Thomas Edlinger will "alternative Ideen zur Weltgestaltung" vorstellen

donaufestival: Gesten gegen “apokalyptisches Grundrauschen”

Dienstag, 10. März 2026 | 12:05 Uhr

Von: apa

Hat in Zeiten der allgegenwärtigen Krisen und Kriege die Hoffnung überhaupt noch eine Chance? Das donaufestival sagt ganz klar: Ja! An den ersten beiden Mai-Wochenenden soll in Krems “Mad Hope” verbreitet werden. 60 Beiträge von Musik über Performance bis Film und Diskurs stehen bei der 21. Ausgabe am Programm, das am Dienstag veröffentlicht wurde. Der Bogen reicht von Widerstandsgesten in der Badewanne über Post-Rap mit sakralem Anstrich bis zur Freakshow.

Die Überlegung sei gewesen, “wie ein Kontrastprogramm zu den herrschenden politischen Verhältnissen” oder “so etwas wie alternative Ideen zur Weltgestaltung und -erschließung” präsentiert werden können, meint der künstlerische Leiter Thomas Edlinger im APA-Gespräch. “Natürlich wäre es naheliegender, auf die Weltlage mit Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu reagieren.”

Bei “Mad Hope” gehe es um eine Hoffnung, “die nicht realitätsblind ist, die sich aber trotzdem für das in jeder historischen Situation vorhandene Potenzial der Veränderung stark macht”, verweist Edlinger auf den Kulturwissenschaftler Terry Eagleton, der von “Hoffnung ohne Optimismus” spreche. “Wenn man nur dem apokalyptischen Grundrauschen der Gegenwart folgen würde, dann würde man in depressiver Handlungsunfähigkeit erstarren und jede Form von Gestaltbarkeit von Zukunft – auch mit Mitteln der Kunst – aus den Augen verlieren”, ist der Festivalchef überzeugt.

Körperliche Gesten des Widerstands

Die Bandbreite, wie sich das heurige Motto an den Festivaltagen von 1. bis 3. bzw. 8. bis 10. Mai in der künstlerischen Praxis niederschlägt, ist groß. Im Performancebereich begegnet einem die Auflehnung bzw. Unbeugsamkeit des Körpers gegenüber be- und erdrückenden Umständen immer wieder als Motiv. In der Dominikanerkirche – sie ist heuer als einer der Austragungslocations wieder an Bord – bringt der Schweizer Künstler Yann Marussich seine Arbeit “Bain Brisé” am ersten Festivalwochenende zur Aufführung. In langsamen behutsamen Bewegungen befreit er sich im Zeitlupentempo aus einer bis zum Rand mit scharfen Glasscherben gefüllten Badewanne.

Eine Woche später feiert im Gotteshaus dann “Hold&Resist_a springrite” seine Uraufführung. Es ist die erste Kooperation der Metarockband Radian mit der Performance-Company Liquid Loft – beide in Österreich ansässig. Auch hier ist Zeitlupe angesagt: Die schier unmöglich scheinenden Posen und Slowest-Motion-Kippfiguren gegen das Diktat der Schwerkraft, die hier gezeigt werden, können als Verweis darauf gelesen werden, “politische Positionen aushalten zu können”, meint Edlinger. Akrobatisch geht es auch bei “out of hands” von fABULEUS & Michiel Vandevelde zu, untermalt von live eingespielten Metal- und Gothic-Sounds. Als “drastische, wilde, bezaubernde Arbeit” bezeichnet der Festivalchef die Arbeit “Monga” der Brasilianerin Jéssica Teixeira, wo “ein ungebärdiger verletzlicher Körper gegen Zuschreibungen von Minderwertigkeit rebelliert und gegen Repressionen mit einer von Freakshows inspirierten Komik aufbegehrt”.

Musikalische Suche nach Kollektivität

Im musikalischen Line-up scheint sich die Hoffnung über “verschiedene Formen der Suche nach Kollektivität” ihren Weg zu bahnen – sei es bei der achtköpfigen Band caroline und ihrer “aufgekratzt-euphorischen Musik” oder beim Jazzdrummer Makaya McCraven, “dessen Musik von einem starken Wunsch nach Gemeinschaftlichkeit angetrieben ist'”, oder – “in einem eher feministischen Folk-Punk-Sinn” – das Quartett The New Eves. Edlinger streicht außerdem Chino Amobi, US-amerikanischer Konzeptkünstler mit nigerianischen Wurzeln, hervor. Dessen neues Album “Eroica II. Christian Nihilism” habe sakrale Anklänge, obwohl es eigentlich ein Post-Rap-Album sei: “Ihm geht es um so etwas wie Hoffnung in Konfrontation mit christlichen Quellen.”

Darüber hinaus gibt es Konzerte etwa von der Electropunk-Ikone Peaches, die schon zum dritten Mal in Krems zu Gast ist, von Alan Sparhawk – er gründete mit seiner 2022 verstorbenen Frau Mimi Parker die Indierock-Band Low -, vom neuen heimischen Impro-Elektronikkollektiv Exit Void unter Beteiligung von Anja Plaschg alias Soap&Skin oder von den Klangtüftlern Ex-Easter Island Head. “Präparierte Gitarren, die flach auf Keyboard-Ständern liegen, werden perkussiv angeschlagen, während aus Smartphones ausgebaute Vibrationsmotoren über Saiten krabbeln und gesampelte Stimmen über Tonabnehmer laufen, auf welche die Gitarren unmittelbar antworten”, heißt es im Programmheft über die Soundwerkstatt des Liverpooler Quartetts.

Öffnung zu anderer Zukunft mit Mitteln der Kunst

Es gebe auch Beiträge beim donaufestival, die sich sehr kritisch mit dem Prinzip Hoffnung auseinandersetzten, sagt Edlinger. Als Beispiel nennt er den 1983 im ukrainischen Cherson geborenen Künstler Anton Kats. Seine Performance “After Hope” ist nach einem in der Sowjetunion hergestellten Schiff benannt, das verschollen ist. “Er fragt anhand dieses Schiffs nach einer Hoffnung nach dem Verschwinden der Hoffnung”, erklärt der Festivalleiter. Nur stimmig, dass Kats – neben Chino Amobi – zur Frage “Welche Hoffnung gibt es nach der Hoffnung?” in einem der Talk-Events zu Gast ist.

“Ich behaupte jetzt nicht, dass wir das Programm für die bessere Welt fertig hätten – das wäre völlig vermessen”, unterstreicht der künstlerische Leiter. “Aber eine Öffnung zu einer anderen Zukunft ist mit Mitteln der Kunst schon möglich. Dem wollen wir einen gewissen Raum geben und eine Art von Hoffnung auf die Hoffnung vermitteln, die keine falsche Versöhnung, kein Schmiermittel der Verhältnisse, keine Verblendung ist – sondern ein Trotzdem, eine Möglichkeit gegen die Wahrscheinlichkeit.”

(Das Gespräch führte Thomas Rieder/APA)

(S E R V I C E – donaufestival von 1.-3. und 8.-10. Mai an verschiedenen Locations in Krems; Tickets und das vollständige Programm unter www.donaufestival.at )

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