Von: mk
Brixen – Nach sieben Tagen in der Vertikale beendete gestern Abend der Trentiner Künstler Giulio Boccardi seine Performance „Sette Arrese“ – eine radikale künstlerische Arbeit, die das Konzept der Hingabe neu denkt: nicht als Schwäche, sondern als bewussten Akt innerer Stärke.
Die Performance entstand im Rahmen des Waterlight Festivals in Brixen, das in diesem Jahr unter dem Leitthema „Imagine Peace“ steht. In einem internationalen Kontext reflektiert das Festival die Rolle von Kunst als öffentlicher Raum für Fragen zu Krieg, Verantwortung und Zusammenleben.
Sieben Tage lang blieb Boccardi in der Schwebe, losgelöst vom Boden. Sein Zeitmaß war ein wiederkehrendes Ritual: Alle 24 Stunden, bei Sonnenuntergang, ließ er eine weiße Flagge nieder – ein universelles Symbol, das hier seine gewohnte Bedeutung verliert und in einen inneren Prozess übersetzt wird.
„Ich verstehe Frieden als eine Form der inneren Hingabe“, erklärt Boccardi. „Eine Hingabe gegenüber jenen Überzeugungen, Ideen und Werten, die uns oft dazu bringen, im Namen dieser Vorstellungen Gewalt auszuüben.“
In dieser Lesart wird „Sette Arrese“ zu einer stillen, aber eindringlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln. Die physische Belastung, die Isolation und die Wiederholung des Gestus verdichten sich zu einer Erfahrung zwischen Anspannung und Kontemplation.
„Hingabe bedeutet für mich, auf egozentrische und egoistische Impulse zu verzichten“, so Boccardi weiter – eine Verschiebung des Friedensbegriffs vom politischen Diskurs hin zur persönlichen Verantwortung.
Jeder Sonnenuntergang markiert dabei keinen Abschluss, sondern einen Übergang. Die Performance entfaltet sich als Prozess, in dem Zeit gedehnt wird und Wahrnehmung sich verändert. Das Publikum ist eingeladen, nicht nur zu beobachten, sondern sich auf diese verlangsamte, konzentrierte Form von Präsenz einzulassen.
Die Arbeit steht exemplarisch für Boccardis künstlerische Praxis, die sich an der Schnittstelle von Fotografie, Installation, Performance und Land Art bewegt. Im Zentrum steht dabei stets die Auseinandersetzung mit innerer Transformation und spiritueller Spannung. In „Sette Arrese“ wird der Körper zum Medium dieser Suche – als Grenze, aber auch als Möglichkeit.
Als Teil des Waterlight Festivals – eines der bedeutendsten Lichtkunstfestivals Europas mit Künstlerinnen und Künstlern aus 13 Ländern – tritt die Performance in Dialog mit Installationen im öffentlichen Raum von Brixen. Die Arbeiten thematisieren Identität, kollektive Verantwortung und Nachhaltigkeit und nutzen Licht als verbindendes, poetisches Element zwischen Kulturen und Generationen.
Mit „Sette Arrese“ legt Boccardi eine konzentrierte, kompromisslose Arbeit vor, die sich bewusst jeder Effekthascherei entzieht – und gerade darin ihre Wirkung entfaltet.




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