Von: apa
Tomas Zorn hat in einer unübersichtlichen Gemengelage sein Amt als Sport-Vorstand der Wiener Austria angetreten. Vorgeschlagen hatten den in Russland geborenen Deutschen die Investoren um Ex-Vorstand Jürgen Werner, deren Anteile am Club die Austria noch 2026 zurückerwerben will. “Ich bin nicht gekommen, um Stellvertreterkriege zu führen”, betonte Zorn bei seiner Präsentation am Donnerstag. Stattdessen wolle er mit guter Zusammenarbeit auch “Störfaktoren von außen” reduzieren.
Er habe keinen Bezug zu den Investoren, erklärte Zorn. “Ich bin kein Stellvertreter.” Ihm sei aber klar, dass es in der Vergangenheit Unruhe gegeben habe. “Diesen Vertrauensvorschuss muss ich mir erst erarbeiten bei Öffentlichkeit und Fans. Aber ich bin sehr motiviert, das zu tun. Ich habe richtig Lust, mit diesem Traditionsclub wieder erfolgreich Fußball zu spielen und das gesamte Potenzial herauszuholen. Ich brenne für die Aufgabe.”
Rangnick für Zorn wichtige Figur
Zorn berichtete seit seiner Bestellung vor eineinhalb Wochen von sehr produktiven Gesprächen. “Wir schauen alle in dieselbe Richtung.” Erste Gespräche mit der Austria habe es bereits vor eineinhalb Jahren gegeben, erzählte der 39-Jährige – damals über Austrias Aufsichtsratsmitglied Hanno Egger und auf Empfehlung von ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick, der ihn einst 2021 als Sportdirektor zu Lok Moskau geholt hatte.
“Ich kenne ihn über 15 Jahre”, sagte Zorn über Rangnick. Er habe Rangnick in seiner Zeit als Spielerberater kennengelernt, schätze dessen Sicht auf Fußball und wie man Strukturen schaffe, und befinde sich weiterhin in einem sehr regelmäßigen Austausch. Vor ein paar Tagen hätte er sich mit Rangnick in Wien getroffen, am Freitag beim Bundesliga-Frühjahrsauftakt der Austria in Salzburg soll dies ebenso der Fall sein wie eine Woche später beim Wiener Derby. Zorn: “Er ist für mich schon eine wichtige Person, was den Fußball betrifft.”
Der gebürtige Moskauer, ausgebildeter Jurist, will aber seine eigenen Schritte gehen. Seit seinem Aus bei Lok Moskau nach Kriegsbeginn Russlands in der Ukraine 2022 habe er unter anderem das FIFA-Diplom für Club-Management gemacht. Er habe viel hospitiert und sei auch beratend tätig gewesen. “Ich wollte unbedingt im deutschsprachigen Raum arbeiten”, erklärte Zorn. “Ich bin ein Macher, ich gestalte gerne. Ich komme ungern irgendwo hin, wo man nur verwaltet.”
Helm-Vertrag läuft mit Saisonende aus
Bei der Austria gibt es genug zu tun. “Für uns ist es essenziell wichtig, dass wir leistungsorientiert, zielstrebig und gemeinsam arbeiten”, betonte Zorn. Mit dem vom Verein bestellten neuen Sportdirektor Michael Wagner, dem Technischen Direktor Robert Urbanek und Akademieleiter Manuel Takacs habe er ein hervorragendes Verhältnis. Anderslautende Behauptungen der vergangenen Tage hätten ihn geärgert. “Wir fällen Entscheidungen kollegial, ich bin ein Teamplayer.”
Als eines seiner Hauptziele nannte Zorn, gute Prozesse im Scouting- und Ausbildungsbereich zu etablieren. “Wir haben einen guten Talentepool.” In die Arbeit von Trainer Stephan Helm wolle er sich nicht einmischen. “Der Trainer muss selbstständig aufstellen.” Dass Helms Vertrag mit Saisonende auslaufe, habe er im Hinterkopf, das habe er diesem auch signalisiert. “Mir ist es wichtig, die Arbeitsweise kennenzulernen”, erklärte Zorn. “Wir hängen Stephan nicht an irgendwelchen Ergebnissen an aktuell.” Der neue Vorstand sagte aber auch: “Das obere Play-off der Top 6 ist essenziell wichtig für uns.” Die Austria startet als Ligafünfter ins Frühjahr.
