Dopinggeständnis von 2012 sei weniger schlimm gewesen

Schwazer: “Meine Welt existiert nicht mehr”

Samstag, 13. August 2016 | 17:32 Uhr

Kalch/Rom – In einem ersten und wohl vorläufig letzten Interview zu seinem Ausschluss von den Olympischen Spielen in Rio, ließ Südtirols Spitzen-Geher Alex Schwazer keine Zweifel aufkommen: Er werde dem Wettkampfsport für immer den Rücken kehren, so Schwazer gegenüber dem Corriere della Sera.

Der 31-jähriger Kalcher war bekanntlich nach monatelangem Tauziehen um eine positive Dopingkontrolle vom Jänner 2016 vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS) für acht Jahre gesperrt worden. Kommentarlos nahm er das Urteil entgegen und den nächsten Flug nach Hause. Am Freitag kam der Olympia-Favorit in Rom an und fuhr mit dem Zug zurück in seine Heimat.

Einmal angekommen, öffnete sich Schwazer nun doch noch der Presse. Die heutige Situation treffe ihn viel härter als bei seinem Dopinggeständnis von 2012. “Damals war es anstrengend, aber einfacher: ich war schuldig, ein Betrüger, ich hatte gedopt”, so Schwazer. “Ich habe mich damals gerettet, indem ich in meine Welt zurückkehrte. Meine Welt, die jetzt nicht mehr existiert.” Diesmal sei alles anders, diesmal sei er ein Opfer. “Nach meiner positiven Dopingprobe verbrachte ich eine grauenhafte Woche. Das Einzige, das mich rettete, war der Kampf um die Wahrheit, den ich mit Sandro Donati begonnen habe. Aber wir haben ihn verloren. Er wird weiterkämpfen, mit all meiner Unterstützung. Ich aber muss mein Leben ändern, sofort”, schildert Schwazer die Not seiner derzeitigen Lage.

Olympiasieger, Idol, Dopingsünder, Schwarzer Peter, tragischer Held und Opfer des Systems – Was wird nun aus Alex Schwazer? “Ich werde bestimmt nie wieder Gehen, nicht mal einen Meter. Das Gehen ist nicht Freiheit, sondern krankhafte Kontrolle von Körperbewegungen: die Beine, die Arme, die Schultern. Gehen ist Schmerz und Kampfgeist. Ich werde nie wieder ein Geher sein. Über meine Zukunft hängt nun ein Fragezeichen.” Während seiner Sperre hatte sich Schwazer beruflich als Kellner, als Seniorenbetreuer und als Student versucht. “Ich habe immer versagt und fürchte mich davor, wieder zu versagen. Im Training massakriert man sich mit Anstrengung, zur Erreichung eines sehr hohen Zieles. Der Hauptteil gewöhnlicher Berufe hingegen ist Routine, Training von Entladung. Ich kann es mir nicht vorstellen”, klingt der erklärte Ex-Athlet resigniert.

Schwazer hätte sich auf sein Karriereende vorbereitet, er habe sich nach seiner aktiven Laufbahn eine Arbeit im Sportbereich vorgestellt. Heute könne er darüber nur noch lachen. “Was für eine Arbeit kann denn ein Dopingsünder in der Welt des Sports noch ausüben? Den Nachwuchs trainieren?”, meinte Schwazer ironisch. Nun werde er erstmal wieder bei seinen Eltern neu anfangen, an der Seite seiner Lebensgefährtin Kathia, welche während all dieser langen und schwierigen Monate nie aufgehört habe ihn zu unterstützen. Werde er sich die Olympischen Spiele denn im Fernseher ansehen?, so die letzte Frage des Corriere-Journalisten. Die wenig überraschende Antwort: “Nein, die habe ich aus meinem Bewusstsein gelöscht.”

 

 

Von: mh

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