Dänische Marinesoldatinnen in Grönland

Experte Feichtinger schließt Krieg um Grönland aus

Freitag, 09. Januar 2026 | 05:02 Uhr

Von: apa

Der Geostratege Walter Feichtinger schließt einen Krieg um Grönland aus. Abgesehen von einem symbolischen “Schuss in die Luft” werde es keine Kriegshandlungen bei einer US-Invasion geben, betont der Militärexperte im APA-Interview. “Wenn die USA es darauf anlegen, werden sie Grönland nehmen”, so Feichtinger. Dies wüssten auch die europäischen Staaten, denen der Experte zu Verhandlungen rät. In einen Deal könnte man nämlich auch das Thema Ukraine “verpacken”.

Der frühere Bundesheergeneral sieht drei Szenarien für die weitere Entwicklung des Konflikts um die dänische Insel: Einen Deal, eine Annexion oder ein Weiterköcheln des Status Quo. Dass die USA ihre Ansprüche auf Grönland fallen lassen, wäre die vierte Möglichkeit, sei aber nicht wahrscheinlich.

Annexion militärisch überhaupt nicht nötig

“Militärisch gibt es überhaupt keine Notwendigkeit, dass die USA die Oberhoheit über Grönland haben”, betont der langjährige Leiter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK) im Verteidigungsministerium. Die USA seien schon seit vielen Jahren auf dem dänischen Territorium präsent und hätten sich dieses gesichert. Eine Annexion könne somit nur ein politisches Anliegen sein.

Feichtinger erwartet nun ein “heftiges Ringen, aber sicher keinen Schießkrieg” um Grönland. Eine etwaige Eingliederung Grönlands in die USA würde demnach wenig spektakulär durch eine entsprechende diplomatische Erklärung erfolgen, eventuell flankiert durch die Entsendung von “einigen Militärs”, erläutert der Experte. “Von dänischer Seite würde es einen heftigen Protest geben und einen Schuss in die Luft.” Dies wäre ein symbolischer Akt, damit Dänemark seine völkerrechtlichen Ansprüche auf das Territorium wahren könne.

“Stresstest der Extraklasse für die NATO”

“Eine Annexion würde beide Seiten in eine unmögliche Situation bringen und wäre ein Stresstest der Extraklasse für die NATO und das transatlantische Verhältnis”, so Feichtinger. Dies könnte aber auch “der Startschuss für eine neue NATO” sein, die von den europäischen Staaten und Kanada getragen würde, erwartet der Experte einen weiteren Schub in Stärkung der militärischen Autonomie der amerikanischen NATO-Partner. Es sei auch möglich, dass das “Abdriften der USA” Norwegen dazu bewegen könnte, “sich fester an Europa zu binden”.

Den europäischen Staaten rät Feichtinger zu “strategischem Pragmatismus” anstelle von emotionalisierter Auflehnung. Ein militärischer Konflikt um Grönland hätte viel höhere Kosten als Nutzen, zumal man “genau weiß, dass man Zweiter ist”. Selbst wenn europäische Kräfte sich in nächster Zeit auf Grönland festsetzten, würden diese vom US-Militär umgehend identifiziert “und im Handstreich genommen”.

Europa müsse in dem Konflikt kreativer sein und versuchen, mit US-Präsident Donald Trump “ins Gespräch zu kommen”. “Ein Deal bietet die Chance, auch mehr hineinzuverpacken”, sagt er in Anspielung etwa auf die europäischen Sicherheitsinteressen gegenüber Russland.

Im Ringen mit Russland “zweite Karte ins Spiel gekommen”

Im Kreml dürften die jüngsten außenpolitischen Aktivitäten Trumps wohl “ambivalente Gefühle” auslösen, so Feichtinger. Im Ringen mit Russland sei nämlich “eine zweite Karte ins Spiel gekommen”, und zwar die amerikanische Sicherheitsstrategie in der westlichen Hemisphäre. Diese wiege für die USA schwerer als mögliche wirtschaftliche Deals mit Russland in der Ukraine.

Kreml-Chef Wladimir Putin sieht Feichtinger durch die Absetzung des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro geschwächt. Wieder habe sich gezeigt, dass er nichts tun könne, um seine Verbündeten zu schützen. Geopolitisch sei dies für Putin “eine ganz schlechte Nachricht” und könnte dazu führen, dass er im Krieg gegen die Ukraine “überhaupt keine Hemmungen mehr haben wird”. Auch der von den USA nach dem Venezuela-Coup verstärkte Druck auf die russische Schattenflotte dürfte in diese Richtung wirken, weil die Öleinnahmen den Krieg finanzieren. Entsprechend dürfte Russland versuchen, in den nächsten Monaten so viel wie möglich militärisch in der Ukraine zu erreichen, ehe dem Land die Mittel zur Kriegsfinanzierung ausgehen.

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)

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