Von: luk
Bozen – Der Bettenstopp ist keine technische Detailfrage der Tourismuspolitik, sondern eine Richtungsentscheidung für die Zukunft des Landes. Das betonten Heimatpflegeverband Südtirol, Dachverband für Natur- und Umweltschutz, Climate Action South Tyrol, Mountain Wilderness, Alpenverein Südtirol und CAI Alto Adige im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz.
Im Anschluss an die Pressekonferenz wurden mehr als 10.000 Unterschriften an die Landesregierung übermittelt. Die Petition wurde von Heimatpflegeverband und Dachverband initiiert. Die Unterschriften wurden geprüft und stammen fast alle aus Südtirol. Sie zeigen deutlich: Für viele Südtirolerinnen und Südtiroler ist die Begrenzung der Bettenzahlen ein zentrales Zukunftsthema.
Bettenwachstum trotz Stopp – und wachsende soziale Spannungen
Claudia Plaikner, Obfrau des Heimatpflegeverbandes Südtirol, und Elisabeth Ladinser, Vorsitzende des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz, erinnerten daran, dass die Bettenzahl seit Einführung der Verordnung 2022 von rund 235.000 auf nahezu 268.000 gestiegen ist. Von einem klaren Stopp könne daher bislang keine Rede sein. Eine weitere Verlängerung oder selektive Ausnahmeregelung würde das Instrument faktisch entkernen.
“Neben Klima- und Bodenfragen verschärft die quantitative Expansion des Tourismus zunehmend auch die Wohnungsproblematik. In stark touristisch geprägten Gemeinden steigen Grundstücks- und Mietpreise weiter an, Wohnraum wird knapp, junge Menschen und Familien geraten unter Druck. Eine Politik, die weiteres Bettenwachstum ermöglicht, ohne die Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt mitzudenken, verschärft soziale Spannungen“, so Plaikner.
Ladinser ergänzte: „Der Bettenstopp ist auch ein Instrument der Raumordnung. Wenn wir den sparsamen Umgang mit Grund und Boden ernst nehmen, können wir nicht gleichzeitig immer neue Tourismuskapazitäten schaffen. Wer hier Ausnahmen zulässt, schwächt die Verbindlichkeit der eigenen Landesgesetze.“
Klimapolitik verliert an Glaubwürdigkeit
Ruth Heidingsfelder von Climate Action South Tyrol stellte die klimapolitische Dimension in den Mittelpunkt: “Der Klimaplan Südtirol 2040 sieht eine deutliche Reduktion des Energieverbrauchs, der CO₂-Emissionen sowie des Personenverkehrs vor. Eine Ausweitung der Bettenkapazitäten wirkt diesen Zielen strukturell entgegen.”
Und weiter: “Rund neun Millionen Gästeankünfte pro Jahr – 78 bis 84 Prozent davon mit dem privaten Pkw – bedeuten bereits heute erhebliche Verkehrsbelastungen. Mehr Betten führen zwangsläufig zu mehr Anreisen, mehr interner Mobilität, höherem Energieverbrauch in Beherbergungsbetrieben und steigenden Emissionen. Auch der Wasserverbrauch, insbesondere bei großen Hotelanlagen mit Wellness- und Spa-Bereichen, sowie der Flächenverbrauch nehmen zu.”
Während die Bevölkerung zu Energieeinsparungen, Verhaltensänderungen und Reduktion des Individualverkehrs aufgefordert werde, würde im tourismusintensiven Kernsektor weiteres Wachstum ermöglicht. Das untergrabe die Glaubwürdigkeit der Klimapolitik und erschwere das Erreichen der Klimaneutralität bis 2040 erheblich.
Alpiner Raum zunehmend unter Belastung
Luigi Casanova, Präsident von Mountain Wilderness, warnte vor den Auswirkungen auf sensible alpine Landschaften. “Der Ausbau von Tourismuszonen betrifft nicht nur Talräume, sondern zunehmend auch höher gelegene Bereiche. Neue oder erweiterte Tourismuszonen am alpinen Raum ziehen zusätzliche Infrastruktur nach sich – etwa Zufahrtsstraßen und Parkplätze; mehr Betten bedeuten eine intensivere touristische Nutzung bereits belasteter alpiner Infrastruktur. Der Druck auf sensible Ökosysteme wächst damit schleichend, aber kontinuierlich.”
Auch der Alpenverein Südtirol und der CAI Alto Adige unterstützen diese Einschätzung. Der alpine Raum sei kein beliebig erweiterbarer Wirtschaftsraum, sondern ein empfindliches Natur- und Erholungsgebiet mit klaren Belastungsgrenzen.
Problematische Ausnahmen für „strukturschwache“ Gemeinden
Sehr kritisch sehen die Verbände die geplante Möglichkeit, in sogenannten strukturschwachen oder abwanderungsgefährdeten Gemeinden Ausnahmen vom Bettenstopp zuzulassen.
“Unter den als strukturschwach geführten Gemeinden finden sich mehrere Orte, die durchaus als tourismusintensiv gelten können und in den vergangenen zehn Jahren erhebliche touristische Investitionen verzeichnet haben. So etwa Lüsen, wo große Hotelanlagen entstanden sind, die im Hinblick auf Ressourcenverbrauch – insbesondere Boden, Energie und Wasser – besonders relevant sind”, heißt es.
“Eine pauschale Ausweitung der Ausnahmeregelung – immerhin gelten rund die Hälfte der Südtiroler Gemeinden als strukturschwach – birgt daher die Gefahr, dass der Bettenstopp faktisch unterlaufen wird und quantitative Expansion unter dem Deckmantel regionaler Förderung fortgesetzt wird. Nachhaltige Tourismusentwicklung bedeutet jedoch nicht weiteres Wachstum um jeden Preis, sondern qualitative Verbesserung innerhalb klarer Grenzen”, so die Verbände.
Entscheidung mit Signalwirkung
Für die beteiligten Organisationen ist klar: Die anstehende Entscheidung der Landesregierung werde maßgeblich darüber bestimmen, ob Südtirol seine eigenen Klima-, Boden- und Raumordnungsziele ernst nimmt.
„Der Bettenstopp ist ein zentrales Steuerungsinstrument. Wer ihn aufweicht, stellt zentrale Leitlinien der Landespolitik infrage – vom Klimaplan bis zum sparsamen Umgang mit Grund und Boden“, betonen die Umwelt- und Alpinverbände.
Die Verbände appellieren daher eindringlich an die Landesregierung, am Bettenstopp festzuhalten und damit ein klares Signal für Klima- und Landschaftsschutz sowie für leistbaren Wohnraum zu setzen.




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