Die wichtigsten Entscheidungen, insbesondere Personalentscheidungen, unterliegen künftig dem Vier-Augen-Prinzip zwischen Zorn und Finanzvorstand Harald Zagiczek, erklärte Austria-Präsident Kurt Gollowitzer, “sodass beide Herren in allen Bereichen sehr, sehr eng zusammenarbeiten müssen”. Der Syndikatsvertrag mit den Investoren regle klar, dass der Verein den Finanzvorstand bestelle und das Vorschlagsrecht für jenen im Sport bei den Investoren liege.
Gollowitzer will Situation nicht “eskalieren lassen”
“Wir hätten die Möglichkeit gehabt, als Aufsichtsrat ein Veto gegen Tomas Zorn einzulegen”, bestätigte Gollowitzer. Dieser hätte sich in allen Hearings in den Club-Gremien aber sehr gut präsentiert. “Er hat glaubhaft gemacht, dass er diesen jungen Weg mit uns allen gehen will. Das ist eine hervorragende Basis. Er hat uns alle überzeugt.”
Einen internen Machtkampf stellte Gollowitzer in Abrede. Den Vertrag mit den Investoren, die das Überleben der Austria Anfang 2022 mit einem zweistelligen Millionenbetrag abgesichert habe, haben allerdings noch seine Vorgänger abgeschlossen. “Ich hätte gerne, dass Verträge eingehalten werden”, betonte Gollowitzer. “Das ist auch eine meiner Hauptaufgaben, dass ich es nicht zu weit eskalieren lasse.”
Gollowitzer bestätigte, dass es von beiden Seiten Bestrebungen gebe, die Anteile der Investorengruppe WTF (we think forward) um Werner wieder in den Verein zu überführen. “Wir haben sehr, sehr gute Gespräche in den letzten Wochen”, sagte Gollowitzer. “Ideal wäre, wenn der Rückkauf der Anteile Ende des zweiten Quartals abgeschlossen ist.” Offen ist derzeit aber noch die Finanzierung. Er möchte nicht, dass das Vorhaben den Verein oder das Budget der AG in naher Zukunft belaste und damit den “sehr, sehr guten Sanierungskurs”, auf dem man sich befinde, gefährde.
Leicht positive wirtschaftliche Signale
“Es gab schon schwierigere Zeiten als jetzt”, sagte Gollowitzer. Zagiczek verwies darauf, dass die Austria ein positives Halbjahresergebnis ausweise und erstmals in diesem Jahrzehnt ein positives Jahresergebnis erzielen werde. Auch im Forecast für 2026/27 stehe ein “satter Gewinn”. Im Vorjahr hatte die Austria ihr Stadion an die Stadt Wien verkauft, um für Liquidität zu sorgen. Man bezahle alle Rechnungen sehr pünktlich, betonte der Finanzvorstand. Zagiczek: “Eine Sanierung geht nicht von heute auf morgen. Aber wir sind guter Dinge.”
Er sei zuversichtlich, dass die Austria die Lizenz zum dritten Mal in Folge in erster Instanz erhalte. Abgabefrist für die Unterlagen ist am 2. März. “Es gibt einige Herausforderungen”, sagte Zagiczek. Jene der Reduktion des negativen Eigenkapitals sei gelöst und behoben, jene der Liquiditätsdarstellung über das kommende Geschäftsjahr hinaus im Entstehen.
Wirtschaftlich sei wichtig, die Austria-Strategie, nach der “tunlichst operative Erlöse aus dem Sport” – etwa durch Verkäufe selbst ausgebildeter Spieler – benötigt werden, umzusetzen. Und da kommt Zorn ins Spiel. Auch Zagiczek berichtete von einem sehr produktiven Start mit seinem neuen Vorstandskollegen. Obwohl Zorn, der zuletzt immer wieder aus Berlin eingeflogen war, die weiteste Anreise habe, sei er der erste im Büro und auch der letzte, der dieses verlassen habe. “Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.”




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