Von: apa
Seit 2012 steht Marcos Maximilian Tritremmel an der Spitze der vor gut 30 Jahren gegründeten OGAE Austria (Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovision), dem offiziellen österreichischen ESC-Fanclub. Damit erlebt der Grazer Standesbeamte nun bereits zum zweiten Mal einen Heim-ESC mit – und einen Mitgliederboom im Fanclub. Anlass für ein Gespräch über die Explosion der Mitgliederzahl, die Kooperation mit dem ORF und die Frage, ob die Israel-Debatte auch den Club spaltet.
APA: In der ESC-Welt geht es derzeit rund. Jetzt hat sich mit Conchita eine Ikone vom Bewerb zurückgezogen. Wie beurteilen Sie diesen Schritt?
Marcos Maximilian Tritremmel: Interessant, dass der Rückzug von Conchita/Tom genau jetzt stattgefunden hat. Vielleicht wurde man sich bei der Rollenfindung für Mai mit dem ORF nicht ganz einig, oder hatte unterschiedliche Vorstellungen? Aber das ist von meiner Seite eine reine Vermutung.
APA: Zugleich ist am Dienstag schon die erste Tranche an ESC-Tickets verkauft worden. Wie waren die Erfahrungen aus Sicht des Fanclubs?
Tritremmel: Der Kartenverkauf lief sehr, sehr gut – auch technisch gesehen und auch international so wahrgenommen. Viele der österreichischen Clubmitglieder waren erfolgreich, einige wenige sogar bei Stehplätzen für das Finale! Allerdings ist mir nicht bekannt, dass es jemand geschafft hätte, Sitzplätze für das Finale zu ergattern.
Mitgliederanzahl verdoppelt
APA: Apropos Clubmitglieder: Vor JJs Sieg in Basel hatte der österreichische Fanclub 450 Mitglieder. Wo stehen Sie nun?
Tritremmel: Also jetzt sind wir bei rund 900 – haben uns also verdoppelt. Und jeden Tag kommen neue Leute dazu. Vielleicht knacken wir bald die Tausendermarke.
APA: Conchitas Triumph 2014 hat Ihnen damals sogar eine Verfünffachung beschert, richtig?
Tritremmel: Stimmt, wir sind damals von 100 auf 500 gestiegen. Wir dachten – weil man über uns ja auch Tickets beziehen kann -, dass der Hype nach dem ESC vorbei sein wird, aber wir sind nur auf 450 Mitglieder gesunken. Es sind uns also sehr viele in all den Jahren treu geblieben – und das ist eine wirklich schöne Entwicklung.
APA: Wie liegt der österreichische Fanclub damit im Vergleich zu größeren Nationen?
Tritremmel: Wenn wir etwa das Vereinigte Königreich hernehmen, liegen die, soweit ich weiß, bei etwa 5.000 Mitgliedern – obwohl die Briten ESC-verrückt sind. Und auch Spanien hat “nur” rund 4.000. Und das sind ja beides Länder, die um ein Vielfaches größer sind als Österreich.
APA: Fanclubs erhalten vom Veranstalter ja Ticketkontingente, die an die Mitglieder verteilt werden. Sind die im Falle eines Heim-ESCs eigentlich höher?
Tritremmel: Das ist relativ unterschiedlich. Normalerweise ist es so, dass auch der Heimclub die Quote kriegt, die ihm von seiner Größe her zustünde. Im Vorjahr hat aber beispielsweise das Schweizer Fernsehen dem Club eine Ticketzahl zugesagt, die erschreckend niedrig war. Bei uns läuft die Zusammenarbeit mit dem ORF hingegen super. Der war schon vor dem Sieg von Conchita extrem kulant, und verhält sich auch jetzt so. Sie wollen heuer versuchen, dass jedes unserer Mitglieder zumindest bei einer der neun Shows in die Halle kommt. Das ist wesentlich mehr als in vielen anderen Ländern passiert! Dabei sind die veranstaltenden Sender etwa durch die Kontingente, die an die Sponsoren gehen, oder die Größe der Bühne in ihrer Entscheidungsfreiheit begrenzt. Klar ist, dass man beim offiziellen Verkauf Glück braucht.
APA: Weil wir von der Bühne sprechen: In den vergangenen Jahren wurde in der Halle der Fokus immer mehr in Richtung TV-Show gelegt, weniger auf die Liveshow. Wie geht es Ihnen damit?
Tritremmel: Ich habe ja noch die Shows in den riesigen Hallen wie in Düsseldorf oder Athen kennengelernt, bevor die Dimension in den vergangenen Jahren immer mehr zurückgegangen ist. Zum einen müssen schlicht Länder gewinnen, die so große Hallen haben. Und zum anderen liegt der Fokus mittlerweile einfach darauf, gute Fernsehbilder zu produzieren. Das geht in Ordnung, solange man die Fancommunity unterstützt und bis zu einem gewissen Grad beteiligt.
APA: Wissen Sie über die soziodemografische Struktur der Mitglieder Ihres Fanclubs Bescheid?
Tritremmel: Natürlich ist Wien überrepräsentiert bei uns. Ich schätze, dass rund 40 Prozent unserer Mitglieder aus Wien sind. Und wir sind im internationalen Vergleich ein junger Club – was nicht zuletzt Conchita zu verdanken ist. Der Anteil an weiblichen Mitgliedern nimmt erfreulicherweise immer mehr zu. Wir liegen zwischen einem Viertel und 30 Prozent, schätze ich – und bei den Neuzugängen ist die Zahl wesentlich höher.
