Qualifizierte Arbeitsplätze – abwandernde Jugend

Das Vinschger Paradoxon

Freitag, 30. November 2018 | 16:50 Uhr

Schlanders – Lange hatte es der Vinschgau wirtschaftlich schwer. Heute hat er den Anschluss geschafft, wirtschaftlich und in Punkto Lebensqualität. Und doch wandern viele junge, qualifizierte Leute ab, hieß es auf einer Tagung der Plattform Land in Schlanders.

Karin Meister hat vor kurzem ihren Lebensmittelpunkt ins Schnalstal verlegt – weg von den urbanen Zentren in ein entlegenes Gebiet. Gerade dort gelingt es der Mutter, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Ausschlaggebend: Dank Home-Büro und digitaler Vernetzung kann sie teilweise von zuhause aus arbeiten. „Smart Working“ heißt das Zauberwort, und sie sieht es als Modell für viele gut ausgebildete Mütter, „die damit unabhängiger von Ort und Zeit auch anspruchsvolle Arbeit mit Verantwortung ausüben können.“

Noch ist Karin Meister in Südtirols Arbeitswelt eher die Ausnahme. Doch das dürfte sich ändern. Dies wurde in der Schlandersburg in Schlanders deutlich, wo sich die Herbsttagung der „Plattform Land“ mit der Frage nach geeigneten Arbeitsplätzen für die Jugend im ländlichen Raum beschäftigte – mit Schwerpunkt auf der Situation im Vinschgau.

Qualifizierte Arbeitsplätze – abwandernde Jugend

Dabei zeigte sich eine paradoxe Situation: Einerseits kann der Vinschgau heute mit vielen Arbeitsplätzen aufwarten – in so manchem internationalen Unternehmen auch mit hoher Qualifikation, guter Bezahlung und Aufstiegschancen. Und doch wandern junge Fachkräfte aus oder kommen nach dem Studium nicht mehr zurück. Darauf verwies vor allem Urban Perkmann vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) der Handelskammer Bozen.

Auf der Basis einer Umfrage unter jungen Vinschgern zeigte er auf, wie sich der Vinschgau zu einem idealen Arbeitsplatz entwickeln könnte: „Es bräuchte ein ‚Silicon Vinschgau‘: hohe digitale Kompetenz bei Bürgern, öffentlicher Verwaltung und Unternehmen sowie Strukturen wie Breitband.“ Die Erreichbarkeit – digital und auf den Straßen – sei eine Schwäche des Bezirks. Andererseits gebe es auch das Erfolgsmodell der VinschgerBahn. Eine Gefahr sieht er auch, wenn die öffentliche Verwaltung ihre Dienste zentralisiert und somit qualifizierte Arbeitsplätze abzieht. Andererseits hat der Vinschgau einige internationale, hoch spezialisierte Betriebe. „Nur sind diese wenig bekannt“, sagt Perkmann. Mit der Folge, dass sie händeringend nach Facharbeitskräften suchen, bestätigte Enrico Zuliani von der Firma Hoppe: „Wir bräuchten im Vinschgau 40 Auszubildende, aber nur für zehn Stellen hat sich jemand interessiert.“ Zuliani entwarf für die Vinschger Unternehmen einen Maßnahmenkatalog, mit dem sie für junge Facharbeitskräfte attraktiver werden können: „Sie brauchen eine Arbeit mit Sinn und mit Verantwortung. Natürlich spielt die Entlohnung eine Rolle, aber auch Aufstiegschancen, flache Hierarchien und schnelle Entscheidungen. Dazu wollen sie alle neuen Kommunikationsmöglichkeiten nutzen und wünschen flexible Arbeitsmodelle – zeitlich wie örtlich.“

Der Vinschgau hat natürlich auch Stärken. Darauf verwies nicht nur Perkmann, sondern auch Cassiano Luminati vom Polo Poschiavo aus der Schweiz. Wie viele Alpengebiete hat der Vinschgau eine hohe Lebensqualität – Landschaft, Freizeitmöglichkeiten, funktionierende Wirtschaft und Strukturen, Sicherheit, Wohnqualität usw. Luminati hat im Rahmen des Projekts ALPJOBS – ein Teilprojekt von EUSALP – einige kleine Alpenregionen auf die Frage untersucht, wie gute Arbeitgeber sie sind. Das Ergebnis: Wenn die Regionen auf ihre eigene, regionale Stärke setzen und darum herum ideale Strategien entwickeln, geht es den Menschen gut. Die einen punkten als Tourismus-Region, das Valposchiavo als 100-Prozent-Bio-Region usw.

