Ruth Beckermann philosophiert über Äthiopien und die Welt

Beckermanns “Wax & Gold”: Kleine Philosophie im großen Hotel

Sonntag, 15. Februar 2026 | 14:30 Uhr

Von: apa

Ein Kammerspiel im riesigen Hilton Addis Ababa, ein selbstreflexives Gedankenessay einer weißen Europäerin über eines der ältesten Länder Afrikas, eine philosophische Reise, ohne das Gebäude zu verlassen. Es ist ein widersprüchliches Werk, das Ruth Beckermann mit “Wax & Gold” nach ihrem großen Erfolg “Favoriten” vorlegt. Der Dokumentarfilm, der am Sonntag Weltpremiere auf der Berlinale feierte, ist letztlich ein Hybrid, ein Experiment und schwer verortbar.

Wobei, verortbar ist “Wax & Gold” im Konkreten wie nur wenige Filme. Er spielt zur Gänze im großen Businesshotel der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, in den 60ern vom damaligen Kaiser Haile Selassie als Zeichen des Aufbruchs und der Machtdemonstration erbaut. Hier schlägt Beckermann ihre Zelte auf – und wird diese bis auf wenige Minuten am Ende des Films auch nicht wieder verlassen.

Warum ist sie hier?

Anfangs erzählt die 73-jährige Regisseurin aus dem Off von ihrem Plan, der einstigen Kindheitsfaszination für den damals als exotisch empfundenen Kaiser von Äthiopien nachzugehen. Man brauche eben oft einen Vorwand für ein neues Projekt. Aber letztlich wisse sie selbst nicht recht, weshalb sie hier ist. Dem Publikum dürfte es in weiten Teilen leider nicht anders gehen.

Ein gewisser roter Faden für Beckermann stellt das in den 80ern erfolgreiche Buch “König der Könige” des polnischen Journalisten Ryszard Kapuściński über Selassies Regierungssystem dar. Übersetzt wurde diese Analyse der Macht einst vom im Vorjahr verstorbenen Martin Pollack, dem “Wax & Gold” auch gewidmet ist. Der Filmtitel referenziert dabei auf eine literarische Technik in Äthiopien, das Gegenteil von dem zu sagen, was man eigentlich meint.

Ein Sammelsurium der Impressionen

Dies kann man Beckermann mutmaßlich nicht vorwerfen, sammelt sie doch über den Film hinweg verschiedene Impressionen, Perspektiven, Archivaufnahmen. Sie spricht mit dem Wahlwiener Pianisten Marino Formenti, der im Hotel weilt, dem einstigen Bauleiter, dessen Vorfahren noch vor Mussolinis Angriff auf Äthiopien aus Italien eingewandert sind, lädt Studierende zu einer Diskussion ins Haus, parliert mit Geschäftsleuten.

Beckermann lässt Fremdheit zu, konstruiert mosaikmäßig ihr eigenes Bild, schafft schlaglichtartige Einblicke in die Vergangenheit und Gegenwart des Landes, in dem sie sich gerade befindet. Sie lässt dabei Widersprüche stehen, gibt keine endgültigen Antworten, bleibt entsprechend wenig konzise. “Wax & Gold” ist letztlich die Dokumentation einer Selbsterfahrung, deren Erkenntniswert für Außenstehende aber begrenzt bleibt. Ganz am Ende erst filmt Beckermann außerhalb des Hotels, gibt aus dem fahrenden Auto heraus ein paar Eindrücke des Alltags in Addis Abeba. Und die hallen beinahe länger nach als die eineinhalb Stunden zuvor.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – www.berlinale.de/de/2026/programm/202610513.html )

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen