Von: mk
Bozen – Die aktuellen Daten des Südtiroler Sanitätsbetrieb zu den Wartezeiten 2025 im Vergleich zu 2024 zeichnen ein alarmierendes Bild. Aus Sicht des Verbraucherschutzvereins Robin hat sich die Situation in zentralen Bereichen nicht nur nicht nachhaltig verbessert, sondern teils deutlich verschlechtert. Besonders gravierend ist die Entwicklung in der Prioritätskategorie B-Prioritär mit maximaler Wartezeit von zehn Tagen: Die Anzahl der Fachbereiche, welche die durchschnittliche effektive mittlere Wartezeit um über 50 Prozent überschreiten, hat zugenommen.
„Während punktuelle Verbesserungen zu verzeichnen sind, bleibt die strukturelle Ineffizienz der gesetzten Maßnahmen offensichtlich. Lippenbekenntnisse ersetzen keine funktionierende Terminvergabe“, kritisiert Robin in einer Aussendung.
Die Erhebungen des Sanitätsbetriebs für 2025 ergeben folgendes Bild, wobei die Zahlen für 2024 in Klammern gesetzt sind.
Erstvisiten
• Dermatologische Erstvisite: bis 213 Tage durchschnittliche Wartezeit (319)
• Urologische Erstvisite: bis 194 Tage durchschnittliche Wartezeit (175)
• Gastroenterologische Erstvisite: bis 122 Tage durchschnittliche Wartezeit (291)
• Endokrinologische Erstvisite: 88 Tage durchschnittliche Wartezeit (155).
Die Daten zeigen: Während sich Dermatologie, Gastroenterologie und insbesondere Endokrinologie teils deutlich verbessert haben, ist die Urologie weiter auf problematischem Niveau. Von einer systematischen Trendwende könne laut Robin keine Rede sein.
Diagnostische Leistungen
• Koloskopie: bis 361 Tage (303) – also ein Jahr.
• (Farb)Dopplerechographie der Arterien untere Extremitäten: bis 311 Tage (306)
• Ultraschall der Schilddrüse: bis 291 Tage (272)
• Mammographie beidseitig: bis 268 Tage (233)
• Einfache Elektromyographie untere Extremitäten: bis 247 Tage (270).
„Gerade bei der Koloskopie ist die Entwicklung dramatisch. Eine durchschnittliche Wartezeit von bis zu 361 Tagen ist medizinisch nicht vertretbar und gesundheitspolitisch ein Offenbarungseid“, so der Kommentar von Robin.
B-Prioritär: „Gesetzliche Fristen werden systematisch verfehlt“
Besonders besorgniserregend bleibt die Situation laut Robin in der Prioritätskategorie B-Prioritär (maximal zehn Tage).
Im Jahr 2025 werden in keinem Monat des Jahres in den Fachrichtungen Kardiologie, Gefäßchirurgie, Physiatrie, Neurologie, HNO, Orthopädie und Urologie Termine im Durchschnitt fristgerecht vergeben.
Gegenüber 2024 haben sich Neurologie und Gastroenterologie gebessert, neu hinzugekommen ist jedoch die Gefäßchirurgie. Insgesamt zeigt sich: Die Zahl jener Bereiche, in denen die durchschnittliche effektive Wartezeit die Garantiezeit um mehr als 50 Prozent überschreitet, hat zugenommen. „Das ist kein statistischer Ausreißer, sondern Ausdruck strukturellen Versagens“, urteilt Robin.
Garantiezeiten laut ministeriellem Index: Fortschritte und Rückschritte
Die Auswertung der Einhaltung der Garantiezeiten laut ministeriellem Index zeigt:
• neun Bereiche mit Verbesserungen
• acht Bereiche mit Verschlechterungen
Die beste Performance erzielt die Endokrinologie bei den programmierten Visiten: von 42 Prozent fristgerechter Vergabe 2024 auf 100 Prozent im Jahr 2025.
