Von: ka
Montagnareale – Das mysteriöse Gewaltverbrechen in den Monti Nebrodi, einem einsamen und stark bewaldeten Gebirge an der Nordostküste Siziliens, bei dem drei Jäger ihr Leben verloren, steht fast drei Wochen nach der Tat vor der Aufklärung.
Einige Ermittlungsergebnisse, wie die Auswertung der Aufnahmen einer auf einem der Gewehre montierten Webcam, stehen zwar noch aus, laut den Carabinieri soll jedoch eine fatale Verwechslung – eines der Opfer wurde im Nebel für ein Wildschwein gehalten – eine tödliche Kettenreaktion ausgelöst haben. Neben den Untersuchungen am Tatort war insbesondere die Aussage des „vierten Jägers“ und einzigen Überlebenden der tödlichen Begegnung im Wald für die Ermittlungen entscheidend. „Ich habe an der Schießerei teilgenommen“, gestand der 50-jährige A. S., der das älteste Opfer bei der Jagd begleitet hatte.
Alles begann, als ein Motocrossfahrer am Mittwoch, dem 28. Januar, in einem unwegsamen Waldgebiet bei Montagnareale in der Provinz Messina die Leichen von drei Männern mit Schussverletzungen fand.
Neben den drei Toten, bei denen es sich offensichtlich um Jäger handelte, stellten die Carabinieri ihre Jagdgewehre sicher. Bei den Opfern, die den Ermittlungen zufolge am Mittwochmorgen zur Jagd aufgebrochen waren, handelte es sich um den 82-jährigen Antonio Gatani aus Patti und die Brüder Giuseppe und Davis Pino, jeweils 44 und 26 Jahre alt, aus San Pier Niceto.
Obwohl der Hauptverdächtige – der 50-jährige A. S., der das älteste Opfer bei der Jagd begleitet hatte – bald feststand, gestalteten sich die Untersuchungen als schwierig. Nach und nach konnten die Carabinieri jedoch die einzelnen Puzzleteile zusammensetzen und den Tathergang rekonstruieren.

Am Morgen des 28. Januars war es neblig in den Wäldern von Montagnareale in den Nebrodi bei Messina. Die Sicht war schlecht und es regnete. Antonio Gatani, 82 Jahre alt, hatte gerade den schmalen, schlammigen Pfad erreicht, der zu der für die Wildschweinjagd ausgewählten Lichtung führte. Er hörte ein Geräusch und sah eine schnelle Bewegung. Er war sich sicher, dass es sich dabei um seine Beute handelte, und schoss. Doch er traf einen anderen Jäger, Giuseppe Pino, der tot zu Boden fiel. Der 44-Jährige wurde von fünf Schrotkugeln aus dem Gewehr des älteren Mannes tödlich verletzt. Die anderen Kugeln trafen Giuseppe Pinos Bruder Devis und verletzten ihn an der Seite.
Der Dreifachmord von Montagnareale wäre demnach das Ergebnis eines anfänglichen Jagdunfalls gewesen, dem eine Reihe unkontrollierter Handlungen folgten, die innerhalb weniger Minuten drei Menschen das Leben kosteten. Gatani und die beiden Brüder. Als Devis seinen älteren Bruder Giuseppe leblos am Boden liegen sah, griff er zum Gewehr und schoss dem 82-Jährigen aus Patti in die Brust und tötete ihn.
Hier kommt ein vierter Mann ins Spiel: A. S., ein 50-jähriger passionierter Jäger, der Gatani zur Wildschweinjagd nach Montagnareale begleitet hatte. Die Ermittler kamen dank der Aussage des Sohnes des Opfers auf seine Spur. Dieser hatte ihn an diesem Morgen zusammen mit seinem Vater weggehen sehen. Unmittelbar nach Auffinden der Leichen wurde er von den Staatsanwälten einvernommen. „Ich war auch dabei, ich war dort und habe an der Schießerei teilgenommen”, gestand er den Ermittlern.
Laut der Rekonstruktion der Staatsanwaltschaft geriet A. S. in Panik, als er seinen 82-jährigen Freund getroffen und getötet sah. Er richtete das Gewehr auf den bereits verwundeten Devis und tötete ihn. Dann floh er voller Angst. Der vierte Mann, der vor seinem Geständnis mehrere Versuche unternahm, sich aus der Affäre zu ziehen, wurde als Zeuge vernommen, also ohne Beistand eines Anwalts. Als die Staatsanwälte jedoch erkannten, dass sie den mutmaßlichen „letzten Täter“ vor sich hatten, unterbrachen sie die Vernehmung und ließen ihn einen Verteidiger benennen – zunächst einen Pflichtverteidiger. Als A. S. erneut vor die Ermittler trat, entschied er sich jedoch, zu allen Fragen und Vorwürfen zu schweigen.
Zwar sind die Aussagen nicht verwertbar, da sie ohne Anwesenheit eines Anwalts gemacht wurden, für die Ermittler sind sie aber sicherlich hilfreich. Zur Lösung des Rätsels stehen diesen noch eine Reihe weiterer Untersuchungsergebnisse zur Verfügung. Dazu gehören die kriminaltechnische Untersuchung der Tatorte, die Schlussfolgerungen des Gerichtsmediziners sowie die ballistischen Untersuchungen.
Letztere bestätigen, dass Giuseppe der Einzige ist, der nicht geschossen hat, da er schlicht keine Zeit dazu hatte. Zudem gibt es eine Webcam, die an an Devis’ Gewehr montiert war. Wenn es gelingt, die unscharfen Bilder zu entschlüsseln, hätten die Ermittler weiteres Beweismaterial, auf das sie zurückgreifen können.
Die Anordnung der Leichen, die in einer Reihe etwa 30 Meter voneinander entfernt liegen, scheint den anfänglichen Verdacht zu bestätigen. Weiter oben, auf dem Rücken liegend, befand sich die Leiche von Giuseppe, der als Erster erschossen wurde. In der Mitte wurde Devis gefunden. Er hat sich vermutlich abrupt umgedreht und geschossen, wodurch er den 82-Jährigen traf und tötete. Die Untersuchungen an der Waffe von Gatanis Freund, die seit drei Wochen beschlagnahmt ist, sowie das kriminaltechnische Verfahren zum Nachweis von Schmauchspuren, das wenige Stunden nach den Morden erstellt und nach der Eintragung des Mannes in das Ermittlungsregister analysiert wurde, werden wahrscheinlich keine neuen Erkenntnisse bringen.

A. S. ist ebenfalls Jäger – wie die drei Opfer. Es ist deshalb nicht schwer, sich vorzustellen, dass er sein Gewehr abfeuerte und dass sich Spuren von Schießpulver an seinen Händen oder seiner Kleidung befinden. Die Staatsanwälte werden ihn in den nächsten Tagen erneut verhören. Nur er, der einzige Überlebende, ist in der Lage, Licht ins Dunkel zu bringen und die Wahrheit über den mysteriösen Dreifachmord zu erzählen.
Die fast sichere Tatsache, dass ein fataler Fehler eine Reihe wahnsinniger Gewalttaten ausgelöst hat, lässt viele Italiener weit über die Heimatgemeinden der drei Opfer hinaus erschaudern. Auch der mutmaßliche Auslöser – der Schuss auf einen Mann, der im Nebel für ein Wildschwein gehalten wurde – wirft viele Fragen auf. Die Vorstellung, dass im Nebel und Regen einfach auf ein „sich bewegendes Etwas” gefeuert worden sein könnte, sorgt bei Wanderern und Naturbegeisterten für Entsetzen.




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