Von: apa
Auf rund dreieinhalb Metern Höhe auf Metallstangen angebracht findet man seit wenigen Jahren Nistkästen in niederösterreichischen Weingärten. Sie helfen dem stark gefährdeten Steinkauz dabei, sich wieder großflächiger im Land zu verbreiten. Dass das möglich wurde, hängt mit einem Umdenken im Weinbau und einer Initiative von Forschenden der Veterinärmedizinischen Universität Wien zusammen. Trotzdem ist das Comeback alles andere als eine “gmahde Wiesn”.
Mittlerweile gibt es sogar einen “Athene”-Weißwein – in Anlehnung an den lateinischen Namen der kleinen Eulenart “Athene noctua” -, freut sich Richard Zink, Leiter von der Außenstelle Seebarn am Wagram (NÖ) der Österreichischen Vogelwarte, einer Einrichtung der Vetmeduni, bei einem Besuch der APA. Die Winzer in diesem Teil des Weinviertels nahe Krems seien durchaus stolz, dass sich in ihren Gärten seit einiger Zeit wieder mehr Arten tummeln als noch vor einiger Zeit.
Neue “Wiesenlandschaft aus zweiter Hand”
Zink und Kollegen ist die Verbesserung der Artenvielfalt in und um die Weinbau-Flächen rasch aufgefallen. Als Grund dafür entpuppte sich eine markante Trendumkehr bei der Bewirtschaftung: Es wird weniger Insektizid ausgebracht und zwischen Rebzeilen erlaubt man wieder das Wachstum von Pflanzen bzw. begrünt gezielt, um etwa Bodenerosion zu verhindern. Das war lange nicht so, weil jedes Gewächs als Konkurrenz für das Gedeihen des Weines angesehen wurde. Was nun aber entstanden ist, sei eine “Wiesenlandschaft aus zweiter Hand”, die freilich nicht wie eine solche aussieht, weil der Weinbau ins Auge springt. De facto ist die Struktur mittlerweile aber mit “ausgeräumten” Weideflächen mit relativ kurzer Vegetation vergleichbar, die vor wenigen Jahrhunderten noch weite Teile des Flachlandes mitgeprägt haben.
“Viele, vor allem kleinere Vogelarten kommen mit diesen Ökosystemen gut zurecht – vor allem der Steinkauz”, so Zink. Neben ihm profitieren aber etwa auch der Wiedehopf, der Neuntöter oder die Heidelerche. In der Region um Fels am Wagram gibt es zudem die charakteristischen Abbruchkanten der Lössterrassen mit ihren kleinen horizontalen Röhren und Mini-Höhlen, die die nun wieder zahlreicheren Bienenfresser gerne besetzen. Das Umfeld sei nämlich auch ideal für viele Insektenarten, aber auch für Eidechsen, Feldhamster, Ziesel und “sogar den ganz seltenen Steppeniltis”. Der Steinkauz frisst zum Beispiel gerne Grillen und andere Insekten – und nicht zuletzt Mäuse. “Das Angebot ist deutlich besser geworden”, erklärte Zink.
Furcht um Anhalten von positiver Entwicklung der Artenvielfalt
Bei all der positiven Entwicklung für viele Arten, die früher auf kleine isolierte Restbestände reduziert waren, hängt auch ein “Damoklesschwert” über dem Weinbau in unseren Breiten: die eingeschleppte Amerikanische Rebzikade (Scaphoideus titanus). Sie breitet sich bereits in der Steiermark und im Seewinkel ein Stück weit aus. Die Infektionen mit der von ihr verbreiteten Vergilbungskrankheit verlaufen heimtückisch, weil schleichend über mehrere Jahre. Mittlerweile wurde Insektizideinsatz in manchen Regionen auch bereits behördlich verordnet. “Das könnte diese extrem positive Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte wieder unterlaufen”, befürchtet Zink.
Momentan gilt es aber, den Vögeln Unterstützung zu geben, um sich wieder flächendeckend und möglichst nachhaltig zu etablieren. Und da hat das Team um Zink eine recht einfache, aber effektive Methode zur Hand, die auf eine Idee eines burgenländischen Kollegen beruht: Man hat speziell auf die Bedürfnisse der Käuze abgestimmte Steinmarder-sichere Stangennistkästen ersonnen und inzwischen rund 200 davon in den Weingärten um Seebarn aufgestellt. Das Einzige, was dem Steinkauz momentan im mehr oder weniger neuen Lebensraum fehlt bzw. gefehlt hat, waren nämlich Bruthöhlen, da die Tiere selbst keine Nester bauen. Wo in der Region die Nisthilfen optimalerweise angebracht werden sollten, hat man mit einem selbst entwickelten Computermodell ausgearbeitet. Nähe zu Waldkauzvorkommen – Fressfeinde des kleineren Steinkauzes – oder zu Verkehrsadern sollten vermieden werden.
