Von: APA/dpa
Kaum ein Künstler verkörperte den Wandel des Lebensgefühls der westlichen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg besser als David Hockney. Nun ist der legendäre britische Maler kurz vor seinem 89. Geburtstag gestorben. Mit seinen von einem Spiel aus kräftigen Farben und Licht geprägten Gemälden wurde er zu einem der einflussreichsten Maler des 20. und des 21. Jahrhunderts.
Auch in Österreich hinterließ er seine Spuren: 2022 widmete ihm das inzwischen geschlossene Bank Austria Kunstforum in Wien mit 125 Arbeiten aus sechs Schaffensdekaden die erste umfangreiche Schau in Österreich, in der Saison 2012/2013 gestaltete er unter dem Titel “Wien Musik” den Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper, gemalt hatte er das bunte Monumentalgemälde am iPad. Das Werk zeigte eine stilisierte Guckkastenbühne, die in die Tiefe des Bildes führte, in dessen Zentrum die comicartigen Worte Wien und Musik standen. Im Vordergrund waren stilisierte Souffleusenkuppeln und ein Auditorium zu erkennen.
“Matisse der Pop Art”
Der britische “Guardian” würdigte Hockney gar als “Matisse der Pop Art”. Im Nachruf der Zeitung hieß es: “Er hat die simple Perfektion der Beatles – so wie sie den Klang der modernen Welt einfingen, fing er ihr Aussehen ein.” Er habe sich dem Trend zur Abstraktion seiner Zeitgenossen widersetzt und kompromisslos die Realität abgebildet. Seine Motive waren oft die Alltagsszenen der Konsumgesellschaft.
Hockney starb friedlich in seinem Zuhause, wie sein Management mitteilte. Er sei “eine der wichtigsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kunst” hieß es in einer Würdigung. “David Hockneys bleibendes Vermächtnis spiegelt seine grundlegende Lebensfreude, seinen herausragenden Sinn für Humor, seine immense Großzügigkeit und seine forschende Neugierde wider”, so die Mitteilung weiter.
Aufgewachsen in den Nachkriegsjahren
Geboren wurde Hockney am 9. Juli 1937 im nordenglischen Bradford. Seine Kindheit war von den Hungerjahren der Nachkriegszeit geprägt – und schon damals von der Kunst. Der spätere Star zeichnete überall: auf alten Bustickets, Zeitungen und selbst auf Deckblättern im Gebetsbuch. Einzig auf die Tapeten durfte er nicht malen, das verbot ihm seine Mutter.
Sein Vater war radikaler Nichtraucher, was an Hockney jedoch abprallte. Selbst im hohen Alter sah man den Künstler immer mit einer Zigarette zwischen den Fingern. Sogar gegen Anti-Raucher-Gesetze engagierte er sich. Im Jahr 2007 wurden laut PA bei der Feier zu seinem 70. Geburtstag im berühmten Tate Britain sogar für einige Minuten die Rauchmelder ausgeschaltet, um dem berühmten Gast eine Zigarette zu ermöglichen.
Zweite Heimat in Los Angeles ab den 60er Jahren
Seit den 60er Jahren lebte der Brite abwechselnd in Großbritannien und in Los Angeles. Dort verbrachte er seine Zeit in seinem Haus mit der blauen Terrasse und den roten Blumentöpfen, das er in vielen Bildern verewigte. Kalifornien bot ihm privat wie als Maler ungewohnte Freiheiten. Hockney malte mit Licht und starken Farben. Seine Schwimmbadbilder spiegelten die sorglose und unkonventionelle kalifornische Lebensart wider, darunter etwa das Gemälde “Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)” von 1972 oder “Peter Getting Out of Nick’s Pool” von 1966. Eines seiner Gemälde brach 2018 bei einer Auktion den Rekord für einen noch lebenden Künstler und wurde für mehr als 90 Millionen US-Dollar versteigert.
Seine Sexualität versteckte er nie
Hockney machte nie ein Geheimnis daraus, dass er schwul war – selbst als Homosexualität in Großbritannien noch illegal war. Beim Studium an der besten Kunsthochschule des Landes malte er zwei Burschen, die sich umarmen. Ein kinderähnliches Gekritzel, verziert mit den Worten “We Two Boys Together Clinging”. Sein Lehrer kommentierte damals nur trocken: “Ich hoffe, sie kommen sich nicht noch näher.”
Auch in den 80er Jahren, als viele seiner Freunde an Aids starben, blieb er seinen lebensfrohen Motiven treu. Kritiker bemängelten, dass seine Bilder nur an der Oberfläche blieben und nicht die schlimmen Ereignisse des 20. Jahrhunderts widerspiegelten. Doch Hockney wollte das nie: “Ich möchte ein Bild machen, das für viele Leute eine Bedeutung hat”, sagte er 1988. “Ich denke, die Idee, Bilder für 25 Personen in der Kunstwelt zu machen, ist verrückt und lächerlich.”
Trotz Schlaganfall blieb der dem Malen treu
2012 musste Hockney einen Rückschlag verkraften: Erst als er Sätze nicht mehr richtig beenden konnte, bemerkte er, dass er einen Schlaganfall erlitten hatte. Doch er hatte Glück und konnte weiterhin seiner Leidenschaft, der Kunst, nachgehen. Immer wieder experimentierte er mit neuen Techniken, mal mehr, mal weniger erfolgreich: dreidimensionale Collagen, Fotokopien, iPad-Fingermalereien. Sogar einer der Pioniere des “Selfies” war er. Vor allem in den 80er Jahren zeichnete, malte und fotografierte er sich in vielen stilisierten Selbstporträts.
Selbst kurz vor seinem Tod malte Hockney noch – alt fühlte er sich dabei nach eigener Darstellung nie. “Ich sage immer, im Studio fühle ich mich nicht alt, ich fühle mich einfach wie 30”, sagte er 2018 der Nachrichtenagentur PA. Deshalb verbringe er dort auch die meiste Zeit. “Wenn man jung ist, hält man sich für unsterblich – deshalb rauchen junge Leute, weil sie glauben, unsterblich zu sein. Das wird immer so bleiben.”




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