Auch Moskau wurde schon Ziel ukrainischer Drohnen

Tote bei erneuten russischen und ukrainischen Angriffen

Sonntag, 12. Juli 2026 | 19:42 Uhr

Von: APA/dpa/AFP

Bei erneuten russischen Angriffen auf die Ukraine sind in der Nacht auf Sonntag nach örtlichen Angaben mehrere Menschen getötet worden. In der Region Dnipropetrowsk seien drei Menschen bei Drohnen- und Artillerie-Angriffen gestorben, erklärte der örtliche Militärgouverneur Olexandr Gandscha. Zwei Tote gab es bei einem Angriff auf eine Industrieanlage in Krywyj Rih. Bei ukrainischen Angriffen auf die von russischen Truppen besetzte Stadt Enerhodar starben sieben Menschen.

In Cherson im Süden der Ukraine wurde überdies ein 48-jähriger Mann durch eine von einer Drohne abgeworfene Sprengvorrichtung getötet, wie der Chef der Militärverwaltung der frontnahen Stadt, Jaroslaw Tschanko, im Onlinedienst Telegram mitteilte.

Weitere vier Bewohner der Stadt Enerhodar in der Nähe des Atomkraftwerks Saporischschja seien verletzt worden, sagten Alexej Lichatschow, Leiter der russischen Atombehörde Rosatom, sowie der von Moskau eingesetzte regionale Gouverneur Jewgenij Balizkij. Das Kernkraftwerk gilt als größter Arbeitgeber der Bewohner der Stadt. Das mit sechs Reaktoren und einer Nennleistung von 6.000 Megawatt größte Atomkraftwerk Europas steht seit März 2022 unter russischer Kontrolle. Es produziert derzeit keinen Strom.

Angriffe vor Pariser Treffen

Die russischen Angriffe ereigneten sich kurz vor dem Treffen der Unterstützerstaaten der Ukraine in Paris, an dem auch Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) teilnehmen will. Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird zu dem Austausch der sogenannten Koalition der Willigen am Montagnachmittag erwartet.

Die ukrainische Regierung fordert von ihren Verbündeten mehr Druck auf Russland für ein Ende von dessen Angriffskrieg sowie mehr Unterstützung für die ukrainische Luftabwehr. Vergangenen Mittwoch hatte US-Präsident Donald Trump angekündigt, der Ukraine die Erlaubnis zu erteilen, US-Patriot-Luftabwehrsysteme in Lizenz selbst herzustellen. Die Produktion dieser Raketen ist allerdings sehr zeitaufwendig.

Warum die Ukraine im Asowschen Meer Schiffe attackiert

In der Nacht auf Sonntag attackierten indes ukrainische Drohnen erneut Ziele im russischen Hinterland. Schlagzeilen machte der Angriff auf eine Raffinerie im russischen Wolgagebiet Samara 800 Kilometer von der Front entfernt. Die Anlage selbst geriet Augenzeugen zufolge in Brand – und vergrößert damit die Sorgen der Russen bei der Treibstoffversorgung. Der Generalstab in Kiew meldete später aber auch Angriffe im Asowschen Meer. Zehn Öltanker und vier Fähren seien getroffen worden, hieß es.

Der Chef der ukrainischen Drohnentruppen, Robert Browdy, veröffentlichte auf seinem Telegramkanal Videos von den Wärmebildkameras der angreifenden Drohnen, die eine Vorstellung von den Schäden vermitteln. Zu sehen ist, wie die Drohnen sich im Anflug den Tankern nähern und die Bediener sie Richtung Brücke steuern. Beim Aufschlag bricht die Übertragung ab. Andere Drohnen nehmen die Explosionen auf, meist gibt es mehrere auf einem Schiff.

Fast 100 Schiffe innerhalb einer Woche

Seit einer Woche stehen die russischen Schiffe im Asowschen Meer unter Dauerbeschuss. Die Angriffe haben in der Nacht zum 6. Juli begonnen. Damals attackierten die ukrainischen Drohnen zwei seegängige Binnentanker, die Benzin auf die Krim bringen sollten. Solche Schiffe sind mit einer Ladekapazität von etwa 7.000 Tonnen nicht besonders groß. Nach Einschätzung des unabhängigen Militäranalysten Jan Matwejew hätten die beiden Tanker aber 20 Prozent des monatlichen Benzinverbrauchs auf der Krim abdecken können.

Inzwischen haben die ukrainischen Drohnentruppen nach Zählung Browdys 90 Schiffe im Asowschen Meer angegriffen, einige davon mehrfach. Oft sind es kleine Binnentanker, die laut Browdy zur russischen Schattenflotte gehören. Ihre Aufgabe besteht darin, den Treibstoff zu den Häfen im Asowschen Meer oder der Meerenge von Kertsch zu bringen oder ihn auf größere Tanker umzuladen. Für den rauen Seegang im Schwarzen Meer sind sie nicht gerüstet, das flache Asowsche Meer hingegen war kein Problem – bisher.

Führungsloser Metallschrott auf hoher See

Denn die Drohnen haben sich innerhalb kürzester Zeit zum Albtraum für die Seeleute entwickelt. Zumeist sind es Mittelstreckendrohnen – wohl in abgespeckter Version, also mit weniger Sprengstoff beladen als möglich, um die Reichweite zu erhöhen. Die Wucht der Explosion reicht nicht aus, um das Schiff zu versenken, aber bei Beschädigung der Brücke ist es führungslos. Mit zusätzlichen Angriffen auf russische Schlepperschiffe sorgt die Ukraine dafür, dass die Russen die Tanker nicht in die Häfen bugsieren können.

Damit erhöht Kiew das Problem der Treibstoffversorgung für die Südfront der russischen Truppen. Es ist die nächste Etappe einer ausgeklügelten Taktik, die darauf zielt, das Übergewicht bei der Drohnentechnik zur Schwächung des Gegners auf allen Ebenen auszunutzen. In der ersten Phase hatte die Ukraine die Flugabwehr der Russen in den besetzten Gebieten und der seit 2014 annektierten Krim konsequent ausgeschaltet.

Frontnahes Hinterland wird zur Todesfalle

Nachdem die Russen den Drohnen damit kaum noch etwas entgegenzusetzen hatten, attackierten die Ukrainer konsequent deren Militäreinrichtungen und Treibstoffversorgung. Langstreckendrohnen wie der Eigenbau Ljuty nehmen seither immer wieder große Raffinerien im Hinterland ins Visier. Mittelstreckendrohnen mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern überwachen die Straßen zur Front und verbrennen nicht nur Militärfahrzeuge, sondern auch Dutzende Tanklaster und kleinere Depots auf der Krim, bei Donezk oder auch in Luhansk.

Kiew setzt darauf, die russischen Truppen vom Nachschub abzuschneiden und damit zu stoppen und später sogar zum Rückzug zu zwingen. Die Krim als größte Nachschubbasis der russischen Militärs im Süden spürt den Treibstoffmangel bereits seit Monaten. Auch die russischen Militärblogger klagen über zunehmende Probleme bei der Versorgung. Noch ist die Lage nicht kritisch für die Besatzer. Mit dem Kappen des Seeverkehrs über das Asowsche Meer erhöht die Ukraine aber noch einmal den Druck.

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