Von: Martin Geier
Barberino del Mugello/Florenz – Jeder Femizid ist grausam. Doch gerade, weil die Mitarbeiter des Notrufs 112 sowie die Polizei die Tragödie um Lorena Isceri über das Smartphone bis zuletzt mitanhören mussten und es trotz aller Bemühungen nicht gelang, das Leben der 45-jährigen Frau zu retten, erschüttert dieser Mord mit anschließendem Suizid ihres 36-jährigen Ex-Freundes Federico Vella die italienische Öffentlichkeit bis ins Mark.
Das dramatische Geschehen trug sich am Donnerstag, dem 3. September 2026, auf der Autobahn A1 zwischen Florenz und Bologna zu. Federico Vella, der das Ende der Beziehung nicht akzeptieren wollte und Lorena Isceri seit Wochen mit unzähligen Nachrichten und Anrufen terrorisierte, lauerte der 45-Jährigen nach der Arbeit in der Tiefgarage ihres Wohnhauses auf. Als er sie erblickte, griff er sie an, schlug und überwältigte sie, fesselte sie mit Kabelbindern und sperrte sie in den Kofferraum ihres eigenen Autos.
Obwohl gefesselt, gelang es ihr im Kofferraum, mit den Händen den Rucksack neben sich zu öffnen und ihr Smartphone herauszuziehen. Sie wählte zunächst die Nummern ihrer Mutter sowie eines Freundes und blieb schließlich rund zwanzig Minuten lang mit der Notrufzentrale 112 verbunden. Während des Telefonats nannte sie den Namen ihres Entführers und sprach ihre schreckliche Vorahnung aus: „Er hat mich entführt. Er will mich umbringen.“ In dem verzweifelten Versuch, ihn zu besänftigen, täuschte sie sogar vor, ihm eine zweite Chance geben zu wollen: „Federico, was machst du da? Lass es uns nochmal versuchen!“ Dann herrschte Stille. Der Wettlauf um das Leben von Lorena Isceri war verloren.