Wäre Graz besser gewesen?
APA: Apropos Wien-Überhang: Schmerzt es Sie als Fanclubvorsitzender, dass der ESC wieder in Wien stattfindet und nicht in Ihrer Wahlheimat Graz?
Tritremmel: Die einfachere Lösung ist Wien auf jeden Fall. Der ORF muss seine Mitarbeiter und das Equipment nicht in eine andere Stadt transportieren, und es fallen weniger Hotel- oder Fahrtkosten an. Aber für mich persönlich ist es so, dass es in kleineren Städten wie Basel oder Liverpool einfacher möglich ist, Eurovision-Flair zu kreieren. Insofern hätte ich tatsächlich Graz ideal gefunden. Da hat sich die Stadtregierung nicht drübergetraut. So eine Chance sollte sich aber keine Stadt entgehen lassen, da hätte man ruhig sogar Schulden machen können, wenn man an die Umwegrentabilität und den Werbewert denkt. Da sind die Kosten für einen Song Contest im Vergleich lächerlich gering.
APA: Was plant der Fanclub zum ESC in Wien?
Tritremmel: Wir sind beim Euroclub involviert, was eine Vorgabe der EBU ist – anders als noch 2015. Wir haben das Eurovision Fan Cafe damals selber irgendwie finanzieren müssen. Da ist das jetzige System deutlich besser, dass der Euroclub von der Stadt und vom Sender organisiert wird. Es fällt halt doch vieles leichter, wenn der Bürgermeister von Wien und nicht der Marcos vom Song Contest anklopft. Wir sind am Euroclub beteiligt und haben etwa schon Listen schicken dürfen an Stargästen und DJs, die wir uns wünschen.
APA: Wird es kein eigenes Fancafé abseits des Euroclub geben?
Tritremmel: Es wird schon auch eine Location geben, die wie ein Eurofan-Café im Tagesbetrieb funktioniert, vielleicht auch Interviews ermöglicht. Toll wäre, dieses Café als Begegnungsplatz zur Fancommunity zu machen. Die Details werden da aber wie viele Programmpunkte später veröffentlicht.
Die Israel-Debatte im Club
APA: Dabei waren die vergangenen Monate ja eher von der politischen Debatte um eine Teilnahme Israels geprägt als um programmatische Fragen. Spaltet dieser Punkt auch den Fanclub?
Tritremmel: Natürlich ist das ein großes Thema und gehen die Meinungen auch innerhalb des Clubs auseinander. Aber wir wollen das bewusst eher kleinhalten als Vorstand. Jeder muss für sich ein Bild machen und etwaige Konsequenzen daraus ableiten. Aber als Club betrachten wir die Eurovision als Hobby und denken, eine stärkere Positionierung wäre hier tatsächlich kontraproduktiv. Wir haben gesehen, dass an dieser Frage wirklich Freundschaften zerbrechen können – das ist eine unschöne Entwicklung, die nun auch auf die Eurovision überschwappt. Natürlich war die Eurovision immer politisch, und dennoch ging es auch immer darum, die Musik und die Wertschätzung künstlerischer Leistungen im Vordergrund zu halten. Wir verstehen die Bedenken, aber wir sind nicht Meinungsbildner, nicht zuletzt, weil wir gar nicht einheitlich agieren könnten.
APA: Ist diese Politisierung eine Bestandsgefahr für den ESC?
Tritremmel: Ich glaube nicht. Der ESC hat schon einige heikle Phasen überlebt. Solange Leute unterhalten werden wollen, wird es auch die Eurovision geben. Ich sehe keine Gefahr, dass das langfristig nicht funktionieren sollte. Außerdem denke ich positiv und hoffe, dass der Konflikt Israel-Palästina nicht noch Jahre so weitergeht.
APA: Und natürlich stellt sich bei Boykotten immer die Frage, wo man anfängt und wo man aufhört …
Tritremmel: Genau. Es gibt nicht mehr viele Gelegenheiten, bei denen Länder an einem Tisch sitzen und an einem Abend “vereint” sind – oder auch miteinander konfrontiert. Das darf man nicht vergessen. In eine Konfrontation zu gehen, ist besser, als gar nicht miteinander in Berührung zu kommen.
APA: Bezüglich der Atmosphäre war ein extremer Unterschied zwischen Malmö 2024 mit massiven Protesten und Basel 2025, wo trotzdem die Atmosphäre eines Musikfests im Vordergrund stand. Wohin wird Wien in Ihren Augen tendieren?
APA: Das hängt natürlich viel von der politischen Entwicklung ab, weil die Frage ist, ob sich die Spannungen bis Mai halten. Wenn die Situation im Nahen Osten wieder eskaliert, kann das durchaus auch für Zündstoff in Wien sorgen. Und dann ist die Frage, wie man reagiert. Der Unterschied von Malmö und Basel für mich war, dass man in Malmö die Polizeipräsenz überall wahrgenommen hat. Für mich habe ich daraus gelernt, dass ich umso unruhiger werde, je mehr Polizei ich sehe. Das hat das subjektive Sicherheitsgefühl nicht wirklich erhöht. In Basel war das dagegen alles sehr diskret. Das sollte auch in Wien das Ziel sein: keine Überpräsenz, die bei den Leuten ein mulmiges Gefühl auslöst.
(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E – www.ogae-austria.at)




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