Von: importer
Bei neuen Raketen- und Drohnenschlägen gegen ukrainische Städte in der Nacht auf Donnerstag sind laut Behörden mindestens zehn Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Auch Lwiw im Westen des Landes nahe der polnischen Grenze beklagte schwere Zerstörungen. Ein mutmaßlich russischer Marschflugkörper stürzte zudem in Polen ab, wie die Regierung in Warschau mitteilte. Damit verletzte Moskau einmal mehr den Luftraum eines NATO-Mitgliedstaates.
Russland habe mehr als 70 Marschflugkörper und ballistische Raketen eingesetzt, teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj in den sozialen Netzwerken mit. “Hinzu kamen über 280 Angriffsdrohnen. Mehr als 260 Drohnen konnten zerstört werden”, sagte er. “Dutzende gewöhnlicher Wohnhäuser, zivile Unternehmen und Infrastruktureinrichtungen wurden zerstört und beschädigt.”
Selenskyj erhebt Vorwürfe gegen Verbündete
Kampfflugzeuge konnten nach Selenskyjs Darstellung eine beträchtliche Anzahl von Marschflugkörpern abschießen. Zugleich verwies der Präsident erneut auf den “kritischen Mangel” an Patriot-Raketen für die Luftabwehr. Er forderte die Verbündeten – wie zuletzt immer wieder – zur Lieferung der Waffen auf. “Verspätete Hilfe und Verzögerungen bei der Lieferung von Raketenabwehrsystemen führen genau zu solchen Zerstörungen und genau zu solchen Opfern, wie wir sie heute leider erleben.”
Überraschend kam die nächtliche Angriffswelle indes nicht: Selenskyj hatte am Mittwoch vor einer unmittelbar bevorstehenden schweren Attacke Russlands aus der Luft gewarnt. Er berief sich dabei auf einen Lagebericht des ukrainischen Luftwaffenchefs.
Russland feuerte nordkoreanische Rakete ab
Das Ausmaß der Schäden wurde erst bei Tagesanbruch langsam klar. In einem Vorort der südukrainischen Stadt Krywyj Rih wurde laut Behörden das Wohnhaus einer Großfamilie von einer Rakete getroffen. Allein dort habe es sechs Tote gegeben, darunter zwei Kinder im Alter von fünf und zwölf Jahren, sowie acht Verletzte.
Bei dem Angriff auf Krywyj Rih wurde zwei Insidern zufolge wahrscheinlich eine nordkoreanische Rakete eingesetzt. Das wäre das erste Mal seit fast einem Jahr, dass eine solche Waffe in diesem Krieg abgefeuert wurde. Russland habe zwar bereits zuvor nordkoreanische Raketen auf ukrainische Ziele abgefeuert, fügt einer der Insider hinzu. Doch ihr Einsatz nach einer langen Pause deute darauf hin, dass Moskau über neue Waffenvorräte verfüge, auf die es bei den verstärkten Angriffen auf die Ukraine zurückgreifen könne.
Aus der Hauptstadt Kiew und dem Gebiet Poltawa wurden zwei Todesopfer und ebenfalls zahlreiche Verletzte gemeldet. In Lwiw gebe es 30 Verletzte, teilte die Stadt mit. In Cherson im Süden der Ukraine traf laut Behörden eine Drohne ein Auto. Ein Mann und eine Frau starben demnach. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.
In zwei großen Wohnblöcken in Lwiw unweit der polnischen Grenze seien nach Raketentreffern Brände ausgebrochen, hieß es in den Berichten. Fotos zeigten riesige Löcher, die in den Gebäuden klafften – und Rettungskräfte, die unter Trümmern nach Überlebenden suchen. Auch in Kiew wurden den Angaben zufolge mehrere Gebäude getroffen, teils wohl von herabstürzenden Drohnen- und Raketentrümmern. Reporter sprachen von mehreren Explosionswellen im Laufe der Nacht.