Von ihr ist nur noch eine Stimme geblieben – konserviert in den Tonaufnahmen der Einsatzzentrale der Quästur Florenz. Es ist am frühen Donnerstagnachmittag kurz nach 14.00 Uhr, als bei der Notrufnummer 112 kein gewöhnlicher Notruf, sondern ein verzweifelter Hilferuf eingeht. Die Stimme gehört der 45-jährigen Lorena Isceri. Sie wurde kurz zuvor von ihrem Ex-Freund Federico Vella entführt, der sie knapp eine Stunde später von einem Viadukt der Autobahn A1 bei Barberino del Mugello in den Tod stoßen wird.
Es ist ein dramatisches Tondokument, das Teil der Ermittlungsakten der Squadra Mobile unter der Leitung von Domenico Balsamo und der Koordination von Staatsanwalt Antonio Natale geworden ist.
Das zwanzigminütige Gespräch gliedert sich in zwei Abschnitte: In der achten Minute hält Vella den Wagen an – womöglich von Gewissensbissen geplagt, vielleicht aber auch, weil er nachdenkt oder bemerkt hat, dass Lorena telefoniert. Er öffnet den Kofferraum und spricht mit ihr.
Denn obwohl sie gefesselt ist, gelingt es Lorena Isceri, ihren Rucksack mit den Händen zu öffnen und ihr Smartphone herauszuziehen. Sie ist bei vollem Bewusstsein, wählt die 112 und sagt den Polizisten: „Mein Ex-Freund hat mich geschlagen und entführt!“
In der Einsatzzentrale der Polizeidirektion herrscht Stille. „Wir sind bei Ihnen, keine Sorge. Erzählen Sie uns, was passiert ist“, beruhigt sie der Beamte. Sie antwortet: „Er hat mich in der Garage angegriffen, mich geschlagen und entführt. Es ist mein Ex-Freund, er heißt Federico und ist 36 Jahre alt. Ich liege seit zehn Minuten im Auto.“
Wahrscheinlich täuscht sie sich in der Zeit, doch in dieser Extremsituation verschwimmt die Wahrnehmung: Nachdem Lorena von Federico überwältigt worden ist, wacht sie gefesselt und in völliger Dunkelheit im Kofferraum auf. Die Luft wird knapp, und gefühlt vergehen zehn Minuten. „Ich weiß nicht, wohin er fährt“, sagt sie weiter. „Ich glaube, er will mich zu sich nach Hause bringen.“ Dann nennt sie die Adresse ihres Ex-Freundes.
Die Verbindung ist zeitweise gestört, da der von Vella gesteuerte SUV auf die Autobahn A1 auffährt, wo der Mobilfunkempfang schlecht ist. Doch in der achten Minute bemerkt man in der Einsatzzentrale, dass etwas vor sich geht: Lorenas Handy wird zu einer Art Abhörgerät, das alles live überträgt. Das Auto hält an, das Geräusch eines sich öffnenden Kofferraums ist zu hören.
Aus Angst, entdeckt zu werden, schweigt der Polizist am anderen Ende – doch die Aufzeichnung läuft weiter. So ist Lorenas Stimme zu hören, wie sie fleht: „Federico, was machst du denn da? Ich liebe dich, mach dir keine Sorgen, lass es uns nochmal versuchen!“ Dann schlägt der Kofferraum wieder zu, und der SUV setzt seine Fahrt bis zur Überführung fort.
Dieser Satz stammt von einer Frau, die ihre letzte Chance ergreift, um ihr Leben zu retten. Sie versucht, einen Mann zur Vernunft zu bringen, der sie seit Wochen mit Nachrichten bombardiert, weil er das Ende ihrer Beziehung nicht akzeptieren will. Vielleicht hofft sie, dass diese Worte ihn beruhigen. Doch vergeblich: Nur wenige Minuten später – den genauen Zeitpunkt wird die Spurensicherung noch ermitteln – stößt Vella Lorena von der Autobahnüberführung.
Die Quästur von Florenz schickt umgehend mehrere Streifenwagen zum Einsatzort. Doch alle treffen – womöglich ahnte der Täter, dass Lorena um Hilfe gerufen hatte – um entscheidende Minuten zu spät ein. Vor Ort bietet sich den Einsatzkräften ein Bild des Schreckens: Aus dem Kofferraum von Vellas SUV tropft Blut. Während ein Teil der Polizisten nach Lorenas Leiche sucht, hat eine Sache oberste Priorität: den 36-Jährigen davon abzuhalten, sich ebenfalls von der Brücke zu werfen.
Eine junge Polizistin, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, dass Lorena bereits tot ist, versucht, Kontakt zu Vella aufzunehmen und sein Vertrauen zu gewinnen. Sie kniet sich hin, spricht ruhig auf den hinter der Leitplanke stehenden Mann ein und bittet ihn, näher zu kommen. „Ich dachte nur an eines: Wenn ich ihn rette, rette ich auch sie“, schildert die 24-Jährige später.

Doch auch Vella stirbt: Nach rund 40-minütigen Verhandlungen mit der Polizei stürzt er sich von derselben Brücke in die Tiefe. Vor seiner Verzweiflungstat hatte er noch die Mutter des Opfers („Deine Tochter ist tot!“) und seine eigene Mutter („Ich habe ein Chaos angerichtet!“) verständigt. Dass er die Tat womöglich von langer Hand geplant hatte, zeigt eine düstere Abschiedsbotschaft, die er kurz zuvor auf seiner Instagram-Seite veröffentlicht hatte.
Nach dem brutalen Mord an Lorena Isceri steht ganz Italien unter Schock. In einem bewegenden Appell rief ihr Vater, Franco Isceri, die italienische Politik zu einem gemeinsamen Handeln gegen Gewalt an Frauen auf. „Erlassen Sie einstimmig Maßnahmen, damit sich solche Tragödien nicht mehr wiederholen“, forderte er in einer Videobotschaft.





Aktuell sind 2 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen