Bilder aus den Städten

Vor Schicksalswahl in Ungarn: Tausende demonstrieren gegen Orban

Sonntag, 12. April 2026 | 17:05 Uhr

Von: mk

Budapest – Die Wahl in Ungarn gilt als Richtungsentscheidung – denn erstmals seit 16 Jahren könnte es die Opposition schaffen, den amtierenden Ministerpräsidenten Viktor Orban zu entmachten. Im Vorfeld der Wahl kam es in ungarischen Städten zu Kundgebungen gegen den Rechtspopulisten, an denen sich Tausende beteiligten. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass das politische System so verändert wurde, dass ein fairer Wettbewerb kaum noch möglich ist.

Die Wahl wird als die wichtigste seit 1989/90 für das EU-Land gehandelt: Die Ungarinnen und Ungarn könnten nach 16 Jahren die Ära von Orban beenden. Mit Péter Magyar hat es die Opposition geschafft, einen charismatischen Kandidaten aufzustellen. Das zeigen auch die letzten Umfragen vor der Ungarn-Wahl, die Orbans Partei Fidesz hinter dem Herausforderer TISZA rund um Magyar sehen.

Bereits jetzt ist klar: Bei der Parlamentswahl zeichnet sich ein Teilnahmerekord ab, den es vorher nicht gegeben hat. Nach Zahlen des Nationalen Wahlbüros (NVI) gaben bis 15.00 Uhr 66 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab, während es 2022 um diese Zeit 52,75 Prozent waren.

Laut Aussage des NVI wird ab 20.00 Uhr mit der Veröffentlichung der Wahlergebnisse begonnen. Dabei sollen zunächst die Stimmzettel der Einzelkandidaten ausgezählt werden und dann die Landeslisten folgen. Mit aussagekräftigen Teilergebnissen wird am späten Sonntagabend gerechnet.

Gleichzeitig mit Orbán gab auch TISZA-Vorsitzender Magyar seine Stimme ab. In einer kurzen Pressekonferenz im Wahllokal forderte er die Bürger auf, zur Wahl zu gehen und Wahlbetrug zu melden. Es seien bereits 60 Meldungen eingetroffen, erklärte Magyar laut dem Portal. Orban hatte dagegen erklärt, das ungarische Wahlsystem sei das sicherste in Europa.

Oppositionsführer Magyar sieht die Wahl als „Volksabstimmung“ über Orban, der bereits seit 2010 ununterbrochen regiert. Magyar prangert Korruption sowie die schweren Missstände im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen oder im Bahnverkehr in Ungarn an. Gleichzeitig will er im Gegensatz zum Amtsinhaber die ungarische Position in der EU und NATO stärken sowie die wegen Rechtsstaatlichkeitsmängeln eingefrorenen EU-Gelder Ungarns wieder nach Hause zu holen.

Der bald 63-jährige Orban gilt mit seinem Schlagwort der „illiberalen Demokratie“ als Symbolfigur der Rechtspopulisten in ganz Europa und darüber hinaus. Zudem gilt Ungarns Regierungschef als Verbündeter von Russlands Präsident Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump zugleich, und er pflegt auch gute Beziehungen zu China. Trump unterstützte ihn im Wahlkampf ganz offen, zuletzt mit einem Besuch von Vizepräsident JD Vance in Budapest sowie mit dem Versprechen von wirtschaftlicher Unterstützung für die Ungarn – aber nur im Fall eines weiteren Sieges von Orban.

Magyar spiegelt die Befindlichkeit eines großen Teils der Bevölkerung in Ungarn. Steigende Unzufriedenheit mit Premier Viktor Orban und seinem System gab es schon seit längerem. Nun aber herrscht im Land so etwas wie Aufbruchstimmung vor einem grundlegenden Wandel – zugleich aber auch eine große Unruhe wegen der Wahlkampagne Orbans, die eine Parallelwelt voller fiktiver Gefahren für Ungarn aufgebaut hat.

Skandale erschütterten die Öffentlichkeit

Aufgebracht hat die Bevölkerung gegen Orban außerdem eine Affäre um schwerste Gewalt und sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in einem Budapester Kinderheim, das faktisch ein brutales Jugendgefängnis war und inzwischen geschlossen wurde. Geleakte Videos zeigten schockierende Gewaltszenen durch Angestellte des Heims. Regierungsvertreter hatten offenbar von den Zuständen gewusst, aber nichts unternommen. Dabei ist Kindesschutz – gepaart mit Homophobie – ein wichtiges Thema der Orban-Regierung.

Ein weiterer Skandal in einer Samsung-Batteriefabrik im Ort Göd nördlich von Budapest erschütterte Anfang Februar ebenfalls die Öffentlichkeit. Nach einer Recherche des Portals Telex sollen dort über Jahre hinweg Beschäftigte wissentlich giftigem Schwermetallstaub ausgesetzt gewesen sein. Giftiger Staub soll zudem an die Luft, in den Boden und in das Grundwasser gelangt sein, wobei zulässige Grenzwerte laut Dokumenten teilweise um mehr als das 500-Fache überschritten worden seien.

Der Dokumentarfilm “Der Preis der Stimme”, der Ende März auf Youtube veröffentlicht wurde, zeigt hingegen, wie Orbans Partei seit Jahren die Wahlstimmen von armen Ungarn, Roma und Drogensüchtigen kauft. Gleichzeitig erfuhren ungarische Bürger von der Luxus-Renovierung des Nationalbank-Gebäudes in Budapest. Der Ex-Nationalbankchef György Matolcsy, der als einst als Orbans wichtigster Finanzpolitiker tätig war, hatte sich dort unter anderem eine Privattoilette mit goldenen Klobürsten ausstatten lassen. Inzwischen ist seine Familie samt ihrem mutmaßlich erschwindelten Vermögen offenbar nach Dubai ausgereist.

Auch das Landgut Hatvanpuszta – ein 13 Hektar großes ehemaliges Habsburger-Anwesen, das offiziell dem Vater des ungarischen Regierungschefs gehört – sorgte für Aufsehen. Fachleute schätzen die Kosten für Kauf und Umbau auf mehr als 32 Millionen Euro, also weit mehr, als Orbans Vater in seiner Unternehmerlaufbahn mit seinen Steinbrüchen hätte erwirtschaften können. Vermutet wird stattdessen, dass der wahre Besitzer der Liegenschaft Orban selber ist. Ungarische Medien bezeichneten im korruptionsgeplagten Land das Anwesen bereits als „Orbans Schloss“.

Auswirkungen auf die Zukunft Europas

Der Politologe und Soziologe Laszlo Keri, einst Lehrer des jungen Jura-Studenten Viktor Orban, erklärte in einem Interview mit dem Portal Uj Szo, dass die Wahl auch Auswirkungen auf die Zukunft Europas habe – „in einer Situation, in der Europa seinen Weg sucht“. Sollte Orban bei der Parlamentswahl in Ungarn tatsächlich unterliegen, verliert außerdem Kreml-Despot Wladimir Putin einen weiteren Verbündeten – diesmal sogar einen, der im Herzen Europas agiert.

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