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Christine Lagarde tritt vorzeitig als Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) ab. Die Französin gibt ihren Posten zum 7. Februar 2027 auf, teilte die EZB am Donnerstag Frankfurt mit. Lagarde hat den EZB-Rat sowie den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa, darüber informiert. Regulär wäre die achtjährige Amtszeit der 70-Jährigen bis Ende Oktober 2027 gelaufen. Es gibt einen Zusammenhang mit der Wahl in Frankreich.
Die Staats- und Regierungschefs Österreichs sowie 20 weiterer Eurostaaten sind nun gefordert, die Nachfolge der Französin früher zu regeln. Der Abtritt Lagardes ermöglicht es, noch vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich die Neubesetzung eines der wichtigsten Spitzenposten in Europa zu klären. Besonders gewichtige Stimmen haben bei der Entscheidung die beiden größten Volkswirtschaften des Kontinents, Deutschland und Frankreich.
Lagardes Rückzug kommt nicht überraschend, Gerüchte um einen vorzeitigen Abtritt gibt es schon lange. Bereits im Februar 2026 gab es Berichte, wonach sich Lagarde vor der Wahl in Frankreich, die im April 2027 stattfindet, zurückziehen wolle. Im September bestätigte Lagarde in einem Interview erstmals selbst Überlegungen, sie könnte bei der EZB “ein paar Monate” früher abtreten.
Nachfolge vor französischer Präsidentschaftswahl
Hintergrund sind Sorgen, dass eurokritische Rechtspopulisten um Marine Le Pen die Wahlen in der zweitgrößten Euro-Volkswirtschaft gewinnen könnten, was die Neubesetzung der EZB-Spitze erschweren könnte. Der Grund, warum sie im Februar ausscheide und nicht erst regulär im Oktober 2027, sei, dass sie sich die Freiheit der Meinungsäußerung sowie die Freiheit zum gesellschaftlichen Engagement bewahren wolle, sagte die Französin am Donnerstag nach dem Zinsbeschluss in Frankfurt vor der Presse. “Sie können versichert sein: Bis zum 7. Februar habe ich das Sagen, ich bin fokussiert und werde mich voll und ganz einsetzen – ohne Vorbehalte, ohne Ausreden.”
Nun kann der Pro-Europäer Macron, der bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich nicht mehr antreten darf, noch Einfluss auf die Neubesetzung der EZB-Spitze nehmen. Als wahrscheinlich gilt, dass auf europäischer Ebene ein Personalpaket verhandelt wird. “Die Staats- und Regierungschefs der EU werden voraussichtlich versuchen, die drei Stellen im Direktorium der EZB, die 2027 frei werden, spätestens auf dem EU-Gipfel vom 17. bis 18. Dezember – möglicherweise sogar schon vorher – als Gesamtpaket zu besetzen”, vermutet Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.
Lagarde sagte, dass sie bis zu ihrem Rückzug noch weitere EZB-(Zins-)Sitzungen vor sich habe und sich darauf konzentriere. “Der Rat der Europäischen Zentralbank dankte Präsidentin Lagarde herzlich und spendete ihr langanhaltenden Applaus im Stehen”, erklärte die EZB.
Lagarde glaubt nicht, neutral bleiben zu können: “Geht mir um Wahrheit”
Als Notenbankerin habe sie den Zwang zur Neutralität. Sie wolle sich aber mehr zu Themen außerhalb der Geldpolitik äußern, sagte Lagarde. “Ich glaube nicht, dass ich neutral bleiben kann.” Das fühle sich für sie in diesen Zeiten nicht gut an. Ihre Stimme und ihr Handeln könnten helfen, in Beziehung zu Prinzipien, die ihr am Herzen lägen. Dies gelte nicht nur für Europa. “Mir geht es um die Wahrheit.” Diese werde oft beschädigt oder durch Falschdarstellungen konterkariert, monierte Lagarde.
Man sehe sich noch einige Male in ihrer derzeitigen Funktion wieder sagte Lagarde zu Journalistinnen und Journalisten. Auf Fragen, was sie als nächstes beruflich vorhabe, hielt sich die 70 Jahre Finanzexpertin bedeckt. Zuletzt wurde über einen Wechsel zum Weltwirtschaftsforum (WEF) in die Schweiz spekuliert. Das WEF lehnte eine Stellungnahme zu der Personalie ab. Das Kuratorium des WEF, dem auch Lagarde selbst angehört, tritt am Montag zusammen. Es könnte sie zur nächsten Vorsitzenden wählen, mutmaßte Reuters am Donnerstag.
FPÖ-Kritik
Auf den vorzeitigen Rückzug replizierte in Österreich die Freiheitliche Partei kritisch. Lagardes Rücktritt vor Präsidentschaftswahlen in Frankreich “soll nur das System absichern”, so FPÖ-Währungssprecher Alexander Petschnig in einer Aussendung. “Es geht dem Brüsseler System nur darum, noch rechtzeitig vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich im kommenden Jahr, bei denen Rassemblement National-Chefin Marine Le Pen beste Chancen auf einen Wahlsieg hat, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen.” Le Pen wolle nämlich nicht nur Frankreichs Nettozahlungen an die EU reduzieren, sondern spreche sich auch für eine weitreichende Neuaufstellung der EZB aus, so der Oppositionspolitiker.
Lob von Wirtschaftsforscher
Der Chef des deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts DIW, Marcel Fratzscher, sieht den vorzeitigen Abgang Lagardes hingegen als taktisch gut gewählt: “Mit dem vorzeitigen Rückzug gibt Lagarde europäischen Regierungen und Institutionen die Möglichkeit, einen Nachfolger zu benennen, der die Werte Europas und die Unabhängigkeit der EZB schützt.”
Favoriten angeblich aus den Niederlanden und Spanien
Als Favoriten für die Lagarde-Nachfolge gelten angeblich der frühere niederländische Zentralbankchef Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernández de Cos, der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist. Die deutsche EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die ebenfalls Interesse an Lagardes Nachfolge angemeldet hatte, wechselt Anfang Jänner 2027 zum Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Washington, sie ist einer der Köpfe, die im EZB-Direktorium neu zu besetzen sind. Kritikern ist Deutschland insgesamt in Europa – der Eurozone und der EU – zu mächtig, um auch noch den EZB-Direktorinnensessel zu besetzen.
Im Job als EZB-Kopf gilt es, die Interessen verschiedener Volkswirtschaften mit unterschiedlicher Schuldenpolitik, geografisch gesehen tendenziell zwischen Nord und Süd, auszugleichen. Die Niederlande stellten mit Wim Duisenberg einst den ersten Präsidenten der EZB ab 1998. Ihm gefolgt war der Franzose Jean-Claude Trichet bis 2003. Ab diesem Zeitpunkt und vor dem Amtsantritt Lagardes bekleidete nur mehr der Italiener Mario Draghi Chefposten der EZB.
Für Österreich sitzt der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, der frühere ÖVP-Minister Martin Kocher, im EZB-Rat, dem die Notenbankchefinnen und -chefs der Euroländer angehören. Dieser trifft sich üblicherweise zwei Mal im Monat, berät über Geldpolitik, Zinsen und Co.




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