Julia Ducournau legt mit "Alpha" ihren neuen Film vor

Cannes-Gewinnerin Ducournau fängt “immer wieder bei Null an”

Samstag, 04. April 2026 | 06:18 Uhr

Von: apa

Spätestens mit “Titane”, der beim Publikum gleichermaßen für Begeisterung und Verstörung sorgte und ihr 2021 die Goldene Palme beim Filmfestival von Cannes einbrachte, hat sich Julia Ducournau in die vordere Reihe der europäischen Filmemacherinnen katapultiert. Ihr neues Drama “Alpha” wirft erneut viele Fragen auf. Im APA-Interview spricht die 42-jährige Französin über Traumata, warum die Infizierten im Film zu Marmor werden und weshalb sie der Begriff “Body Horror” stört.

APA: Sprechen Sie gerne über Ihre Filme?

Julia Ducournau: Ja, klar.

APA: Ihre Filme wirken nämlich gewissermaßen so, als wollten oder sollten sie für sich selbst sprechen …

Ducournau: Hundertprozentig. Fast alles, was ich fühle und bin, ist in meinen Filmen enthalten. Für mich könnte es also dort stoppen (lacht). Aber ich mag es, stimulierende Gespräche mit Leuten zu führen. Meine Filme führen zu vielen Fragen. Und ich denke, das ist gut so. Denn Kunst sollte Fragen aufwerfen und keine Antworten geben.

APA: Warum?

Ducournau: Es ist nicht so, dass ich mir am Anfang denke: “Oh, ich werde alle so verwirren.” Die Filme oder generell die Kunst, die ich am meisten mag, habe ich nie sofort verstanden. Ich musste tiefer graben, öfters zurückkehren, um festzustellen, warum ich mich von einem Film oder einem Gemälde so gesehen fühlte. Kunst sollte dazu da sein, sich selbst zu hinterfragen.

APA: Wie geht es Ihnen damit, nach dem Gewinn der Goldenen Palme für “Titane” jetzt einen neuen Film vorzulegen?

Ducournau: Man fängt bei einen Film immer wieder bei Null an. Es ist jedes Mal wieder – auch trotz Goldener Palme – nervenaufreibend. Filmemachen ist ein Weg, um mit der Welt zu kommunizieren. Man hofft, dass dieser Dialog auch stattfindet.

APA: Aber zumindest für die Finanzierung von “Alpha” war die Goldene Palme wohl nützlich?

Ducournau: Ich würde nicht sagen, dass es dadurch leichter gegangen ist, aber vielleicht ein bisschen schneller. Meine Filme setzen auf teure Spezialeffekte und lassen sich schwer einordnen. Das macht es knifflig, eine Finanzierung aufzustellen.

APA: In “Alpha” skizzieren Sie anhand einer Familie eine Gesellschaft im Ausnahmezustand. Eine Krankheit lässt Menschen zu Stein werden. Alle haben Angst, sich zu infizieren. Schwule Personen und Junkies werden ausgegrenzt. Warum haben Sie sich dazu entschlossen, ihren Film an die Aids-Epidemie anzulehnen?

Ducournau: Der Film dreht sich nicht um Aids. Der Hauptfokus liegt darauf zu zeigen, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn Angst sie kontaminiert. Der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht, Hass und Ablehnung kommen auf. Leute isolieren sich, Kommunikation wird erschwert und Traumata entstehen. Wenn diese nicht verarbeitet werden, man Dinge aus Scham geheim hält, dann trifft es auch die nächste Generation. Mich interessiert, wie Trauma transferiert wird, wenn damit nicht offen umgegangen wird. In den 90er-Jahren wurden Homosexuelle für ihren Lebensstil verurteilt. Die Gesellschaft hat entschieden, dass Aids nur sie betrifft und sie es fast schon verdient hätten, krank zu sein. Das war ein unglaublicher ethischer Rückschritt. Die Coronapandemie ist anders, weil nicht eine spezifische Bevölkerungsgruppe für ihren Lebensstil angegriffen wurde. Aber speziell junge Leute waren von Lockdowns hart betroffen, sie wurden in ihrem Leben gestoppt und kamen zurück in eine Welt, in der alles teurer und keine Jobs vorhanden waren. Wir dürfen nicht sagen: “Ihr müsst damit einfach klar kommen.” Aber das erwartet die Gesellschaft gewissermaßen von ihnen. Wir sollten eine sichere Welt kreieren, in der Verständnis für deren Situation besteht. Stattdessen werden sie an den Pranger gestellt, wenn sie noch bei ihren Eltern leben und keinen Job haben. Es scheint so, als hätten wir leider nichts aus der Vergangenheit gelernt.