Wichtig sei, dass diese Regionen ihre Erfahrungen austauschen und den jungen Menschen weiterhin eine gute Ausbildung und die nötigen Strukturen bieten. Daran weiter zu arbeiten, sich zu vernetzen und Kooperation statt Konkurrenzdenken anzustreben, ist laut der Tagung der Plattform Land auch die Hauptaufgabe der Politik, der öffentlichen Verwaltung, der Unternehmen und der Arbeitgeber.

Kooperation mit Landwirtschaft

Davon soll auch die Landwirtschaft profitieren. Immerhin ist sie durch ihre Arbeit in der Landschaft ein Rückgrat der Lebensqualität in den Alpen, merkten gleich einige Teilnehmer der Diskussion an, unter ihnen der neue Landtagsabgeordnete Franz Locher: „Wichtig ist, dass die heimischen Konsumenten und die Wirtschaft einschließlich der Landwirtschaft zusammenarbeiten. Da gibt es noch Potenzial.“

Grenzpendler in die Schweiz

Mit einer speziellen Abwanderung kämpft der obere Vinschgau. So sucht auch der junge Bauunternehmer Michael Hofer auf Prad viele Arbeitskräfte, die aber lieber in die benachbarte Schweiz pendeln: „Mit ihren deutlich höheren Löhnen werben die dortigen Unternehmen unsere frisch ausgebildeten Gesellen ab“, beklagte sich Hofer und appellierte an die anwesenden Landtagsabgeordneten Locher und Jasmin Ladurner, „dass sich die Landespolitik dieses Problems annimmt.“

Insgesamt aber zeigten sich alle Beteiligten zuversichtlich, dass die Chancen und Stärken im Vinschgau überwiegen. Wenn alle gemeinsam bereit sind, eine gute, duale Ausbildung, Arbeitszeitmodelle und Kooperationen zu nutzen, dann kann der Vinschgau, wie viele ländliche Räume im Alpenraum auch in Zukunft ein guter Arbeitgeber für junge Leute sein, fasste Leo Tiefenthaler, Vize-Sprecher der Plattform Land, am Ende zusammen. Karin Meister ist mit ihrem flexiblen Arbeitsmodell ein Beispiel dafür.

Von: mk

Bezirk: Vinschgau

Kommentare

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4 Kommentare auf "Das Vinschger Paradoxon"


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Tratscher
13 Tage 2 Min

– Herr Locher, selbstverständlich wertet die Landwirtschaft die Lebensqualität mit Pestiziden, pardon Pflanzenschutzmitteln, Gülle, Kunstdünger usw. auf.
– der gut ausgebildete Arbeitnehmer wäre dumm, wenn er nicht dorthin geht, wo er besser bezahlt wird, als in Südtirol.
– was für eine Zukunft kann sich ein junger tüchtiger Mensch in einem Staat/Land mit einer chaotischen Verwaltung und einer unfähigen, vertrauensunwürdigen Politik erwarten?

Mentar
Mentar
Grünschnabel
11 Tage 6 h

Sowohl die Landesverwaltung als auch die Forschungseinrichtungen sollten dezentralisiert statt zentralisiert werden. Die Digitalisierung würde dies möglich machen.

krakatau
krakatau
Universalgelehrter
11 Tage 3 h

Mentar – besser die Landesverwaltung um 70 % zu reduzieren und  die “Forschungseinrichtungen” verlagern, statt in jedem Dorf eine einzurichten und keiner weiss vom anderen etwas

krakatau
krakatau
Universalgelehrter
11 Tage 3 h

Vielleicht liegt es an der Höhe der Bezahlung ?

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