Die schlechteste Entwicklung zeigt die Urologie – ebenfalls bei den programmierten Visiten: von 91 Prozent im Jahr 2024 auf dramatische 27 Prozent fristgerechte Vergabe der Termine in 2025. Diese Spannbreite belegt laut Robin: Verbesserungen sind möglich. Doch diese erfolgten nicht systematisch, sondern punktuell – während andere Bereiche massiv zurückfallen würden.
Von der Zwei- zur „Drei-Klassen-Medizin“
Robin warnt eindringlich vor einer weiteren sozialen Spaltung im Gesundheitswesen. „Wir sprechen längst nicht mehr nur von einer Zwei-Klassen-Medizin, sondern zunehmend von einer ‚Drei-Klassen-Medizin‘“, kritisiert Robin.
Während zur ersten Klasse Bürgerinnen und Bürger gehören, die sich private oder intramurale Leistungen jederzeit leisten können und sich den „Faktor Zeit“ erkaufen, müssen Patienten „zweiter Klasse“ innerhalb des öffentlichen Systems mit langen Wartezeiten und/oder Zuzahlungen zurechtkommen. Die dritte Klasse sieht Robin in einer wachsenden Gruppe – in Südtirol schätzungsweise rund fünf Prozent der Patienten –, die sich notwendige Behandlungen aus Einkommensgründen nicht angemessen leisten kann und diese übermäßig verschieben muss oder ganz darauf verzichtet.
„Diese Entwicklung ist sozialpolitisch brandgefährlich. Ein System, das formell universalistisch ist, darf faktisch keine Dreiteilung nach Zahlungsfähigkeit produzieren“, erklärt Robin.
Forderungen von Robin: „Verantwortung statt Ausreden“
Die bisherigen Maßnahmen – von organisatorischen Anpassungen bis zu punktuellen Steuerungsversuchen – zeigen laut Robin keine durchschlagende Wirkung. Angesichts der Ineffizienz der getroffenen Maßnahmen wirft der Verbraucherschutzverein sogar die Frage nach der Führungsverantwortung vor allem von Gesundheitslandesrat Dr. Hubert Messner und vom Generaldirektor des Sanitätsbetriebs Dr. Christian Kofler auf.
Robin fordert daher zunächst die verbindliche Einhaltung der gesetzlichen Wartezeiten, insbesondere in der Kategorie B-Prioritär. Dazu kommen eine monatliche transparente Veröffentlichung der effektiven mittleren Wartezeiten und der Überschreitungsquoten sowie eine externe Organisationsanalyse mit klaren Zielvorgaben und messbaren Verbesserungsfristen.
Zuletzt gelte es klare personelle und politische Verantwortung zu übernehmen, falls die Zielwerte nicht innerhalb eines definierten Zeitraums erreicht werden.
Der Kommentar von Walther Andreaus, Geschäftsführer von Robin lautet: „In Italien zahlen Patientinnen und Patienten jährlich rund zehn Milliarden Euro aus eigener Tasche, weil die Wartelisten zu lang sind. Jede zweite Visite und jede dritte diagnostische Untersuchung werden privat finanziert. Es wäre interessant zu hören, ob wir in Südtirol in dieselbe Richtung marschieren – und warum es trotz jahrelanger Ankündigungen nicht gelingt, die Wartezeiten spürbar zu verkürzen. Wer profitiert wirtschaftlich davon, dass öffentliche Strukturen chronisch überlastet bleiben?“
Für Robin steht fest: Die Zahlen 2025 seien kein Betriebsunfall, sondern ein strukturelles Problem. „Wenn sich der negative Trend fortsetzt, ist nicht nur die Versorgungsqualität in Gefahr, sondern auch das Vertrauen der Bevölkerung in das öffentliche Gesundheitswesen. Südtirol braucht endlich ein System, das die Garantiezeiten einhält – und keine Verwaltung, die deren Verfehlung verwaltet“, so der Verbraucherschutzverein.




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