APA: Ihr Film geht optisch in zwei Richtungen: Teilweise sind die Bilder und die Umgebung kalt-steinern und dann wieder warm und voller Liebe. Was war hier Ihre Intention?

Ducournau: Mit den unterschiedlichen Farbtönen wollte ich zeigen, dass in der Vergangenheit mit ihren warmen, beinahe nostalgischen Bildern die Gesellschaft noch zusammengehalten hat. In der Gegenwart hat Angst den sozialen Zusammenhalt komplett gebrochen. Ich wollte ein Gefühl von Einsamkeit und Härte in einer fast postindustriellen, metallenen, kalten Welt zeichnen. Ich habe mich für zwei Zeitebenen entschieden, weil Trauma nicht linear ist. Es flammt immer wieder auf. Man hat auch Angst, dass es in Zukunft wieder ausbricht. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sind miteinander vermischt. Ich wollte dieses Falten und Entfalten von Zeit verdeutlichen. Somit hätte eine lineare Filmstruktur keinen Sinn gemacht.

APA: Sie vergessen für “Alpha” nicht auf Body-Horror-Elemente, die etwa “Titane” durchziehen, schrauben sie aber zurück. Die steinernen Menschen hätten viel Horror-Potenzial gehabt. Warum haben Sie sich dagegen entschieden, dieses Potenzial voll auszuschöpfen?

Ducournau: Mir sind Labels egal – bei Menschen, Körpern und Kunst. Daher habe ich ein Problem mit dem Begriff “Body Horror”. Er reduziert meine Intentionen und die Reise meiner Figuren auf reine Schockmomente. Meine Filme sind Hybride, sie vermischen Drama mit Komödie, organischen Situationen und Fantasy. “Alpha” sehe ich als ein Drama. Körperliche Erfahrungen sind mitunter hart und roh – und noch ziemlich tabuisiert. Deswegen konfrontiere ich gerne mit der Verletzlichkeit des Körpers. Wenn wir ehrlicher mit Körpern umgehen würden, könnten wir mehr Empathie für einander aufbringen. Ich habe mich für den Film entschieden, infizierte Menschen zu Marmor werden zu lassen – ein sehr nobles Gestein. Ich wollte ihnen, die von der Gesellschaft wie Ausgestoßene behandelt werden, damit mehr Würde verleihen. Mit den Infizierten zu schocken, wäre das Gegenteil davon gewesen, was ich erreichen wollte.

APA: Sie schreiben die Drehbücher für ihre Spielfilme selbst. Ist das für Sie essenziell oder können Sie sich vorstellen, auch die Ideen anderer Leute auf die Leinwand zu bringen?

Ducournau: Ursprünglich habe ich gedacht, dass ich nur Drehbücher verfassen werde. Ich habe mein ganzes Leben lang Geschichten geschrieben. Aber als ich in der Filmschule war, habe ich eine Kamera und kleine Crew geschnappt und Kurzfilme gedreht – nur um zu sehen, wie es sich anfühlt. Dabei habe ich festgestellt, dass das Schreiben nicht mit dem fertigen Skript endet. Es setzt sich mit all den Entscheidungen, die man am Set trifft, fort. Schreiben und Regie führen sind für mich sehr stark verknüpft. Aber ich habe auch für einzelne Folgen von Serien Regie geführt und dazu nicht selbst das Drehbuch verfasst. Also ja, ich kann das und mag es auch, weil ich es einfach liebe, am Set zu sein und Schauspielerinnen und Schauspieler anzuleiten. Was ich aber niemals tun würde, ist, eines meiner Skripts von jemand anderem verfilmen zu lassen. Das wird nicht passieren (lacht).

(Das Gespräch führte Lukas Wodicka/APA)

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