“Modellart” und “Gesundheitsanzeiger”
Ein weiterer Vorteil der Nisthilfen für die Forschenden ist, dass man so “ganz nahe an die Vögel herankommt”, um Proben zu nehmen, die Tiere zu markieren und zu beobachten, erklärte Zink. Der Steinkauz sei auch eine “Modellart”, an der gezeigt werden kann, wie Schutzmaßnahmen wirken. Auf der anderen Seite dienen die Vögel auch als “Gesundheitsanzeiger”, wenn sich in einer Region Schadstoffe wie Schwermetalle stärker anreichern.
Die Fläche der niederösterreichischen Weingärten beläuft sich auf rund 28.000 Hektar – ist also “riesig”, so Zink: “Wenn wir an den richtigen Schräubchen drehen, hat man eine irrsinnige Breitenwirkung.” Das längerfristige Ziel ist das Bilden von zusammenhängenden Verbreitungskorridoren, vom Pulkautal im Norden bis ins Mostviertel und Oberösterreich im Südwesten, wo es überall auch kleine Steinkauz-Restbestände gibt. Schließt man diese Populationen zusammen, sehe es gut für die Vögel aus. Dabei würde auch helfen, wenn Winzer wieder mehr Bäume in ihren Gärten wachsen ließen, in denen die kleinen Eulen natürliche Nisthöhlen finden, so der Wissenschafter.
“Zusammenwirken zwischen Wissenschaft und Weinbau”
Bis dahin brauche es aber das Naturschutz- und Forschungsprojekt. Das sei natürlich aufwendig, “macht aber viel Freude”. Die Grundeigentümer würden jedenfalls sehr hinter dem Vorhaben stehen. Man identifiziere sich mit den nun wieder zahlreicheren Arten. Das könnte auch viele Winzer dazu animieren, möglichst wenig Insektizide einzusetzen, wenn die Rebzikade einmal tatsächlich in der Region aufschlägt. “Sie wissen, was sie jetzt in ihren Weingärten haben und was die Umstellung der Bewirtschaftung alles Positives bewirkt hat”, zeigte sich Zink überzeugt: “Das ist ein sehr fruchtbares Zusammenwirken zwischen Wissenschaft und Weinbau.”
An einem der Nistkästen mitten in den Weinbergen am Wagram oberhalb von Fels angelangt, zeigt sich, was hier passiert: Man sieht jede Menge Bienenfresser und auch einen Bussard. Beim Blick in die Bruthilfe erkennt Zink einige erst vor wenigen Tagen geschlüpfte Jungvögel. Die vier Kleinen sind noch blind und in der Brutsaison spät dran. Die Vogelmutter schützt ihren Nachwuchs, indem sie mit leicht geöffneten Schwingen über ihm sitzt. Das Nest ist voll mit erbeuteten Mäusen, die als Nahrung dienten oder noch dienen werden. Ob die Nachzügler durchkommen, lasse sich schwer prognostizieren, so der Experte. Der nahe lebende Bussard erhöhe die Chancen nicht unbedingt.
Von 50 bis 70 auf rund 400 Steinkauz-Paare
Insgesamt zählte man heuer schon 64 Jungvögel in den Stangenkästen der Region, von denen im kommenden Jahr dann schon wieder weit mehr besiedelt sein werden. Alleine in der Weinbaugegend östlich von Krems gibt es aktuell geschätzte 40 bis 50 Steinkauz-Paare. Vergleicht man das mit den vor wenigen Jahrzehnten nur noch 50 bis 70 Paaren, die es österreichweit gab, sei das schon ein großer Fortschritt. “Jetzt sind wir in Österreich wieder bei rund 400 Paaren – Tendenz deutlich steigend. Das ist eine sehr positive Entwicklungsgeschichte”, freut sich der Ökologe.
Mit abgestimmten Nistkästen unterstützt man seitens der Vogelwarte auch Habichtskäuze, Wiedehopfe oder Sakerfalken im Rahmen von eigenen Projekten. Letztere sind weltweit stark gefährdet. Nur in zwei Ländern der Welt nimmt ihr Bestand momentan zu, eines davon ist Österreich, erklärte Zink nicht ohne Stolz.
(S E R V I C E – https://www.vetmeduni.ac.at/aoc/aussenstelle-seebarn )




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