Von „Covid-19-Immunen“ zu neuem Medikament?

Wissenschaftler erforschen angeborene Immunität

Mittwoch, 02. Februar 2022 | 07:00 Uhr

Mailand – Einige Wissenschaftler, die in Mailand das Phänomen erforschen, dass bestimmte Menschen gegen das Coronavirus immun zu sein scheinen, gelangten auf die Spur eines Proteinmoleküls – Mannose-bindendes Lektin, kurz MBL – das den Kampf gegen das Virus unterstützen könnte.

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Es existiert eine „unsichtbare Barriere“, die vor Covid-19 und seinen Varianten schützt und aus bestimmten „natürlichen Antikörpern“ besteht, die von Geburt an in unserem Körper vorhanden sind. Dies ist eine Entdeckung von Wissenschaftlern, die vom medizinischen Forschungsinstitut Humanitas und dem Krankenhaus San Raffaele von Mailand koordiniert werden.

Beim Mannose-bindenden Lektin MBL handelt es sich um eine Art Mechanismus, der eine Ansteckung verhindert. Es sind im Wesentlichen Proteinmoleküle, die das Virus angreifen, als ob sie echte Antikörper wären. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um „natürliche Antikörper“, die bereits in unserem Körper vorhanden sind.

Dem Geheimnis der „angeborenen Immunität“ sind Wissenschaftler bereits seit Monaten auf der Spur. Es ist bekannt, dass ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung trotz der seit zwei Jahren dauernden Pandemie und trotz engem Kontakt mit Familienmitgliedern, Verwandten und Freunden, die Coronapositiv sind, nie erkrankt. Von der Forschung an diesem Phänomen erhoffen sich die Wissenschaftler, neue „Waffen“ gegen SARS-CoV-2 und Marker zur Messung des Schweregrads der Erkrankung zu entwickeln.

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„MBL heftet sich an das Spike-Protein des Virus und blockiert es“, erklärt der wissenschaftliche Leiter von Humanitas, Professor Alberto Mantovani. Noch wichtiger ist jedoch, dass er alle Varianten, einschließlich Omikron, abblocken kann. „Dies wird dadurch möglich, weil sich MBL an bestimmte „Zucker“ des Spike-Proteins bindet, deren Struktur von Variante zu Variante bestehen bleiben“, so die Leiterin der Abteilung für Viruspathogenese und Biosicherheit am Krankenhaus San Raffaele, Elisa Vicenzi, gegenüber der Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera.

Unter Laborbedingungen erwies sich MBL als fast ebenso wirksam wie die Antikörper von Patienten, die sich mit dem Virus angesteckt hatten. Die wissenschaftliche Herausforderung besteht nun darin, von dieser Erkenntnis zu einem in Krankenhäusern einsetzbaren Medikament zu gelangen. „Es wird noch ein weiter Weg sein, aber es ist wichtig, dass wir versuchen, andere Waffen gegen das Virus in die Hand zu bekommen. MBL wurde von Forschern anderer Kliniken bereits an Probanden mit vollständigem genetischem Mangel getestet und von diesen gut vertragen“, fügt Alberto Mantovani hinzu.

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Vonseiten der medizinischen Wissenschaftler wird unterstrichen, dass Medikamente dieser Art keinen Ersatz für die Impfung darstellen. Durch die Impfung wird eine Barriere gegen das Virus geschaffen. „In Bezug auf Wirksamkeit und individuelle sowie soziale Nachhaltigkeit kann kein Medikament mit einem Impfstoff konkurrieren“, betont der wissenschaftliche Leiter von Humanitas.

Auch wenn die natürliche, angeborene Barriere schützt, verfügt die überwiegende Mehrheit der Menschen nicht über sie. Weil sie allen einen hervorragenden Schutz garantiert, bleibt die Impfung weiterhin unverzichtbar. Zudem besitzen wir derzeit kein Instrument, um festzustellen, wer über einen natürlichen Schutz verfügt. Aus diesem Grund bleibt die Impfung im Moment das Maß, an dem sich alle anderen „Waffen“ messen lassen müssen. Die medizinwissenschaftliche Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature Immunology veröffentlicht.

Von: ka