Die Eröffnungs-Etude geht in der Lagune von Venedig über die Bühne

Österreich-Pavillon hat “die saubersten Klos” der Biennale

Mittwoch, 06. Mai 2026 | 13:40 Uhr

Von: apa

Der Österreich-Pavillon auf der Kunstbiennale Venedig, den Florentina Holzinger in eine “Seaworld Venice” verwandelt hat, ist Mittwochmittag in den Giardini offiziell eröffnet worden. Davor gab es für geladene Gäste einen “Mystery Boat Trip” zu einer Eröffnungs-Étude, die es in sich hatte. In der Lagune war eine schwimmende Open-Air-Tribüne vor Anker gegangen, vor der das regennasse Publikum vor spektakulärer Kulisse eine ebensolche Performance geboten bekam.

Dabei hatte Holzinger kurz zuvor bei der Anreise im Boot noch eindringlich erklärt: “Es ist keine Show und kein Spektakel!” Damit meinte sie freilich ihren Auftritt in den Giardini, für den die Choreografin, Regisseurin und Performerin nach eigener Aussage mit dem Begriff “Installation” leben kann – eine fast siebenmonatige Installation, die in einem eigenen Wasserkreislauf auch die Nachhaltigkeit feiert.

Eröffnungsworte im Regen

Darauf nahm Holzinger später in ihren Eröffnungsworten vor dem Pavillon, vor dem sich unter ständigen Regenschauern eine große Menschenmenge versammelt hatte (“Lauter Schirme! Wie bei einem Begräbnis. Ich liebe Begräbnisse!”), Bezug: Die Lagune von Venedig sei durch die Gezeiten ein ständiger natürlicher Reinigungskreislauf, den man im Pavillon künstlich nachvollziehe – ein überfälliges Besinnen auf die Natur angesichts vom Menschen zum Kippen gebrachter Systeme.

Auch Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) betonte in seiner Rede den politischen Gehalt von Holzingers vielseitiger Arbeit und dankte seinem Vorgänger Werner Kogler (Grüne), dass er den mutigen Juryentscheid unterstützt hatte. “Lassen Sie sich herausfordern! Lassen Sie sich verändern!”, rief der Vizekanzler, der in der Boulevardpresse für Holzingers Arbeit zuletzt heftig angegriffen worden war, Richtung Publikum.

Glocke spektakulär aus dem Wasser gehoben

Bei der Eröffnungs-Étude wurde mit einem Schwimmkran unter lauter Musik eine Glocke aus dem Wasser gehoben – laut Narrativ des Biennale-Auftritts hier unter Wasser entdeckt, tatsächlich aber extra gegossen. Mythen sind dazu da, kreiert zu werden – und tatsächlich hatte die rund 40-minütige Aufführung, bei der Holzinger selbst mit der Glocke aus der Tiefe auftauchte und als menschlicher Klöppel fungierte, das Zeug zu einem Ereignis, über das man noch in vielen Jahren sagen kann: “Ich war dabei!”

Die anschließend per Boot von den – wie immer nackten – Performerinnen in die Giardini gebrachte Glocke hängt nun bis 22. November an einem Teleskopkran vor dem Eingang zum Hoffmann-Pavillon und soll zu jeder vollen Stunde zum Klingen gebracht werden. Im Inneren wird es nass. Das Gebäude ist teilweise geflutet.

Jet Ski und “Klofrauen” im Einsatz

Links schwimmt in einem Wasserbecken ein Jet Ski, auf dem in regelmäßigen Abständen Performerinnen ihre engen Runden drehen, damit hohe Wellen schlagen und das dahinterliegende Überlaufbecken fluten. Rechts ragt eine Mischung aus Schiffsmast und Wetterfahne aus einem Wasserbecken in die Höhe und durchstößt das Dach. Die vier hier befestigten goldenen Figuren werden immer wieder durch eine den sich drehenden Mast erklimmende Performerin ergänzt.

