Fragwürdiges Verhalten der Betreiberin – Fluchtplan mit dem Flugzeug? – VIDEO

Anwälte der Opfer: „Jessica Moretti lügt!”

Montag, 19. Januar 2026 | 08:21 Uhr

Von: ka

Crans-Montana – Je weiter die Ermittlungen zur schrecklichen Brandkatastrophe in Crans-Montana fortschreiten, desto fragwürdiger erscheint das Verhalten von Jessica Maric Moretti, die zusammen mit ihrem Ehemann Jacques Moretti das Le Constellation betrieben hat. Anwälte der Opfer sowie eine Kellnerin erheben schwere Vorwürfe gegen sie. Dabei geht es um Lügen gegenüber den Schweizer Staatsanwälten sowie um gelöschte Videos. „Sie filmte den Brand”, betont die Kellnerin. Zudem soll das Paar die Flucht mit einem Privatflugzeug geplant haben.

APA/APA/AFP/MAXIME SCHMID

Jessica Moretti soll vor den Schweizer Staatsanwälten falsche Angaben zu mindestens zwei Umständen gemacht haben. Der erste betrifft die Fluchtgefahr, die von den Schweizer Ermittlern und Richtern bisher kaum berücksichtigt wurde. Sie erlaubten Moretti, den Hausarrest zu verlassen und auf freiem Fuß zu bleiben – mit der einzigen Auflage, sich regelmäßig zu melden. Ihr Ehemann Jacques, Teilhaber des Lokals, sitzt hingegen in Untersuchungshaft.

Der zweite betrifft die Rekonstruktion ihrer Handlungen, als das Feuer ausbrach, bei dem 40 Menschen, darunter vor allem junge Leute, die nur in das Lokal gekommen waren, um den Jahreswechsel zu feiern, getötet wurden. Insbesondere geht es um die Existenz von Bildern auf ihrem Smartphone, deren Existenz sie stets bestritten hat.

Während der Vernehmung erklärte Jessica Moretti, dass sich auf ihrem Smartphone kein Video vom Silvesterabend im Le Constellation befinde. Aus den Akten geht jedoch etwas ganz anderes hervor. Demnach soll die Frau von einem der Gäste dabei gefilmt worden sein, wie sie die Prozession mit den Flaschen und den brennenden Wunderkerzen sowie den Beginn des Brandes aufnahm.

Bei diesem Brand starben 40 Menschen und 117 Menschen wurden verletzt. Das Video und die Bilder wurden von Romain Jordan, dem Rechtsanwalt mehrerer Opfer und deren Familienangehöriger, bei der Staatsanwaltschaft in Sion hinterlegt. Mehrere Zeugenaussagen bestätigen dies, darunter die von Louise, einer der Kellnerinnen, die in jener tragischen Nacht im Lokal arbeitete.

Sie gehörte zu der Gruppe, die den Champagner zu den Tischen brachte. Sie wurde von Cyane Panine angeführt, die auf den Schultern eines Kollegen getragen wurde. Nach Ansicht der Ermittler hatten die Fackeln an den Flaschen den Brand ausgelöst, als sie die mit brennbaren Isolierplatten verkleidete Decke streiften. Louise schildert die Situation dramatisch: „Cyane hatte sich auf Mathieus Schultern gesetzt, wie sie es schon zuvor getan hatte. Jessica war bei uns. Ich erinnere mich nicht mehr, ob sie eine Flasche in der Hand hatte. Ich weiß jedoch, dass sie filmte. Ich glaube, wir waren sieben oder acht in dieser Reihe, Jessica folgte uns.“

Die Kellnerin quält sich damit, dass sie im Gegensatz zu Cyane überlebt hat. Sie sagt, sie habe das Feuer nicht sofort bemerkt: „Ich sah eine Menschenmenge die Treppe hinaufsteigen, aber niemand schrie ‚Feuer!‘. Ich habe auch gesehen, wie Jessica gegangen ist.“ Und weiter: „Wir haben zwischen 30 und 35 Sekunden verloren. Wegen der Musik im Hintergrund haben die Leute nicht geschrien. Wir standen mit dem Rücken zur Tür und konnten das Feuer nicht sehen. Wir sind weitergegangen.“