Russland bestätigt Angriffe
Umgekehrt nimmt das ukrainische Militär auch Ziele in Russland ins Visier, um den Krieg weiter in das Land des Angreifers zu tragen. Getroffen wurde in der Stadt Noworossijsk am Schwarzen Meer erneut ein Öltanker durch einen Drohnenangriff, wie das Kaspische Pipeline-Konsortium mitteilte. Bei einem Drohnenangriff im Hafen der Stadt Taman im Kreis Krasnodar gab es nach Behördenangaben Verletzte.
Das russische Verteidigungsministerium meldete in der Früh den Abschuss von 258 ukrainischen Drohnen; die Flugabwehr sei in der Nacht in zahlreichen Regionen des Landes im Einsatz gewesen. Das Ministerium bestätigte auch die Angriffe auf die Ukraine. Ziele seien Militärflughäfen, Rüstungsbetriebe, militärische Telekommunikationsinfrastruktur und logistische Zentren gewesen. Zudem seien drei für den Transport von militärischen Gütern genutzte Frachtschiffe in der Schwarzmeerregion getroffen worden.
Erneuter ukrainischer Angriff auf russischen Online-Händler
Durch Beschuss mit 15 Drohnen wurde in der Nacht zudem ein weiteres großes Lager des russischen Online-Händlers Wildberries in der Region Pensa in Brand gesetzt, wie der Gouverneur der Region, Oleg Melnitschenko, mitteilte. Das Feuer lodere auf einer Fläche von 62.000 Quadratmetern, hieß es. Dabei habe es mindestens einen Verletzten gegeben. Rund 200 Mitarbeiter seien in Sicherheit gebracht worden.
Auch in Sarapul in der Republik Udmurtien – rund 1.250 Kilometer östlich von Moskau – kam es in einem Lager von Wildberries zu einem Brand nach einem Drohnenangriff, wie das Unternehmen mitteilte. Seit diesem Monat attackiert die Ukraine immer wieder Logistikzentren des größten russischen Versandhauses. Selenskyj wirft Wildberries vor, mit Material zu handeln, das für den 2022 begonnenen Angriffskrieg gegen sein Land verwendet werde. Der Kreml weist das kategorisch zurück.
Polens Führung: Flugobjekt war wahrscheinlich russische Rakete
Ein Flugobjekt stürzte während russischer Angriffe auf die Ukraine in Polen ab. “Alles deutet darauf hin, dass es sich um einen russischen Marschflugkörper vom Typ CH-101 handelt, aber wir wollen den Ergebnissen einer genauen Untersuchung nicht vorgreifen”, sagte Polens Regierungschef Donald Tusk in Lublin. “Wir waren bereit, die Rakete abzuschießen, wenn sie weitergeflogen wäre.” Nach polnischen Militärangaben stieg ein Kampfjet vom Typ F-16 auf.
Der Absturzort nahe dem Ort Tarnawa Kolonia liegt südlich von Lublin und 90 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt. Das polnische Fernsehen zeigte Bilder von einem riesigen Krater in einem Feld, Anrainer berichteten von einem lauten Knall. Verletzt wurde niemand. Bereits in der Vergangenheit hat Polen schon mehrfach eine Verletzung seines Luftraums durch russische Raketen und Drohnen beklagt.
Von der Leyen: Inakzeptable Verletzung des Luftraums der EU
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verurteilte den Einschlag einer mutmaßlich russischen Rakete in Polen als inakzeptable Verletzung des Luftraums der Europäischen Union. Um dem ein Ende zu setzen, helfe die EU der Ukraine auf jede erdenkliche Weise, diesen Krieg zu gewinnen, schrieb von der Leyen auf der Online-Plattform X. Zudem baue die EU eine robuste europäische Sicherheitsarchitektur an Land, auf See und in der Luft auf, erklärt sie weiter.
Österreichs Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) betonte in einer Aussendung, die erneute Verletzung europäischen Luftraums zeige “einmal mehr, dass Russlands Angriffskrieg nicht an der ukrainischen Grenze endet. Wenn Raketen in einem EU-Mitgliedstaat einschlagen, dann bedroht das auch die Sicherheit von Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürgern.” Österreich stehe “in voller Solidarität an der Seite Polens und setzt seine entschlossene Unterstützung für die Ukraine fort”, so Meinl-Reisinger.




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