„Aus Corona lernen heißt, Ungerechtigkeit zwischen Geschlechtern abzubauen“

Hilfe für Frauen in der Coronakrise

Donnerstag, 09. April 2020 | 16:18 Uhr

Bozen – Alles, was der Landesbeirat für Chancengleichheit bereits seit Jahren fordert, wird in der Coronakrise dringlicher. Denn Krisen verstärken Ungleichheiten. Dies erklärt Beiratspräsidentin Ulrike Oberhammer.

Es seien vor allem Frauen, die unsere Gesellschaft in dieser Krise am Leben halten, denn sie arbeiten überdurchschnittlich oft in systemrelevanten Berufen, sei es als Ärztinnen, Krankenpflegerinnen, in Altersheimen, als Kassiererinnen oder zu Hause bei der Kinderbetreuung – auch unter Gefahr, sich selbst zu infizieren. Sie gehörten deshalb zu jenen, die ihrem systemrelevanten Job nicht fernbleiben können, weil Schulen und Kindergärten geschlossen wurden.

„Die Coronakrise fordert den Menschen mehr Fürsorge ab. Für Kranke, für Schwache, für Kinder. Doch die Arbeit ist meist unterbezahlt, oft unbezahlt, scheinbar unsichtbar. Und: Fast immer ist es Frauenarbeit. Dies ist eine Folge der gesellschaftlichen Geringschätzung von Sorgearbeit als typisch weibliche Tätigkeit: Was in der Familie ‚umsonst‘ geleistet wird, erzielt auch auf dem Arbeitsmarkt keinen angemessenen ökonomischen Wert. Dabei ist Fürsorgearbeit für unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand existenziell. Die Arbeitsleistungen von Frauen bilden nicht erst in der Krise das Rückgrat unseres Systems“, erklärt Oberhammer weiter.

Die professionelle Sorgearbeit müsse durch angemessene und faire Gehälter aufgewertet und die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten müssten verbessert werden. Dabei handle es sich um Forderungen, die der Landesbeirat für Chancengleichheit seit vielen Jahren erhebt. Die Hilfspakete, die zur Linderung der drohenden ökonomischen Krise geschnürt wurden, müssten deshalb auch zu besseren Bedingungen und höheren Gehältern in den systemtragenden Jobs führen, fordert Oberhammer.

„Zuhause stehen Frauen aktuell vor kaum zu bewältigenden Herausforderungen. In Familien mit Kindern müssen diese wegen der Schließung von Kitas, Kindergärten und Schulen tagsüber betreut, versorgt und zum Teil unterrichtet werden. Gleichzeitig soll eigentlich der Job im Homeoffice erledigt werden und auch die Haushaltsarbeit wird nicht weniger. Die Praxis zeigt: Die zusätzliche Sorgearbeit übernimmt in Familien mit zwei Erziehenden in den meisten Fällen die Frau, die schon vor Corona täglich mehr Stunden damit verbracht hat als ein Mann. Ebenso sind pflegende Angehörige z.B. durch die Schließung von Tagespflegeeinrichtungen oder dem Wegfall von Betreuerinnen (badanti), die in ihre Heimat zurückgekehrt sind, in ihrer Erwerbsarbeit deutlich eingeschränkt und von finanziellen Einbußen bedroht. Das alles ist schon für zwei Erziehende herausfordernd, für die vielen Alleinerziehenden – davon der Großteil Frauen – ist das schlicht nicht leistbar“, erklärt Oberhammer.

Viele Frauen würden in Teilzeit arbeiten, im informellen Sektor oder seien anderweitig prekär beschäftigt und somit in Krisenzeiten kaum geschützt. Damit langfristig nicht doch vor allem Frauen finanziell unter der Pandemie leiden, sei es umso wichtiger, dass Maßnahmen nicht nur typische Männerberufe beispielsweise in der Industrie in den Fokus nehmen, sondern Beschäftigungsformen und -verhältnisse von Frauen gleichermaßen berücksichtigt werden.

Es gelte auch neue Formen der Kinderbetreuung anzudenken, wie z.B. Verkleinerung der Kindergartengruppen und Öffnung der Kindergärten in den Sommermonaten oder auch die Erhöhung des Elterngeldes (s.g. „congedo parentale“), wenn die Kinderbetreuung von beiden Eltern zu gleichen Teilen übernommen wird. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass Frauen zu Hause bleiben müssen und damit langfristig riskieren, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Viele Frauen würden bereits jetzt um ihre Existenz und die Versorgung ihrer Familie fürchten.

„Selbst in ihrem eigenen Zuhause sind Frauen nicht immer sicher. Angesichts der Ausgangsbeschränkungen sind Frauen in den eigenen vier Wänden vermehrt Gewaltsituationen ausgesetzt“, fügt Oberhammer hinzu.

Die Coronakrise macht laut Landesbeirat deutlich: Ein System, das maßgeblich von den Schlechtbezahlten, Doppeltbelasteten und von Gewalt Bedrohten zusammengehalten wird, arbeite schon im Normalbetrieb an seiner Belastungsgrenze. „Aus Corona lernen muss deshalb heißen, die systematische Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern abzubauen. Grundvoraussetzung dafür ist eine ressortübergreifende Gleichstellungsstrategie, die alle Entscheidungsebenen verpflichtet, Gleichstellung als Querschnittsthema in ihren Vorhaben und Projekten zu berücksichtigen, die Sichtweise der Frauen bei allen Entscheidungen, auch in der derzeitigen Ausnahmesituation, auch hinsichtlich des Einsatzes der Gelder zu berücksichtigen, Frauen aus allen Bereichen entsprechend zu involvieren sowie eine geschlechtergerechte Verteilung der Mittel in allen öffentlichen Haushalten“, so Oberhammer.

Die Alperia AG, unter der Führung der Vorstandsvorsitzenden Flora Kröss, sei hier mit gutem Beispiel vorangegangen und unterstütze mit einer sehr hohen Spende drei Vereine, die sich seit vielen Jahren gegen Gewalt an Frauen einsetzen und auch in dieser Zeit für die Frauen da sind. „Dies zeigt, wie wichtig die Präsenz von Frauen in Führungspositionen ist, auch um die wichtige weibliche Sichtweise einbringen zu können“, erklärt Oberhammer abschließend.

Von: mk

Bezirk: Bozen

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