Von: luk
Bozen – Laufende Nase, juckende Augen, psychophysische Erschöpfung – für viele Menschen in Südtirol zeichnet sich der Frühling durch diese Beschwerden aus.
Rund 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung sind von Pollenallergien betroffen. Dr. Doris Hager-Prainsack, Präsidentin des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen, erklärt, was hinter dem sogenannten Heuschnupfen steckt – und was wirklich hilft.
Was passiert im Körper bei einer Pollenallergie?
„Beim ,Heuschnupfen‘ – medizinisch eine allergisch Rhinitis – reagiert das Immunsystem überempfindlich auf Pollen. Es behandelt harmlose Eiweißstrukturen aus Pollen wie einen Krankheitserreger und löst eine Entzündungsreaktion aus: Fließschnupfen, heftige Niesattacken sowie juckende und tränende Augen sind die häufigsten Folgen. Schlechter Schlaf, Müdigkeit und Konzentrationsprobleme belasten den Alltag der Allergiker erheblich“, erläutert Dr. Doris Hager-Prainsack, Ärztin für Allgemeinmedizin in Meran und Präsidentin des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen.
Beginnt die Pollensaison von Jahr zu Jahr früher?
„Ja, das kann ich als Ärztin bestätigen. Mildere Winter und ein rascherer Temperaturanstieg im Frühjahr führen zu einem früheren Blühbeginn. Viele Pflanzen produzieren bei höheren CO- ₂Konzentrationen zusätzlich mehr Pollen – die pollenfreie Zeit wird jedes Jahr kürzer“, sagt Dr. Hager-Prainsack. Das belegen wissenschaftliche Daten: Eine in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlichte Untersuchung dokumentiert, dass die Pollensaison in Europa im Schnitt zwei bis drei Wochen früher beginnt als noch vor dreißig Jahren. Hinzu kommt die Ausbreitung gebietsfremder Pflanzen – etwa des beifußblättrigen Traubenkrauts (Ambrosia artemisiifolia), dessen Pollen selbst im Herbst fliegen. Für viele Betroffene bedeutet das: Die Beschwerden beginnen bereits im Jänner, z.B. durch die früh blühende Purpurerle (Alnus xspaethii), und können bei Ambrosia-Allergiker bis Oktober andauern.
Was bedeutet eine längere Pollensaison für Allergiker?
„Die längere Pollensaison belastet viele Betroffene stärker – auch finanziell, z.B. durch höhere Ausgaben für Arzneimittel. Häufigere Krankheitstage, Erschöpfung und Schlafstörungen sind die Folge“, sagt Dr. Hager-Prainsack. Da die Schleimhäute zunehmend ohne längere Pausen dauerhaft gereizt bleiben, steigt das Risiko eines sogenannten Etagenwechsels: „Die Allergie breitet sich von den oberen Atemwegen (Nase und Nebenhöhlen) auf die Bronchien aus und kann sich zu allergischem Asthma entwickeln. Studien zeigen, dass dies bei etwa einem Drittel der Betroffenen langfristig eintritt“, unterstreicht die Institutspräsidentin.
Welche Rolle spielt die Allgemeinmedizin bei Diagnose und Behandlung?
„Wir Allgemeinmediziner sind gleichsam die erste Anlaufstelle und zentrale Koordination: Unsere Aufgabe ist es, Allergien früh zu erkennen, einen Übergang in ein chronisches Stadium zu verhindern und Patienten gut durch die immer längere Pollensaison zu begleiten“, sagt Dr. Doris Hager-Prainsack. Entscheidend sei, individuell eine Kombination von Medikamenten und Behandlungen zu finden, die die Lebensqualität möglichst wenig einschränke, so Hager.
Welche Therapien kommen bei Pollenallergien zum Einsatz?
„Die Behandlung folgt drei Schritten: Auslöser meiden, Symptome lindern, Ursache behandeln“, erklärt Dr. Doris Hager-Prainsack. Moderne Antihistaminika lindern Beschwerden zuverlässig und machen kaum müde. Kortison-Nasensprays gelten international als erste Wahl bei mittelschwerer bis schwerer allergischer Rhinitis. Die Spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) setzt an der Ursache an: Ähnlich wie eine Impfung trainiert sie das Immunsystem über drei Jahre auf eine tolerante Reaktion. Wissenschaftliche Arbeiten belegen eine deutliche Abnahme von Symptomen und Medikamentenbedarf. In Südtirol wird diese Therapie an den Dermatologischen Abteilungen der Krankenhäuser durchgeführt.
Was geschieht, wenn eine Pollenallergie unbehandelt bleibt?
Eine unbehandelte allergische Rhinitis kann chronisch werden und die Schleimhäute dauerhaft schädigen – zum Beispiel durch Polypen, eine Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis) oder eine eingeschränkte Nasenatmung. Zusätzlich kann sich die Allergie auf weitere Pollenarten ausweiten. „Je früher eine Pollenallergie behandelt wird, desto besser lassen sich Folgeerkrankungen wie allergisches Asthma verhindern“, betont Dr. Hager-Prainsack.
Wie kann die Pollenbelastung im Alltag verringert werden?
Einige einfache Maßnahmen helfen, die tägliche Pollenbelastung deutlich zu senken: „Abends die Haare waschen entfernt Pollen, bevor sie ins Bett gelangen. Wäsche sollte während der Pollensaison nicht im Freien getrocknet werden. Lüften ist nach starkem Regen oder abends sinnvoll, wenn die Pollenkonzentration niedriger ist. Beim Putzen empfiehlt sich feuchtes Wischen statt trockenen Kehrens, da Pollen so gebunden werden. Ein Staubsauger mit HEPA-Filter hält auch sehr kleine Pollen zuverlässig zurück. Der Pollenfilter der Klimaanlage im Auto sollte jährlich gewechselt werden. Im Freien bietet eine eng anliegende, gekurvte Sonnenbrille wirksamen Schutz für die Augen“, empfiehlt Dr. Doris Hager-Prainsack.
Welchen Einfluss haben Lebensstil und Ernährung?
„Schlafmangel und anhaltender Stress fördern Entzündungen, Rauchen schädigt die Schleimhäute und erleichtert das Eindringen von Pollen. Eine ballaststoffreiche Ernährung kann über das Darmmikrobiom zu einer stabileren Immunreaktion beitragen. Histaminreiche Lebensmittel wie gereifter Käse oder Rotwein, aber auch Histaminliberatoren wie Erdbeeren, Tomaten und Zitrusfrüchte können einen Einfluss auf die Beschwerden haben“, so Dr. Hager-Prainsack.




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