Zwei, die sich nahe und doch unendlich fern sind

“Vaterland”: Deutschland zwischen Stunde Null und Aufbruch

Samstag, 29. August 2026 | 06:01 Uhr

Von: importer

Es ist in Thema wie Gestalt ein zutiefst deutscher Film. Und doch hat “Vaterland” kein deutscher Regisseur gedreht, sondern Polens Starfilmemacher Paweł Pawlikowski. Der 68-Jährige wurde für das ungewöhnliche Schwarz-Weiß-Werk zu Recht bei den Filmfestspielen von Cannes als bester Regisseur gewürdigt. Nun kommt das hochgelobte Drama über eine Reise des Schriftstellerdoyens Thomas Mann mit seiner Tochter Erika durch das geteilte Deutschland 1949 am Donnerstag ins Kino.

Darin kehrt der Literaturnobelpreisträger (Hans Zischler) nach langen Jahren des Exils in seine alte Heimat zurück, um dort Auszeichnungen entgegenzunehmen. In der West- wie der Ostzone. An seiner Seite ist seine Tochter, die Schauspielerin und Autorin Erika (Sandra Hüller), die ihren Vater begleitet und umsorgt. Alle wollen den großen Erzähler vereinnahmen – für ihre jeweilige Sache und für die mögliche Zukunft Nachkriegsdeutschlands. So reist das Mann-Duo vom westlichen Frankfurt ins sowjetisch-besetzte Weimar, auf den Spuren eines untergegangenen Landes in den Ausläufern der Stunde Null, in einer Phase, in der das Neue noch nicht wirklich begonnen hat.

Historische Fiktion

Pawlikowski, der gemeinsam mit “Babylon Berlin”-Co-Regisseur Hendrik Handloegten auch das Drehbuch verfasst hat, erzählt im altertümlichen 4:3-Format und in Schwarz-Weiß letztlich eine historische Fiktion, wurde Thomas Mann bei der realen damaligen Reise doch eigentlich von Ehefrau Katia begleitet. Hier wird das Drama eines Landes, einer Kultur und das einer Familie komprimiert, trifft doch just während der Reise die Nachricht vom Selbstmord des Sohnes Klaus (August Diehl) ein, der den kühlen Thomas äußerlich anders trifft als die emotionalere Erika.

“Vaterland” erzählt somit in ruhigen Bildern, die immer wieder an Caspar David Friedrich erinnern, vom Größtmöglichen, einer ganzen Kultur, und vom Kleinstmöglichen, dem Nukleus der Familie. Er ist als Thesenfilm intellektuelle Reflexion ebenso wie Schauspielerkino, der seinen Protagonisten Entfaltungsmöglichkeit lässt. Wenige Tage und Räume genügen Pawlikowski, um mit Thomas Mann als dem Symbol einer vergangenen Zeit die Metapher einer ganzen Epoche zu schildern.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – www.polyfilm.at/film/vaterland )

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