Von: APA/dpa
Man muss schon kurz überlegen, wie das denn eigentlich zusammenpasst. Wenn man Nina Hagen fragt, was Punkrock und Jesus Christus gemeinsam haben, ist die Antwort für sie allerdings klar. “Also Jesus war einer der Ur-Punks überhaupt”, sagt die Musikerin, die mit “Highway to Heaven” gerade ein neues Gospelalbum aufgenommen hat. Es erscheint am 27. März.
“Er hat sich immer für die Gerechtigkeit ausgesprochen”, sagt Hagen. Es habe ihn nicht gekümmert, was Autoritäten sagten – stattdessen habe er sich für Nächstenliebe eingesetzt. Sich wenig um Autoritäten scheren, das passt auch gut zu Nina Hagen.
Nachdenkliche “Godmother of Punk”
Manche nennen sie die deutsche “Godmother of Punk”. Da sind zum Beispiel die Bilder aus den 70ern und 80ern, oder der legendäre Fernsehauftritt im ORF, bei dem sie vor laufender Kamera erklärte, wie Frauen mehr Spaß beim Sex und einen Orgasmus haben können – damals noch ein Skandal.
Hagens Stimme klingt heute am Telefon noch immer markant, vielleicht noch etwas dunkler als früher. Mal greift sie zur Gitarre, mal schweifen ihre Gedanken ab – Astronauten, Spiritualität, Musik. Alles scheint bei ihr miteinander verbunden. Ihr neues Album erscheint am Freitag.
Welche Erfahrung sie auf LSD machte
Als junge Frau machte Hagen eine prägende Erfahrung im Drogenrausch. “Das war wie eine Taufe, die Jesus persönlich an mir vorgenommen hat”, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Bei einem LSD-Trip sei sie damals in einen beängstigenden Zustand geraten, den sie als reine Qual beschreibt.
In dieser Situation habe sie sich an Gott gewandt, sich ihm anvertraut und sich gesagt: “Okay, dann mache ich die Augen zu und ich sterbe mein altes Ich.” In diesem Moment habe sie Jesus vor sich gesehen, als hübschen Mann, der sie voller Liebe angesehen habe.
Verschlungene Wege zu Gott
Obwohl sie in den Jahrzehnten danach immer wieder “in die letzten Dreckpfützen” gefallen sei und Sachen falsch gemacht habe, die falschen Drogen genommen oder jahrzehntelang Zigaretten geraucht habe – “was meiner Stimme und meiner schönen Lunge überhaupt nicht gutgetan hat”, sei sie doch immer wieder aus diesem Mist von Gott herausgeholt worden.
Inzwischen sei sie seit langer Zeit keine Raucherin mehr und habe vor vielen Jahren auch mit dem Kiffen aufgehört, erzählt Hagen. Sie lebt in Hamburg, kann nach eigenen Angaben auch gut auf die Straße gehen, ohne angesprochen zu werden. Nicht immer sehe sie dann aus wie auf der Bühne, mit der Kleidung und dem Make-up, manchmal aber schon.
Geht Nina Hagen in die Kirche?
Fragt man sie, wie sie ihren Glauben lebt und ob sie in die Kirche geht, dann antwortet Hagen: “Naja, also ich bin ja eine Kirche.” Aus ihr kämen ja lauter musikalische Gospelverkündungen. Warum gehen ihrer Meinung nach die Mitgliederzahlen in den Kirchen zurück? Sie findet, Menschen würden durchaus Gott vertrauen, wollten aber der Institution einen Denkzettel verpassen.
Hagen kritisiert die katholische Kirche für den Umgang mit Missbrauchsfällen. Auch Heiligsprechungen und Reliquien findet sie befremdlich. Abgeschnittene Fingernägel von “Pseudoheiligen” würden in Monstranzen herumgetragen, so Hagen am Telefon. Die “katholische Kirche ist doch eigentlich ein einziger Gruselverein, wenn man mich fragt”.
Dass Hagen auch “Godmother of Punk” genannt wird, findet sie unzutreffend. Aber sie habe sich natürlich inspirieren lassen von der Musik und den tollen Londoner “Punkies”, wie sie sagt. Kategorien seien ohnehin schwierig, wenn man Künstler beschreiben wolle. “Man sollte doch einfach beim Namen bleiben und sagen: ‘Das ist Nina Hagen, the one and only’.”
Der Schlager “Du hast den Farbfilm vergessen” machte Hagen in der DDR bekannt – Angela Merkel wünschte sich das Lied vor einigen Jahren sogar zu ihrem Abschied als Kanzlerin beim Großen Zapfenstreich. Die mit einer Opernstimme ausgestattete Hagen sang auch “Unbeschreiblich weiblich”, “Personal Jesus” oder “TV-Glotzer (White Punks On Dope)”.
“Alle wollen in den Himmel, aber keiner hat Bock auf Tod”
Gospellieder findet sie schon lange faszinierend. Sie liebt “Oh, Doctor Jesus” aus dem Musical “Porgy and Bess” und vergöttert Sängerin Mahalia Jackson. Hagens neues Album besteht aus 14 Liedern, darunter “Somebody Prayed For Me” – im Original von der Gospelsängerin Dorothy Norwood – und “Never Grow Old” mit der griechischen Sängerin Nana Mouskouri.
In einem Lied dichtet Hagen nicht nur eine Referenz auf den Dramatiker Bertolt Brecht – den sie seit ihrer Jugend in der DDR verehrt –, sondern sie schaut auch auf das Sterben. “Alle wollen in den Himmel, aber keiner hat Bock auf Tod”, singt Hagen. Angst vor dem Tod hat sie nach eigenen Angaben keine. Sie glaubt, dass Gott den Menschen dann einen neuen, himmlischen Raumanzug schenken wird. So jedenfalls stellt sich Nina Hagen das vor.
(S E R V I C E – https://www.groenland.com/collections/nina-hagen )




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