Sie gestand öffentlich die Liebe zu einer Frau

Italiens erstes Coming-Out: Mariasilvia Spolato wird in Bozen beerdigt

Dienstag, 13. November 2018 | 18:26 Uhr

Bozen – Sie hat ihren Doktortitel mit Summa cum laude erworben, sie arbeite als Universitätsdozentin in Mathematik und im Jahr 1972 war sie die erste Frau in Italien, die öffentlich zu ihrer Homosexualität stand. Doch dabei hat sie alles verloren: die Frau, die sie liebte, ihre Arbeit und die Bindungen zu ihrer Familie. Vor wenigen Tagen ist Mariasilvia Spolato im Alter von 83 Jahren in einem Altersheim in Bozen gestorben.

Laut einem Bericht von Alto Adige online hat Mariasilvia Spolato, die ursprünglich aus Padua stammte und dann nach Rom zog, für ihren Mut und ihre Ehrlichkeit einen hohen Preis bezahlt. Viele Jahre lebte sie als Obdachlose auf der Straße.

Gemeinsam mit Angelo Pezzana hat sie im Jahr 1971 die Zeitschrift „Fuori“ gegründet, die sich bald zur ersten offen homosexuellen Organisation in Italien entwickelte. Die unermüdliche Aktivistin publizierte das „erste lesbische Gedicht des italienischen Neofeminismus“ und das Buch „I movimenti omosessuali di liberazione“, das noch heute als Standardwerk ziviler Bürgerrechte gilt.

Doch Italien, das auch heute noch in vielerlei Hinsicht rückständig ist, war es in den 70-er Jahren noch mehr. Ohne Geld und ohne Haus wurde Mariasilvia nach und nach an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Zuerst schlief sie bei Freunden, dann auf Bahnhöfen, in Zügen und in Parks. Wie sie nach Bozen kam, ist unklar. Sie ist viel herumgereist in Europa. Sämtliche Lokführer hätten sie gekannt, soll sie einmal erklärt haben. In der Südtiroler Landeshauptstadt hielt sie sich oft am Bahnhofsgelände, in der Stadtbibliothek oder auf der Talferpromenade auf. Stets hatte sie Zeitschriften und Bücher bei sich.

Lange Zeit hatte sie sich anderen Menschen gegenüber verschlossen, wollte nicht von sich erzählen – und schon gar keine Hilfe annehmen. In den 90-er Jahren erlitt sie eine Gewebs-Nekrose an einem Bein und musste im Bozner Krankenhaus behandelt werden. Anschließend nahmen sich die Sozialdienste ihrer an und sie kam im Haus Margareth unter, einer Einrichtung für Frauen in Not. Dann wurde sie in die Villa Harmonie, ein Altersheim in Bozen, verlegt. Doch zunächst kam sie nur zum Schlafen und war untertags ständig unterwegs.

Erst nach drei Jahren öffnete sie sich auch seelisch und ließ die Mitarbeiter der Einrichtung an sich heran.

Die Beerdigung findet am Freitag um 13.45 Uhr in Bozen statt. Organisiert wird das Begräbnis von Angehörigen und vom Betrieb für Sozialdienste Bozen, wie​ Direktorin Liliana Di Fede auf Facebook mitteilt.

Auch der Fotograf Lorenzo Zambello hat vom Tod der 83-Jährigen erfahren. „Silvia hat das Herz von allen erobert. Als Fotograf war es für mich ein Ehre, sie fotografieren zu dürfen. In Wirklichkeit mochte sie es nicht, fotografiert zu werden“, erklärt Zambello.

Im Frühjahr habe er mehrere Porträts von Senioren im Altersheim angefertigt. Dabei habe er Mariasilvia Spolato kennengelernt.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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13 Kommentare auf "Italiens erstes Coming-Out: Mariasilvia Spolato wird in Bozen beerdigt"


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herbstscheich
herbstscheich
Superredner
5 Tage 6 h

keine Ahnung was da soo.. “Beeindruckend”  sei….

Jason_Voorhees
5 Tage 3 h

Beeindruckend finde ich es wenn eine Person sich offen traut “anders” zu sein und gegen den Strom zu schwimmen. Ich selber kenne sehr viele Leute die den ganzen Tag lang brav funktionieren und in unserer Gesellschaft ihre Rolle spielen und ihre eigenen Ansichten, Vorlieben, Bedürfnisse usw. verbergen aus Angst sonst nicht mehr dazuzugehören.
Wenn jemand – noch dazu jemand der viel zu verlieren hat – öffentlich dazu steht “anders” zu sein (auf welche Art und Weise auch immer) dann hat derjenige meinen Respekt und meine Bewunderung. Und was ich so lese gehörte diese Frau eben auch dazu.

Bella Bionda
Bella Bionda
Grünschnabel
4 Tage 23 h

@Jason_Voorhees

sehr gut geschrieben – stimme ihnen voll und ganz zu!

m69
m69
Kinig
4 h 47 Min

@Jason_Voorhees 

sie wissen aber schon das wir aber “jetzt” nicht mehr das Jahr 1970 schreiben?

Jason_Voorhees
5 Tage 7 h

Eine beeindruckende Frau und eine bewegende Lebensgeschichte!

falschauer
falschauer
Grünschnabel
5 Tage 6 h

hut ab vor so viel zivilcourage…

aristoteles
aristoteles
Superredner
5 Tage 8 h

meine hochachtung. lebe wohl intellektuelle „barbona“

Norbi
Norbi
Superredner
5 Tage 5 h

In den 70 Jahren waren das ja noch “fast totsünden” nur bestimmte  personen …………….durften sich alles erlauben. Zum glück hat sich das geändert. Ich respektiere auch die Personen die anderes fühlen als ich.

AAA
AAA
Grünschnabel
5 Tage 7 h

traurig. ober so a schlogzeih

Angel
Angel
Grünschnabel
5 Tage 2 h

Gehe in Frieden. Die hat sich immer respektvoll verhalten. Wenn alle Obdachlosen so wären, dann wäre Bozen noch eine heile Stadt.

herbstscheich
herbstscheich
Superredner
4 Tage 13 h

und jene Frauen, die ganz einfach — Familie gründen– Kinder haben — die bekommen sicher keine solchen Schlagzeilen.

idenk
idenk
Grünschnabel
5 Tage 1 h

Respekt ☝️eine Frau mit Persönlichkeit und starken Charakter 💪

Queen
Queen
Tratscher
5 Tage 53 Min

Na wia traurig und i hon sie olm gsegn! Hon leider net von ihrem Schicksol gwisst. Ruhe in Frieden mutige Frau!

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