Von: Matthias Knapp
Bozen – Hat die Coronapandemie den sozialen Zusammenhalt und das Vertrauen in die Institutionen in Südtirol nachhaltig geschwächt? Eine neue Studie von Eurac Research zeichnet ein differenziertes Bild: Zwar erinnern sich viele Menschen in Südtirol an die Pandemie als eine Zeit gesellschaftlicher Spaltung, doch im Hinblick auf die Streitfragen der Pandemie zeigen sich keine verfeindeten Lager, sondern eine breite zurückhaltende Mitte. Schwer wiegt aber die Erfahrung vieler Menschen, nicht ausreichend gesehen und gehört worden zu sein. Grundlage der Ergebnisse ist unter anderem eine repräsentative Befragung der Südtiroler Bevölkerung.
Die Haltungen zu den umstrittenen Fragen der Pandemie, von der Maskenpflicht bis zu Freiheitseinschränkungen und Impfpflicht, zerfallen nicht in zwei in sich geschlossene Lager, sondern sammeln sich in einer breiten Mitte (78 Prozent). Nur zwei kleine Gruppen (zusammen rund ein Zehntel) positionieren sich klar entgegengesetzt. Dass dennoch viele Menschen den Eindruck haben, die Krise habe die Gesellschaft gespalten (immerhin rund 62 Prozent), liegt vor allem im selbst Erlebten.
74 Prozent der Südtirolerinnen und Südtiroler erlebten Konflikte im privaten oder beruflichen Umfeld und 41 Prozent gaben an, dass diese Beziehungen bis heute belastet sind. „Wer die Gesellschaft als gespalten erinnert, hat die Spaltung in aller Regel selbst erfahren: im Zerwürfnis mit dem Schwiegervater, der Kollegin oder dem alten Freund“, sagt der Soziologe Christoph Kircher von Eurac Research, wissenschaftlicher Leiter der Studie, die heute vorgestellt wurde. Im Rahmen der Untersuchung wurden eine repräsentative Befragung von 1.424 Personen, elf Gruppendiskussionen mit 86 Menschen aus allen Landesteilen, sowie eine Analyse von rund 4.000 Medienberichten und amtlichen Dokumenten durchgeführt. Zur Formulierung von Handlungsempfehlungen wurden außerdem elf Experteninterviews geführt.
Kritik an der Umsetzung, nicht an der Einschätzung der Pandemie selbst
Die Bevölkerung blickt überwiegend kritisch auf die Pandemie zurück. Dabei unterscheiden die Forschenden zwischen zwei Ebenen: der Pandemie selbst, also der Frage, ob die Gefahr real war und die Eingriffe grundsätzlich gerechtfertigt waren, und der Kommunikation und konkreten Umsetzung der Maßnahmen.
Dabei folgt die Mehrheit der Befragten einer nüchternen Einschätzung: Die meisten halten COVID-19 für deutlich gefährlicher als eine gewöhnliche Grippe (58 Prozent Zustimmung, 32 Prozent teils/teils, zehn Prozent Ablehnung) und gestehen der Politik zu, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben (53 Prozent Zustimmung, 37 Prozent teils/teils, zehn Prozent Ablehnung). Den Nutzen der Impfung erkennt knapp die Hälfte an (46 Prozent Zustimmung, 38 Prozent teils/teils, 16 Prozent Ablehnung).
Deutlichere Kritik äußern die Südtirolerinnen und Südtiroler an der Impfkampagne. Eine Mehrheit findet rückblickend, der Druck, sich impfen zu lassen, sei zu groß gewesen (51 Prozent Zustimmung, 32 Prozent teils/teils, 17 Prozent Ablehnung), und ähnlich viele meinen, Zweifelnde seien zu schnell stigmatisiert worden. Bestimmte Maßnahmen werden im Rückblick außerdem als überzogen eingestuft (44 Prozent Zustimmung, 40 Prozent teils/teils, 16 Prozent Ablehnung). Eine klare Mehrheit derer, die der Politik zwar ein ehrliches Bemühen zugestehen, wirft ihr zugleich vor, die Gefahr übertrieben dargestellt zu haben (65 Prozent). Dieses Ergebnis zeigt, weshalb sich die Haltungen zu den strittigen Fragen der Pandemie nicht ohne Weiteres zwei gegnerischen Lagern zuordnen lassen.
