Von: Sophia Molitor
Venedig – Wer in Venedig schon einmal versucht hat, sich durch eine Menschenmenge zu bewegen, dürfte zumindest eine Vermutung haben, warum die romantische Lagunenstadt in einer Umfrage zur unhöflichsten Stadt Italiens ganz oben landete. Das Marktforschungsinstitut Censuswide in London hatte 1.558 Einwohnerinnen und Einwohner aus 19 italienischen Großstädten zu ihren alltäglichen Beobachtungen befragt. Venedig erreichte auf einer Skala von eins bis zehn einen „Unhöflichkeitswert“ von 6,55 und liegt damit knapp vor Catania mit 6,52 und Parma mit 6,51. Der Durchschnitt aller untersuchten Städte liegt bei 6,10.
Für die Datenerhebung wurden Menschen befragt, die seit mindestens zwölf Monaten in einer der 19 Städte leben. Im Mittelpunkt standen zwölf konkrete Verhaltensweisen, deren Häufigkeit die Befragten in ihrem Alltag bewerten sollten. Unter anderem wurde gefragt, wie häufig Menschen in der Öffentlichkeit lange am Handy sind, sich im Straßenverkehr nicht gegenseitig durchlassen, bei Fußgängern nicht abbremsen, sich rücksichtslos verhalten, die Privatsphäre anderer nicht respektieren, in der Öffentlichkeit laut sind oder sich gegenüber Servicepersonal unhöflich verhalten. Auch das Überspringen von Warteschlangen und der Umgang mit Trinkgeld wurden untersucht.
Eigentlich würde man bei einer solchen Untersuchung zunächst an Rom oder Mailand denken: volle Straßen, dichter Verkehr, hektischer Alltag und Menschenmengen. Doch ausgerechnet die beiden größten Metropolen Italiens landeten nicht an der Spitze. Rom schaffte es lediglich auf Platz fünf, während Mailand nicht unter den Städten mit den höchsten Unhöflichkeitswerten auftauchte.
Venedig: Viel Gedränge, wenig Abstand
In Venedig fielen insbesondere Verhaltensweisen auf, die mit dem begrenzten Raum und der enormen Zahl an Besucherinnen und Besuchern zusammenhängen. Das Überspringen von Warteschlangen, mangelnder Respekt vor dem persönlichen Raum und ein unhöflicher Umgang mit Servicepersonal wurden in der Lagunenstadt besonders häufig genannt. Auch das Telefonieren über die Freisprecheinrichtung fiel dort stärker auf.
Eine mögliche Erklärung ist die hohe Zahl an Menschen auf engem Raum. Im historischen Zentrum Venedigs leben auf einer Fläche von nur rund 7,6 Quadratkilometern weniger als 60.000 Menschen, gleichzeitig kommen jedes Jahr rund 13 Millionen Touristen – im Durchschnitt etwa 35.000 Besucher pro Tag. Enge Gassen, Brücken, Warteschlangen und überfüllte Wege treffen damit auf eine Stadt, in der Einheimische und Besucher ständig um denselben begrenzten Raum konkurrieren. Die Umfrage weist deshalb darauf hin, dass gerade diese hohe Konzentration von Menschen bestimmte Formen der Rücksichtslosigkeit begünstigen könnte.
Südtirol News hat im direkten Gespräch vor Ort den Eindruck gewonnen, dass unter langjährigen Bewohnern Venedigs sich zudem ein eigenes Klischee hält: Nach außen gilt die Lagunenstadt als historisch vornehm, während die eigene Bevölkerung traditionell eher aus einfachen Seeleuten und Arbeitern hervorgegangen sei, denen ein direkter und mitunter recht ruppiger Umgangston nachgesagt wird. Das typische Sprichwort “Venezia gran Signori”, was frei übersetzt etwa “Venedig, die Stadt der feinen Herren” bedeutet, wird daher nicht selten ironisch kommentiert.
Auch Catania ist nicht gerade sanft unterwegs und landet weit oben auf der Skala der Unhöflichkeit. Besonders häufig wurde dort genannt, dass Autofahrer vergleichsweise selten für Fußgänger bremsen, in der Öffentlichkeit häufiger Lärm gemacht wird und der persönliche Raum anderer weniger respektiert wird.
In Parma wiederum wurde besonders häufig angegeben, dass Menschen Fremde nicht beachten. Außerdem gehört die Stadt beim Thema Trinkgeld zu den weniger großzügigen. .
Auch Triest schafft es mit einer einzelnen Verhaltensweise besonders deutlich ins Rampenlicht. Dort wurde häufiger als anderswo angegeben, dass Menschen in der Öffentlichkeit viel Zeit am Handy verbringen. Außerdem lag Triest beim Nicht-Durchlassen im Straßenverkehr an der Spitze.
Städte wie Padua, Florenz, Modena und Verona lagen hingegen deutlich unter dem Durchschnitt und gelten somit als die freundlicheren Städte Italiens.
Sind wirklich die Touristen schuld?
Natürlich stellte sich auch die Frage, wer für die schlechten Manieren verantwortlich sei. Eine klare Antwort darauf gab es jedoch nicht: 47,05 Prozent sehen Einheimische und Menschen von außerhalb als gleichermaßen unhöflich. In Rom, Bari, Taranto, Catania und Palermo gelten eher die Einheimischen als unhöflicher. In Städten wie Mailand, Triest, Parma und Modena werden dagegen häufiger die Nicht-Einheimischen verantwortlich gemacht. Auch in Venedig werden Menschen von außerhalb etwas häufiger als unhöflicher wahrgenommen.
Die Umfrage zeigt damit weniger, wo in Italien die schlechtesten Manieren herrschen, als vielmehr, welche Verhaltensweisen besonders stark wahrgenommen werden und was in den verschiedenen Städten im Alltag als rücksichtslos gilt.




Aktuell sind 2 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen