Die Bühne in der Wiener Stadthalle ließ keine Wünsche offen

70. ESC: Wien und Bühne überzeugten, Moderation spaltete

Montag, 18. Mai 2026 | 12:58 Uhr

Von: apa

Der 70. Eurovision Song Contest ist Geschichte und hat für gehöriges Aufsehen gesorgt. Speziell die Bühne, die technisch aufwendige Produktion und die Stadt Wien als Austragungsort gefielen. Die Moderation von Victoria Swarovski und Michael Ostrowski spaltete dagegen die Gemüter. Gegen den Sieg der Bulgarin Dara lehnt sich kaum jemand auf. Viel mehr herrscht Erleichterung, dass der ESC nicht nach Israel wandert, was eine Zerreißprobe für das Megaevent dargestellt hätte.

Schon ESC-Direktor Martin Green hatte kurz vor dem Finale Wien als Ausrichterstadt in den höchsten Tönen gelobt. “Es ist Weltklasse, wie die Stadt, die Tourismusverantwortlichen, die Hotels, Geschäfte, Museen und weitere Institutionen sowie natürlich die Menschen für dieses Event zusammengefunden haben. Darauf könnt ihr stolz sein!”, sagte er im APA-Interview. Auch mehrere deutsche Medien sahen das Event im Nachgang gelungen: “Der ORF trumpfte dem Geburtstag entsprechend auf”, schrieb die “Süddeutsche Zeitung”. Der “General-Anzeiger Bonn” meinte, dass Wien “ein würdiger Gastgeber der ESC-Jubiläumsausgabe mit einer minutiös durchchoreografierten Show auf einer hochmodernen Bühne, die inszenatorisch keine Wünsche offenließ”, gewesen sei.

Die Bühne als Star

Der heimische “Standard” hob die “technisch spektakuläre Produktion, deren Bühnen- und Lichtdesign” hervor, mit der neue Maßstäbe gesetzt worden seien. Die “Presse” schrieb von einer technisch “makellosen” Umsetzung. Und: “Manchen gilt ja die Bühne als der Star des ESC 2026.”

Auch die dem ORF gegenüber sonst eher skeptisch eingestellte “Kronen Zeitung” war voll des Lobes: “Wir haben es geschafft, der Welt eine perfekte Veranstaltung abzuliefern. (…) Wien und der ORF haben mit der ESC-Austragung internationale Klasse bewiesen.” Die “elegante, raumgreifende Bühne von Florian Wieder, die samt Licht und Ton alle technischen Stückln spielte”, habe ebenso für Furore gesorgt. Der “Standard” hielt fest, dass sich ORF, die European Broadcasting Union (EBU) und die Stadt Wien mit erheblichem Aufwand gegen die Krisenstimmung rund um den Boykott mehrerer Länder wegen der Teilnahme Israels am Bewerb gestemmt hätten – “durchaus erfolgreich”.

Weniger wohlwollend blickte die “Frankfurter Neue Presse” auf das Megaevent, das am “Kipppunkt zwischen Party und Schockstarre” gestanden sei: “Anders als Basel im Vorjahr schaffte die österreichische Hauptstadt es leider nicht, das durch eine fröhliche Party-Stimmung überall in den Straßen wieder wettzumachen.” Ganz anders der Eindruck des “Kurier” und der “Krone”, die beide von einem guten Echo berichten. “Die Touristen fühlten sich willkommen; nicht wenige sagten, dass Wien sich selbst übertroffen habe”, ist im “Kurier” zu lesen – wie auch die Notiz, dass Wien den bisher inklusivsten ESC ausgerichtet habe.

Die “Ovskis” polarisierten

Deutlich auseinander gingen die Meinungen mit Blick auf das Moderationsduo Swarovski/Ostrowski. Der “General-Anzeiger Bonn” sah die beiden “stilecht im Glitzer-Outfit”, die “Presse” schrieb von einem Moderatorenpaar, das “in seiner Gegensätzlichkeit” gefiel: “bemühte Perfektion versus zelebrierte Schludrigkeit”.

Die “Berner Zeitung” ging mit der “eher mauen” Moderation der “Ovskis”, die “skripttreu und mehrheitlich nüchtern” ausgefallen sei, noch verhältnismäßig zart um. Die “Passauer Neue Presse” – “inkompatible Moderatoren” – und speziell die “Welt” – “Moderatorenpaar aus der Hölle” – präsentierten sich weniger zimperlich. “Zu sehen war ein Paar, das roboterhaft Emotionen nur simulierte, auswendig gelernte Gags uninspiriert vortrug – und insgesamt so hölzern sein Programm abspulte, dass selbst der beste Freund der beiden, ihr Teleprompter, vor Langeweile einzuschlafen drohte”, schrieb die “Welt”.

Lobeshymnen für “Bangaranga”

Lobeshymnen gab es dagegen für den Siegersong “Bangaranga”. “Perfekte ESC-Ware”, meinte der “Kurier” und analysierte, dass “der allerhöchste Unterhaltungswert” gewonnen habe. “Der bulgarische Beitrag ‘Bangaranga’ der Sängerin Dara ist gleichermaßen perfekt komponiert und choreografiert, wie er erfreulich lustig und sinnlos ist”, schrieb die “Zeit”. Die “Süddeutsche Zeitung” sah mit dem Partystampfer den Nerv der Zeit getroffen: “Dara singt und tanzt außergewöhnlich gut, ihre Professionalität erinnert an K-Pop-Idole.” Die “Kleine Zeitung” schrieb von “Bangaranga” als “Seismograf für eine Unruhe innerhalb der Gen Z, für die der Song als Ventil, als Notausgang fungiert”.

“Der ESC ist trotz Wettquoten noch immer ein Live-Event, bei dem Dynamik, Inszenierung und Emotionalität am Finalabend wichtiger sind als Auftritte und PR im Vorfeld. Gerade diese Unvorhersehbarkeit macht ihn reizvoll”, hielt der “Tagesspiegel” mit Blick auf den Bauchfleck der Buchmacher fest, die den finnischen Beitrag klar an der Spitze gesehen hatten und erst auf den letzten Metern Bulgarien (geringe) Gewinnchancen einräumten. Den Wettquoten als “großer Verlierer” etwas weniger Bedeutung beizumessen, “könnte dem ESC durchaus guttun”, merkte der “Standard” an.

ESC in Israel “hätte den Contest in dieser Form vielleicht beendet”

Und dann wäre da noch die Debatte über die Teilnahme Israels, die das Megaevent bis zum Schluss begleitete. So gab es deutlich vernehmbare Buhrufe und Pfiffe, als der israelische Sänger Noam Bettan im großen Finale zwischenzeitlich auf Platz eins lag. Dass er letztlich auf dem zweiten Platz landete, sorgte wieder für Partystimmung in der Halle. “Man fragt sich, ob nicht sogar die israelische Delegation aufatmete, als klar war, dass sie nicht gewonnen hat”, schrieb die “SZ”. “Denn was hätte das bedeutet, wenn Israel gewinnt? Einen ESC 2027 in Tel Aviv und mehr Boykotte? Das muss allen klar gewesen sein, ein Sieg Israels hätte den Contest in dieser Form vielleicht beendet”, merkte die deutsche Zeitung an.

Mehrere Medien wie der “Standard” und die “Passauer Neue Presse” führten aber auch vor Augen, dass ein Land, das zum Wettbewerb zugelassen ist, auch gewinnen dürfe. Alles andere würde die Glaubwürdigkeit des ESC beschädigen.

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