Wolodymyr Selenskyj zu Besuch in Prag

Selenskyj erwartet klares Signal vom Nato-Gipfel in Vilnius

Freitag, 07. Juli 2023 | 05:43 Uhr

Von: APA/dpa

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist nach seinem Bulgarien-Besuch am Donnerstag nach Prag gereist. Dabei äußerte er sich bei einer Pressekonferenz mit seinem tschechischen Amtskollegen Petr Pavel zum bevorstehenden Nato-Gipfel in Vilnius. Dieser solle sich auf reale Inhalte und ein “klares Signal” für eine Mitgliedschaft der Ukraine in der Militärallianz konzentrieren. “Wir brauchen diese Motivation. Wir brauchen Ehrlichkeit in unseren Beziehungen”, so Selenskyj.

Es sei der richtige Augenblick gekommen, die Einigkeit und den Mut des Bündnisses unter Beweis zu stellen. Zugleich räumte Selenskyj Widerstände ein. Manch einer sehe sich noch nach Moskau um, kritisierte der 45-Jährige.

Pavel sprach sich dafür aus, dass die Ukraine unmittelbar nach Kriegsende Beitrittsverhandlungen zur Nato beginnen sollte. “Das ist im Interesse auch unserer Sicherheit, es ist im Interesse der regionalen Stabilität und der wirtschaftlichen Prosperität”, betonte der frühere Nato-General. Tschechien werde sich zudem dafür einsetzen, dass Beitrittsverhandlungen der Ukraine zur EU bereits noch in diesem Jahr beginnen sollten.

Selenskyj bedankte sich in Tschechien für die Unterstützung sowohl durch die Waffenlieferungen als auch durch die Aufnahme von Hunderttausenden Kriegsflüchtlingen. Er räumte ein, dass die aktuelle Gegenoffensive nicht schnell vorankomme, aber man gehe voran und weiche nicht zurück, betonte er.

Tschechiens liberalkonservative Regierung gilt als entschiedene Unterstützerin Kiews. In Prag verweist man auf die eigenen negativen Erfahrungen mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten vom August 1968 in die damalige Tschechoslowakei. Die letzten Sowjetsoldaten verließen erst 1991 das Land.

Allein von Jänner bis Mai dieses Jahres stellte die tschechische Regierung der Ukraine nach früheren Angaben 24 Panzer, 76 Schützenpanzer und 16 Luftabwehr-Fahrzeuge zur Verfügung. Hinzu kämen 57.000 Schuss Artilleriemunition sowie weitere Materialien wie Ersatzteile und Schutzausrüstung gegen atomare, biologische und chemische Gefahren.

Am Freitag wird Selenskyj zudem in der Türkei erwartet. Er werde sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Istanbul treffen, meldete die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Eine Bestätigung von ukrainischer Seite lag zunächst nicht vor. Bei dem Treffen soll es Anadolu zufolge unter anderem um das sogenannte Getreideabkommen gehen, das am 17. Juli ausläuft.

Zuvor hatte Selenskyj am Donnerstag auf Einladung der bulgarischen Regierung Sofia besucht. Dabei haben er und Premierminister Nikolaj Denkow eine weitere Unterstützung der Ukraine vereinbart. Mit seiner traditionell starken Verteidigungsindustrie gilt Bulgarien als wichtiger Waffenlieferant für die Ukraine. Daher steht die weitere Unterstützung im Mittelpunkt der Visite.

Darüber hinaus traf Selenskyj bei seinem Besuch auch den bulgarischen Präsidenten Rumen Radew. Russlands Ziel sei, die Ukraine zu vernichten, betonte er gegenüber Radew, der sich wiederholt gegen die Waffenlieferungen an Kiew ausgesprochen hat.

Das kurze Treffen zwischen beiden Präsidenten verlief emotional, nachdem der bulgarische Präsident Radew, der als russlandfreundlich gilt, mehrmals von einem “Konflikt” zwischen der Ukraine und Russland gesprochen hatte. “Dieser Konflikt hat keine militärische Lösung”, sagte Radew. “Das ist kein Konflikt, sondern ein Krieg, der die ukrainische Bevölkerung ausmerzen soll”, entgegnete Selenskyj.

Angereist war Selenskyj aus der moldauischen Hauptstadt Chişinău, wo der ukrainische Präsident von einer bulgarischen Regierungsmaschine abgeholt worden ist. Der Kurzbesuch gilt als Zeichen der Wertschätzung für die bisherige militärische Unterstützung der Ukraine durch Bulgarien. Seit Kriegsausbruch reiste Selenskyj in 13 Länder, in der Regel zu internationalen Foren. Bulgarien ist das siebente Land, das er zu bilateralen Gesprächen besucht.