Patient kehrte aus dem Senegal zurück

Erster Fall von Vogelgrippe A in Italien: Wie hoch ist das Risko für Südtirol?

Montag, 13. April 2026 | 11:06 Uhr

Von: mk

Bozen – Italien hat erstmals einen importierten humanen Fall von Avian Influenza A (H9N2) gemeldet. Der betroffene Patient kehrte aus dem Senegal zurück und wurde in der Lombardei behandelt. Univ.-Prof. Dr. Christian Wiedermann, Forschungskoordinator des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen, erläutert, was hinter diesem Erreger steckt – und warum das aktuelle Risiko für die Bevölkerung in Südtirol gering bleibt.

Was ist Vogelgrippe A? Wie unterscheidet sie sich von saisonaler Grippe?

Avian Influenza A (H9N2) ist eine Form von Grippe, die vor allem bei Geflügel vorkommt. Dort verbreitet sich das Virus normalerweise. Im Unterschied dazu wird die saisonale Grippe beim Menschen von Viren verursacht, die sich an den Menschen angepasst haben und sich leicht von Mensch zu Mensch übertragen. Das H9N2-Virus gehört dagegen zu den sogenannten zoonotischen Viren. Das bedeutet, es lebt eigentlich in Tieren und nicht im Menschen. Der Übergang vom Tier auf den Menschen erfolgt überwiegend durch direkten Kontakt mit infiziertem Geflügel oder verunreinigten Umgebungen. „Der entscheidende Unterschied liegt in der fehlenden Fähigkeit zur nachhaltigen Mensch-zuMensch-Übertragung. Das Virus ist derzeit nicht an den Menschen angepasst – genau das macht es beherrschbar“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christian Wiedermann, Facharzt für Innere Medizin und Forschungskoordinator des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen. Die Symptome treten meist innerhalb von sieben Tagen auf und reichen von Fieber, Husten und Halsschmerzen bis zu einer Lungenentzündung. Auch Augenoder Magen-Darm-Beschwerden sind möglich. Selten kann die Erkrankung tödlich sein.

Was ist über den aktuellen Fall in Italien bekannt?

Am 21. März 2026 meldete das italienische Gesundheitsministerium der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen humanen Fall von Avian Influenza A (H9N2) bei einem erwachsenen Mann, der sich längere Zeit im Senegal aufgehalten hatte. Der Patient wurde nach der Einreise mit Fieber und anhaltendem Husten in einer Notaufnahme vorstellig. Bei einer Atemwegsspülung wurde festgestellt, dass der Patient Tuberkulose hat. Außerdem wurde auch ein Grippevirus gefunden, das zuerst nicht genau bestimmt werden konnte. Später stellte sich heraus, dass es sich um H9N2 handelt. „Genetische Analysen deuten auf eine enge Verwandtschaft mit Viren aus senegalesischem Geflügel hin. Der Patient befand sich bis Anfang April 2026 in einem stabilen und sich bessernden Zustand. Die identifizierten Kontaktpersonen in Italien waren bei Abschluss der Überwachungsperiode negativ getestet“, betont Prof. Christian Wiedermann.

Wie hat sich der Patient angesteckt?

Trotz eingehender epidemiologischer Ermittlungen konnte kein direkter Kontakt des Patienten mit Tieren, Wildtieren oder ländlichen Umgebungen festgestellt werden. Auch Kontakte zu symptomatischen Personen wurden nicht berichtet. „Dieses Bild ist aus der Forschung nicht unbekannt: Indirekte Kontakte – etwa über belebte Märkte oder kontaminierte Flächen – bleiben häufig unerkannt, da sie nicht als Risikosituation wahrgenommen werden“, so Prof. Wiedermann.

Wie groß ist das Risiko für die Bevölkerung in Südtirol?

Die WHO bewertet das aktuelle Risiko für die Allgemeinbevölkerung als gering. Keine der bisher charakterisierten H9N2-Varianten hat die Fähigkeit zur nachhaltigen Mensch-zuMensch-Übertragung erworben. Sporadische importierte Fälle sind bei einem dauerhaften Vorkommen des Virus in Geflügelpopulationen Afrikas und Asiens epidemiologisch zu erwarten, stellen jedoch für sich genommen kein erhöhtes Bevölkerungsrisiko dar. „Für die Südtiroler Bevölkerung besteht kein Anlass zur Beunruhigung. Die Kontaktpersonen des Patienten wurden lückenlos nachverfolgt und überwacht – alle Tests fielen negativ aus“, betont Prof. Wiedermann. Gleichwohl unterstreiche dieser Fall die Bedeutung einer stabilen internationalen Überwachungsinfrastruktur, unterstreicht Prof. Wiedermann.

Welche Rolle spielt die Allgemeinmedizin bei der Früherkennung?

„Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmediziner sind zumeist die erste Anlaufstelle für Rückkehrende aus Risikogebieten. Eine gezielte Reiseanamnese – vor allem nach Kontakten zu Märkten, landwirtschaftlichen Betrieben oder Geflügel – ist deshalb ein oft unterschätztes diagnostisches Instrument“, sagt Prof. Christian Wiedermann. Der aktuelle Fall zeige exemplarisch, wie der Übergang von der klinischen Notaufnahme über die regionale Labordiagnostik bis hin zur staatlichen Koordination und WHO-Meldung reibungslos funktionieren könne – vorausgesetzt, die Überwachungsstrukturen seien etabliert und personell ausreichend ausgestattet.

Welche Schutzmaßnahmen empfiehlt die WHO?

Die WHO empfiehlt im Moment keine besonderen zusätzlichen Maßnahmen für Reisende. Es ist aber sinnvoll, Orte mit vielen Tieren wie Märkte oder Geflügelhaltungen zu meiden. Wer in Regionen unterwegs ist, in denen das Virus vorkommt (v.a. in Teilen Afrikas und Asiens), sollte keinen Kontakt mit Geflügel haben. Wenn sich das nicht vermeiden lässt, kann man eine Maske tragen und sollte sich danach gründlich die Hände reinigen. Reiseoder Handelsbeschränkungen sind auf Basis der aktuellen Datenlage nicht gerechtfertigt.

Bezirk: Bozen

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