Regisseur Damiano Michieletto

Damiano Michieletto wollte mit Filmdebüt aus der Komfortzone

Freitag, 27. Februar 2026 | 05:35 Uhr

Von: apa

Nach seinem erfolgreichen Debüt als Filmregisseur mit “Primavera” (“Frühling”), einem Werk über den venezianischen Komponisten Antonio Vivaldi (1678-1741), das am 12. Juni unter dem Titel “Vivaldi und ich” auch nach Österreich kommt, hegt der italienische Regiestar Damiano Michieletto (50) weitere Kinoprojekte. Sein Ziel ist es, sich neben seinen Theater- und Opernproduktionen weiteren Filmen zu widmen. Über seine Pläne sprach Michieletto mit der APA in Rom.

APA: Herr Michieletto, mit 50 Jahren haben Sie mit “Primavera”, einem Film über Vivaldi und seine Erfahrung als Lehrer in einem Waisenhaus für Mädchen in Venedig, ein erfolgreiches Debüt als Filmregisseur hingelegt. Hatten Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Damiano Michieletto: Der Film, der in Italien kurz vor Weihnachten in die Kinos kam, ist gut angekommen. Das freut mich sehr, denn es war nicht selbstverständlich. Ich bin mit diesem Filmprojekt einfach ins kalte Wasser gesprungen. Bei meinen ersten Operninszenierungen wusste ich wenig über Opern – ich habe einfach angefangen zu arbeiten, so wie ich es jetzt mit dem Film gemacht habe. Ich war nie Assistent eines Filmregisseurs und habe keine entsprechende Schule besucht. Aber wenn man eine Idee und ein gutes Mitarbeiterteam hat, lassen sich Dinge umsetzen.

APA: Was hat Sie bewogen, den Start als Filmregisseur zu wagen?

Michieletto: Ich wollte versuchen, aus der Komfortzone der Theaterregie herauszukommen. Wenn man ein bestimmtes Niveau erreicht hat, neigt man dazu, auf Nummer sicher zu gehen. Ich wollte dagegen etwas, das mich herausfordert und ein gewisses Risiko mit sich bringt. Natürlich konnte ich nicht wissen, wie es ausgehen würde. Aber am Set fühlte ich mich ruhig, fast wie zu Hause.

“Ich wollte eine Geschichte erzählen, die jeden ansprechen kann.”

APA: Mit einem Kostümfilm im Venedig des 18. Jahrhunderts zu beginnen, ist nicht einfach. Was hat Sie als Regisseur geleitet?

Michieletto: Die Idee war, eine Geschichte über Vivaldi zu erzählen, die jeden ansprechen kann, nicht nur ein Publikum, das klassische Musik liebt. Ich dachte an einen emotionalen Film und bin genau meinem Instinkt gefolgt. Nichts war durch Strukturen festgelegt: Wir kamen täglich zum Set, und ich habe das umgesetzt, was ich in diesem Moment für richtig hielt. Somit ist eine schöne Zusammenarbeit und eine sehr gute Arbeitsatmosphäre entstanden.

APA: Warum haben Sie sich für Vivaldi als Protagonisten Ihres ersten Filmes entschieden?

Michieletto: Der Film basiert auf einem Roman des venezianischen Autors Tiziano Scarpa, der mich beeindruckt hat. Es ist die Geschichte eines Mädchens namens Cecilia, das dank der Begegnung mit Vivaldi ihr Talent als Geigerin entdeckt. Ich hatte das Gefühl, dass dies eine Geschichte ist, die mich persönlich betrifft, weil ja Venedig auch meine Heimatstadt ist. Als Opernregisseur erzähle ich Geschichten mit Musik. Deshalb wollte ich, dass Musik in meinem Film ein erzählerisches Element ist – nicht bloß Hintergrund. Ich habe im Film sowohl Musik von Vivaldi als auch zeitgenössische Kompositionen verwendet. Die Geschichte entwickelt sich somit auch durch die emotionale Kraft der Musik. “Primavera” ist zwar ein Kostümfilm, man fühlt sich ihm aber trotzdem nahe.

“Vivaldi starb 1741 in Armut in Wien.”

APA: Was fasziniert Sie an Vivaldi?

Michieletto: Über Vivaldi weiß man eigentlich nur wenig Sicheres. Er starb 1741 in Armut in Wien. An seiner Beerdigung sollen nur drei Personen teilgenommen haben. Er wurde in einem Massengrab beigesetzt. Dabei war er einer der bedeutendsten Komponisten aller Zeiten. In gewisser Weise war er ein “Verlierer”, nicht zuletzt, weil er auf Wunsch seiner Mutter, die ein Gelübde abgelegt hatte, zum Priester werden musste, obwohl er sich dazu nicht berufen fühlte. Seine Musik war lange in Vergessenheit geraten, bis man sie später wieder entdeckte. Lange galt das Klischee, dass Vivaldis Musik eher festlich und unterhaltend, also leicht sei. Das stimmt aber nicht. Vor allem seine religiösen Kompositionen sind von beeindruckender Tiefe und besonders modern.

APA: Der Frühling ist die erste von Vivaldis “Vier Jahreszeiten”. Welche Bedeutung hat der Frühling in Ihrem Film?

Michieletto: Der Frühling ist Cecilias Jugend, aber er steht auch für einen Lebensabschnitt, in dem man neu anfangen kann – selbst wenn man alles verloren hat, er ist ein Moment, in dem man den Mut aufbringt, nicht stehen zu bleiben, sondern noch einmal von vorne zu beginnen.

APA: Wieso haben Sie die junge Protagonistin des Films, Tecla Insolia, gewählt?

Michieletto: Tecla Insolia war keine bekannte Schauspielerin. Mich hat sie wegen ihrer Frische und Natürlichkeit beeindruckt. Gleichzeitig fühlte ich mich frei, ihr Regieanweisungen zu geben. Ich hatte das Gefühl, dass ihr die Zusammenarbeit Spaß machte und dass zwischen uns ein kreativer Austausch entstand, der neue Ideen hervorgebracht hat. Sie hat die ganze Geschichte auf ihren Schultern getragen, intensiv Violine studiert und sich der Rolle mit großem Engagement gewidmet.

“Mein Ziel ist, neben meinem Engagement für das Theater auch Zeit für Filme zu finden.”

APA: Waren die Dreharbeiten aufwendig?

Michieletto: Wir haben sieben Wochen lang intensiv gedreht, nicht nur in Venedig. Die Szenen in den Palazzi in Venedig wurden eigentlich in einem Palast im Zentrum von Rom aufgenommen.

APA: Ihr Film hat in Italien guten Anklang gefunden und ist in ganz Europa, darunter Österreich, verkauft worden. Werden Sie nun weitere Filme drehen?

Michieletto: Ja, und ich habe bereits eine Idee, die ich entwickeln will. Mein Ziel ist, neben meinem Engagement für das Theater auch Zeit für Filme zu finden. Zum Glück planen Opernhäuser sehr frühzeitig im Voraus ihre Aufführungen, sodass ich bereits an Produktionen für das Jahr 2030 arbeite. Das gibt einem Planungssicherheit.

(Das Gespräch führte Micaela Taroni/APA)

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