Von: Sophia Molitor
Bozen – Roger Pycha, Koordinator der European Alliance Against Depression in Südtirol, spricht über die oft schwer erkennbare Grenze zwischen überschäumender Lebensfreude und einer krankhaften Manie:
Glück kennt jeder. Auch Ärger, Wut und überschäumende Energie gehören zum Leben. Doch wenn jemand ohne ersichtlichen Grund eine Woche oder länger wie aufgedreht wirkt, kaum schläft, ständig lacht oder explodiert und für andere Gefühle kaum mehr erreichbar ist, kann mehr dahinterstecken: eine Manie.
Im Sommer treten manische Episoden häufiger auf – nachgewiesenermaßen auch, weil Licht und längere Tage den inneren Takt verändern. Betroffene sind dann oft überaktiv, ungewöhnlich selbstsicher, enthemmt, gereizt oder euphorisch. Sie brauchen wenig Schlaf, geben leichtfertig Geld aus, überschreiten Grenzen, konsumieren eher Alkohol oder Drogen und entwickeln nicht selten Größenideen. Das Tragische: Sie selbst fühlen sich meist kerngesund. Für Angehörige dagegen wird der Alltag oft unerträglich.
Psychiater sprechen von einer bipolaren affektiven Störung: Auf manische Höhen können depressive Tiefs folgen. Rund drei Prozent der Bevölkerung erleben im Lauf des Lebens mehr oder weniger ausgeprägte manische Zustände. Eine einzelne Episode klingt zwar früher oder später ab, doch Rückfälle sind häufig. Umso wichtiger ist frühe Hilfe – sie kann Partnerschaften, Arbeit, Finanzen und manchmal auch Leben schützen. Dieser heiße und lange Sommer hat seine Schatten vorausgeworfen. Die Abteilungen für Psychiatrie in Südtirol waren und sind heuer überbelegt mit Patienten, die an manischen Episoden leiden.
Psychopharmaka werden manchmal als Schutz statt Bedrohung gesehen
Hier kommen Psychopharmaka ins Spiel – ein Thema, das viele verunsichert. Einerseits haben wirksame Medikamente seit den 1950er-Jahren wesentlich dazu beigetragen, dass große psychiatrische Anstalten geschlossen werden konnten und Behandlung heute oft ambulant möglich ist. Andererseits bleibt der Gedanke unangenehm, dass Medikamente Stimmung, Antrieb und Erleben verändern können.
Deshalb gilt: Psychopharmaka gehören in fachkundige Hände – so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Wo Gespräche, Struktur, Schlafregulierung und Unterstützung reichen, sind sie vorzuziehen. Wenn eine Manie aber Fahrt aufnimmt, können Medikamente beruhigen, schützen und helfen, wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
Die größte Hürde bleibt: Manische Menschen fühlen sich selten krank. Sie pochen auf Freiheit, Ideen und Selbstverwirklichung – und erleben Hilfe rasch als Einmischung. Angehörige und Fachleute brauchen dann Geduld, Klarheit und manchmal auch den Mut zu unbequemen Entscheidungen. In schweren Fällen kann eine Behandlung gegen den aktuellen Willen nötig werden, um Betroffene vor den Folgen ihrer Erkrankung zu schützen. Nicht wenige danken später dafür.




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