Foodwatch-Kritik an der Kommunikation wurde zurückgewiesen.

EU-Behörden sehen Vergiftungsgefahr großteils gebannt

Die EU-Behörden sehen die Vergiftungsgefahr für Kleinkinder insgesamt aber mittlerweile größtenteils gebannt. “Angesichts des Umfangs der Rückrufe ist die derzeitige Wahrscheinlichkeit einer Exposition gegenüber kontaminierten Säuglingsanfangsnahrungsmitteln gering”, erklärten die EFSA und das ECDC.

Allerdings könnten weiterhin Fälle auftreten, wenn zurückgerufene Produkte nicht zurückgegeben wurden, hieß es. Mehrere Hersteller, darunter europäische Großkonzerne wie Nestlé, Danone und Lactalis, haben seit Dezember in mehr als 60 Ländern weltweit Säuglingsnahrung zurückgerufen. Grund war die mögliche Verunreinigung der Produkte mit dem Giftstoff Cereulid, der Durchfall und Erbrechen verursachen kann. Nach Angaben der EFSA, die der Steirer Nikolaus Kriz leitet, und des ECDC – an deren Spitze die ehemalige SPÖ-Politikerin Pamela Rendi-Wagner steht – wurden in mindestens sieben europäischen Ländern Fälle von erkrankten Kleinkindern gemeldet.

Ermittlungen in Frankreich wegen Tod von drei Säuglingen

Die französischen Behörden untersuchen zudem den Tod von drei Säuglingen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie Milchpulver aus den zurückgerufenen Chargen bekommen hatten. “Bis heute wurde wissenschaftlich keine Schuld nachgewiesen”, erklärte das Gesundheitsministerium in Paris zuletzt. “Zu diesen Meldungen laufen derzeit strafrechtliche Ermittlungen.”

Es besteht der Verdacht, dass eine in China hergestellte Substanz, die die für Säuglinge wichtige Arachidonsäure enthält, für die Verunreinigung verantwortlich sein könnte. Die EU-Behörden bestätigten dies: Cereulid sei erstmals im Dezember in Chargen von Präparaten nachgewiesen worden, die Arachidonsäureöl von einem Hersteller in China enthielten.

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen