Von: Martin Geier
Cagliari – Vom Lokalblatt La Nuova Sardegna zum Verlauf der Sommersaison 2026 interviewt, lässt die sardische Gastronomin Pamela Solinas, Inhaberin von „L’Oca Bianca“ im Zentrum der sardischen Hauptstadt Cagliari, ihrem Ärger über den „Hungerleider-Overtourism“ freien Lauf.
„Wir sind ein Restaurant, keine Bar!“, schimpft eine Gastronomin aus Cagliari über „Hungerleider-Touristen“. „Sie bestellen zwei Spritz und eine Vorspeise zum Teilen!“ Ärgerlich ist, dass ihr Lokal zwar mehr Besucher zählt als in den vergangenen Jahren, die Kassabons aber immer „kürzer und ärmer“ werden, was in der Summe eine empfindliche Umsatzeinbuße bedeutet. Pamela Solinas vermisst auch die Wertschätzung für die traditionelle sardische Küche. Zu den Auswirkungen des „Hit-and-Run“-Tourismus und des Booms der Kurzzeitvermietungen auf Sardinien zählt nämlich auch, dass sich diese „Urlauber“ keine Zeit nehmen wollen, sondern es ihnen vor allem darum geht, sich „schnell etwas reinzuschieben“.

Das „L’Oca Bianca“ ist ein beliebtes Restaurant und eine Pizzeria im Herzen des historischen Marina-Viertels von Cagliari. Das dreistöckige Lokal befindet sich in einer ganzjährigen Fußgängerzone und verbindet klassische italienische und sardische Küche mit ethnischen Einflüssen. Inhaberin Pamela Solinas war in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich, denn ihr Lokal gehört zu den ersten Adressen in der sardischen Hauptstadt.
Doch die Sommersaison 2026 bereitet ihr Stirnrunzeln, wenn nicht sogar offenen Ärger. Denn der neue Trend des „Hit-and-Run“-Tourismus, der mit dem Boom der Kurzzeitvermietungen auf Sardinien einhergeht, beschert ihr vor allem „Hungerleider-Touristen“, die nur schnell etwas essen wollen.

„Es kommt vor, dass vier Gäste zwei Pizzen und einen Salat oder sogar nur eine Pizza und eine Flasche Wasser bestellen“, beschreibt sie das Paradoxon des Sommers 2026. Die Besucherzahlen steigen zwar, doch die Ausgaben für Essen brechen dramatisch ein. Dieser Spartrend hat vor allem den Monat August geprägt und veranlasst Familien oder Freundesgruppen, ihre Ausgaben drastisch einzuschränken – mit erheblichen Folgen für die Gastronomiebetriebe.

In einem Interview mit La Nuova Sardegna berichtet Solinas, dass „die Gäste in diesem Jahr deutlich weniger konsumieren“ und führt dies auf ein völlig neues Essverhalten im Vergleich zu früher zurück. „Es kommt vor, dass ein Tisch mit vier Personen nicht einmal einen Gang pro Person bestellt“, fügt die Inhaberin hinzu. Auch das hastige Essen werde immer häufiger. „Es gibt viel mehr ‚Schnellessen‘“, betont die Gastronomin. Ein Verhalten, das das Erlebnis eines typisch sardischen Abendessens beeinträchtigt und eine hochwertige Weinbegleitung benachteiligt. „In diesem Jahr hatten wir einen erheblichen Umsatzrückgang beim Wein, der durch schnelle und schlichte Bestellungen verursacht wird.“
Die zurückhaltende Konsumstimmung führt oft zu extremen Situationen im Lokal. So berichtete Solinas der Zeitung La Nuova Sardegna von zwei polnischen Touristinnen, die sich an den Tisch setzten und ausschließlich „zwei Spritz und eine Vorspeise für neun Euro zum Teilen“ bestellten. Angesichts dieser Bestellung entschied die Inhaberin, die Kundinnen zum Gehen aufzufordern. Damit bekräftigte sie die Identität ihres Betriebs: „Wir sind ein Restaurant, keine Bar, und wir haben die Kosten eines Restaurants!“

Ein vollbesetzter Speisesaal ist somit keine Garantie mehr für gute Einnahmen. Um die Umsätze zu halten, sehen sich die Betreiber gezwungen, die „Tischrotation“ zu beschleunigen – was mit allerlei Schwierigkeiten verbunden ist. „Ich würde lieber etwas weniger Tische bewirten, dafür aber mit normalem Essverhalten und Ausschank“, gibt die Inhaberin des Restaurants „L’Oca Bianca“ zu.
Pamela Solinas weist Kritik an der Preisgestaltung entschieden zurück. „Es gibt Gastronomen, die ihre Preise stark erhöht haben. Wir hingegen haben unsere Preise unverändert gelassen. Eine Pizza Margherita kostete letztes Jahr 7,50 Euro und kostet auch dieses Jahr wieder genauso viel!“

Zu den Gründen für die niedrigeren Rechnungsbeträge gehört auch der veränderte Reisestil, der durch den Boom der Kurzzeitvermietungen begünstigt wird. „Es mag zwar mehr Ankünfte geben, aber ein Teil der Besucher organisiert sich anders und gibt in den Lokalen weniger aus. Viele gehen in den Supermarkt, kaufen in der Feinkostabteilung ein oder holen sich etwas zum Mitnehmen, das sie dann in der gemieteten Wohnung oder im Zimmer des B&Bs essen. Einige B&B-Betreiber erzählen mir oft von der großen Menge an Müll, die die Gäste hinterlassen. Das ist ein Zeichen dafür, dass viele ihre Mahlzeiten im Zimmer einnehmen.“

Auf die Frage, wie sich dieser Trend umkehren ließe, gibt sich die Restaurantinhaberin sehr nachdenklich. „Man müsste mehr darauf achten, welche Art von Flügen geplant wird und welche Märkte man ansprechen möchte. In Cagliari ist zum Beispiel von Fünf-Sterne-Hotels die Rede, aber ich frage mich, wer diese belegen könnte. Man sollte sich auch fragen, welche Kundschaft wir anziehen wollen und mit welcher Kaufkraft. Denn mit der derzeitigen sind das die Ergebnisse.“

Sardinien, Venedig und die Dolomiten haben wenig gemeinsam, aber alle drei haben mit „Touristen“ zu kämpfen, die offensichtlich wenig Gespür für ihren Urlaubsort mitbringen und es manchmal an den simpelsten Anstandsregeln mangeln lassen. Der „Hungerleider-Overtourism“ ist eine Plage, denn er bringt den Touristikern recht wenig und den betroffenen Einheimischen dennoch eine Menge Stress und Ärger.









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