In einer der zahlreichen Eingaben, die an die Staatsanwaltschaft von Sion geschickt wurden, wirft Rechtsanwalt Jordan den Richtern vor, wertvolle Zeit verstreichen lassen zu haben, indem sie den Morettis gestatteten, entscheidende Beweise zu vernichten. „Sie wurden bis zur Anhörung am 9. Januar ohne jegliche Einschränkungen auf freiem Fuß gelassen. Dadurch hatten sie reichlich Gelegenheit, ihre Darstellung der Ereignisse zu erfinden, Beweise zu vernichten oder zu verfälschen, den Inhalt ihrer elektronischen Geräte zu löschen, Dokumente zu vernichten und Zeugenaussagen zu beeinflussen“, so Jordan.

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Die Anwälte prangern auch die Löschung der Social-Media-Konten und der Website von Le Constellation wenige Stunden nach der Tragödie an: „Während die Rettungsdienste noch damit beschäftigt waren, die Opfer vor Ort zu retten, wurden die Konten gelöscht.“

Mehrere den Ermittlern bereits zur Verfügung gestellte Fotos zeigen „eine brünette Frau mit langen glatten Haaren, die ein schwarzes, ärmelloses Kleid mit Pailletten trägt, eine brennende Champagnerflasche in der linken Hand hält und mit der rechten Hand filmt“.

Auf denselben Bildern ist im Hintergrund zu sehen, wie Cyane Panine mit Helm auf den Schultern ihres Kollegen sitzt, eine Flasche mit brennenden Wunderkerzen in der Hand hält und über ihrem Kopf das Feuer lodert. „Diese Szene stimmt perfekt mit den Aufnahmen der brünetten Frau Jessica Moretti überein“, betont Rechtsanwalt Jordan.

Ein weiteres Video zeigt dieselbe Frau, wie sie die Treppe hinaufrennt und zum Ausgang eilt – genau in dem Moment, in dem das Feuer ausbricht. „Der Inhalt des Smartphones von Jessica Moretti ist entscheidend, da sie den Ausbruch des Feuers mit ziemlicher Sicherheit gefilmt hat. Wir können sehen, wie ihr Smartphone leuchtet und auf die Decke gerichtet ist, während die Isolierplatten in Flammen aufgehen. Das ist ihr in dem Chaos des Augenblicks wahrscheinlich nicht aufgefallen. Während der Vernehmung behauptete sie jedoch, keine Fotos oder Videos von diesem Abend zu haben. Dies ist eindeutig eine Lüge. Zusammen mit der Löschung ihrer Social-Media-Konten zeigt dies die Absicht, belastende Beweise zu vernichten.“

Die Smartphones des Betreiberehepaares wurden tatsächlich erst am 9. Januar – also nach der Anhörung und auf vielfaches Drängen der Anwälte – beschlagnahmt.

Die Vorwürfe gegen die Morettis häufen sich. Wie die Zeitung La Repubblica berichtet, hat ein Anwalt Anzeige gegen Jessica Moretti wegen unterlassener Hilfeleistung erstattet. Er behauptet, sie sei während des Brandes anwesend gewesen, habe ihr Lokal jedoch verlassen, ohne die Gäste zu informieren oder ihnen Hilfe anzubieten.

Doch damit nicht genug. „Wir haben erfahren, dass einer der Ehepartner Moretti möglicherweise eine private Fluggesellschaft kontaktiert hat, um die Flucht vorzubereiten“, schrieb die Anwältin Nina Fournier an die Staatsanwaltschaft.

Den Besitzern wird außerdem vorgeworfen, Alkohol an Minderjährige unter 16 Jahren verkauft zu haben. Dadurch sei „die Reaktion der Jugendlichen beim Anblick der Flammen verlangsamt“ worden.

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Am 20. und 21. Januar werden Jessica Maric Moretti und Jacques Moretti erneut von den Staatsanwälten vernommen. Unterdessen lebt Louise, die überlebende Kellnerin, weiterhin in einem Albtraum: „Nachts schlafe ich nicht, ich sehe die Gesichter der Toten … Der Geruch war schrecklich. Ich habe einen Freund gepackt, der drinnen war. Er war völlig verbrannt. Einige Menschen waren völlig entstellt, andere hatten ihre Haare verloren.“

Es sind Bilder, die sie nie mehr loslassen werden.

APA/APA/KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

 

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