Viele fühlten sich nicht gesehen und gehört
In den Gruppendiskussionen wurde deutlich, dass die meisten Teilnehmenden durchaus Verständnis dafür haben, dass eine plötzlich hereinbrechende Notlage rasche und allgemeine Entscheidungen verlangte, die nicht einzelnen Lebenslagen gerecht werden konnten. Trotzdem wiegt das Gefühl, nicht gesehen und gehört zu werden bis heute bei vielen Betroffenen schwer. Berufstätige Mütter, chronisch Kranke, Beschäftigte im Handel, Kunst- und Kulturschaffende sowie Mitarbeitende im Gesundheitswesen berichteten, dass ihr Erfahrungswissen, ihre Lebenssituation und ihre Leistungen zu wenig berücksichtigt wurden. Besonders belastend war für viele zudem der Verlust sozialer Nähe. Ungeimpfte Personen erlebten Ausgrenzung und Stigmatisierung besonders stark – ein Gefühl, das bis heute nachwirkt, wie sich in den Gruppendiskussionen zeigte.
Verletztes, aber weitgehend stabiles Vertrauen
Was die Umfrage außerdem deutlich macht: Die Pandemie hat das Vertrauen in Politik und Institutionen nicht dauerhaft zerstört. „Auch in fast allen Gruppendiskussionen wurde die damalige Situation ähnlich eingeschätzt: Während der Pandemie mussten Entscheidungen unter großem Zeitdruck und auf Grundlage lückenhaften Wissens getroffen werden, Fehler waren dabei unvermeidbar“, berichtet Kircher. „Wer der Politik damit eine gewisse Überforderung zugesteht, kann die Maßnahmen für übertrieben, die Regeln für widersprüchlich und einzelne Entscheidungen für falsch halten – und den Institutionen dennoch vertrauen.“ Ausschlaggebend für ein auf die Dauer gesichertes Vertrauen sind laut Studie vor allem zwei Faktoren: finanzielle Sicherheit, also das Gefühl, dass die eigene finanzielle Lage stabil ist, sowie die Erfahrung, mit den eigenen Anliegen gesehen und gehört zu werden.
Empfehlungen für künftige Krisen
Aus den Ergebnissen haben die Forschenden einen Maßnahmenkatalog für Politik und Verwaltung abgeleitet. „Die Erfahrung, nicht genügend einbezogen zu werden, reicht weiter zurück als die Pandemie selbst. Die Krise hat sie nicht neu hervorgebracht, sondern offengelegt“, sagt Harald Pechlaner, Projektleiter am Center for Advanced Studies von Eurac Research, das die Studie durchgeführt hat. „Krisen dieser Tragweite sollten nicht nur aus einer einzigen fachlichen Perspektive bewältigt werden. Sie brauchen unterschiedliche Formen von Expertise und die Beteiligung der Menschen, die von den Maßnahmen betroffen sind. Beides muss schon vor einer Krise aufgebaut werden – und damit jetzt, weil Krisen auch in Zukunft nicht auszuschließen sind. Und dabei gilt: Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen schwächt das Vertrauen in die gemeinsame Ordnung.“
„Die Pandemie hat unsere Gesellschaft vor außergewöhnliche Herausforderungen gestellt. Umso wichtiger ist es, heute genau hinzuschauen und aus den Erfahrungen zu lernen. Diese Studie liefert dafür eine fundierte Grundlage. Sie zeigt, wo Menschen sich nicht ausreichend gesehen oder gehört fühlten, und gibt uns wertvolle Hinweise darauf, wie wir den sozialen Zusammenhalt in künftigen Krisen besser stärken können“, unterstrich Landesrätin Rosmarie Pamer bei der Vorstellung der Studienergebnisse.
Das Forschungsprojekt „Gesellschaftliche Kohäsion nach der Pandemie“ (GEKOP) wurde von der Autonomen Provinz Bozen–Südtirol finanziell gefördert.
Der gesamte wissenschaftliche Bericht steht unter folgendem Link zur Verfügung.




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