Zentral im Hof hinter dem Pavillon steht ein Aquarium, in dem eine Performerin mit Atemgerät steht. Darunter und dahinter ist eine Abfolge von Tanks, Filteranlagen und Schläuchen, die zu zwei Besuchertoiletten führen. Freundliche “Klofrauen” sind im ständigen Animations- und Informationseinsatz. “Bitte beteiligen Sie sich! Es geht noch nicht? Dann trinken Sie einen Schluck Wasser – und halten den Kreislauf in Schwung!”

Der Besucherurin wird gesammelt, speziell aufbereitet und gelangt durch den Einsatz von Osmosefiltern in gereinigter Form als Wasser in das Aquarium, das mit den anderen Becken in Verbindung steht. Dasselbe System ist in Weltraumstationen im Einsatz. “Alles hat Frischwasserqualität”, versichert die Regisseurin und Dramaturgin Sara Ostertag, die hier ebenfalls Info-Dienst versieht, während in Wien die Wellen wegen ihrer Designierung zur Schauspielhaus-Leiterin hochgehen.

Kläranlage und Roboterhunde

Warum gibt es aber doch noch eine Kläranlage, die im rechten hinteren Gebäudeteil offenbar ihren schmutzigbraunen Dienst versieht? Teil einer Inszenierung, die auf den menschlichen Unrat verweist, oder wirklich in Betrieb? Manche hielten sich eben in den Toiletten nicht an die Regeln und verunreinigten das System mit Papier oder Kot – und das müsse dann eben geklärt werden, heißt es. Doch jeder muss sich selbst überlegen, wo hier Theater endet und die Realität beginnt – oder umgekehrt. Dazu sollen weitere Performanceeinsätze, etwa mit Roboterhunden, kommen.

“Seaworld Venice” ist einerseits eine Referenz auf bisherige Arbeiten der Regisseurin und Performerin, andererseits eine spezifische Auseinandersetzung mit den örtlichen Gegebenheiten. Die menschliche Glocke war in anderen Produktionen ebenso bereits im Einsatz wie die Unterwasser-Stunts. Doch hier werden bisherige Erfahrungen eingebaut in eine große Auseinandersetzung um mächtige Mythen und noch mächtigere Zerstörungskräfte.

“Die Grenzen des Ausstellungsmachens”

“Seaworld Venice erweitert die Grenzen des Ausstellungsmachens”, meint Kuratorin Nora-Swantje Almes. Eindeutig wirkende Bilder werden in mehreren Schichten auseinandergenommen. Und der Kreislauf aus Wasser, Urin und wieder Wasser scheint hier ironisch Bezug zu nehmen auf den medialen und politischen Kreislauf aus geschürter Erregung (FPÖ-Kultursprecher Wendelin Mölzer: “Was hier unter dem Deckmantel der Kunst präsentiert wird, sorgt nicht nur für Kopfschütteln, sondern für berechtigte Empörung.”) und mangelnder Auseinandersetzung. Für Fäkalien ist die (Er-)Kläranlage zuständig.

Bis 22. November ist “Seaworld Venice” in Venedig zu sehen. An dem Tag wird auch erstmals ein vom Publikum zuerkannter Löwe für den besten Pavillon überreicht. Zuvor gibt es aber weitere Étuden, etwa am 23. Mai in Wien und Prinzendorf und am 11. Juli in Bregenz. Für 2027 ist “Seaworld Venice” im Gropius Bau in Berlin (März) und in der Kunsthalle Wien (Juni) angekündigt, für New York ist ein Gastspiel für Frühjahr 2028 annonciert.

Um Punkt 13 Uhr läutete Florentina Holzinger als Klöppel die von ihr ausgerufene “neue Zeit” ein. Und bat zuvor das Publikum, kräftig Werbung für den Österreich-Pavillon und die aktive Teilnahme am Konzept zu machen: “Sagt allen, hier sind die saubersten Klos in den Giardini!”

(S E R V I C E – www.seaworldvenice.at )

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