Südtirol färbt sich rot – ein Kommentar

Marokkaner statt Azzurri und Schwarz-Rot-Gold

Donnerstag, 09. Juli 2026 | 18:53 Uhr

Von: ka

Bozen – Das waren noch Zeiten, als während Fußball-Weltmeisterschaften in Südtirol fast so etwas wie ein Ausnahmezustand herrschte! Ob unter Freunden, am Arbeitsplatz oder in der Familie, vier Wochen lang wurde fast nur über Fußball geredet.

Gewannen die Azzurri, beherrschten Hupkonzerte die Sommernacht. Wenn Deutschland siegte und weiterkam, zogen nicht wenige Schwarz-Rot-Gold-Fans hupend und feiernd durch die Dörfer und Städte. Bei dem Klassiker Deutschland gegen Italien blieb die Zeit stehen, denn niemand wollte dieses epische Duell um das runde Leder verpassen. Dabei kam es nicht selten zu kleineren ethnischen Reibereien und Polemiken. Je nachdem, für wen das Herz schlug, herrschte nachher entweder tiefe Trauer oder unendliche Freude.

APA/APA/AFP/RONALDO SCHEMIDT

Doch seit die Azzurri dreimal in Folge den Einzug in die WM-Endrunde verpassten und die Schwarz-Rot-Goldenen nach enttäuschenden Vorrundenpleiten und einer noch bittereren Niederlage gegen Paraguay nur noch von der Erinnerung an glorreiche alte Fußballzeiten zehren können, ist eine fast unwirkliche Stille in Südtirol eingekehrt. Selbst unter Männern taugt die Nachlese der Spiele zu kaum mehr als einem Achselzucken – die Tifosi und Deutschland-Fans waren früher allenfalls enttäuscht und traurig, inzwischen haben jedoch beide resigniert.

Alto Adige

Umso auffälliger ist es, wenn sich andere über die Siege ihrer Herzensmannschaft freuen. Nachdem ihre Elf die Kanadier mit einem sensationellen 3:0-Sieg niedergerungen hatte, gab es für die zahlreichen in Südtirol beheimateten Marokkaner kein Halten mehr. Wie früher die Azzurri nahmen sie ihre Fahnen und zogen feiernd und hupend durch die Landeshauptstadt. Der Bozner Siegesplatz verwandelte sich in ein Meer aus roten Fahnen mit grünem Stern, strahlenden Gesichtern und purer Freude.

Alto Adige

Die marokkanischen Fans feierten den sensationellen Einzug ins WM-Viertelfinale, den sie selbst kaum erhofft hatten, bis in die Morgenstunden hinein mit grenzenloser Begeisterung. Dabei zeigten sie die ganze Leidenschaft und Magie, die dieser Sport zu bieten hat.

Das Beste daran: Das Fest blieb absolut friedlich, bunt und voller Harmonie – ein wunderbares Zeichen dafür, wie Sport Menschen verbinden kann. „Herzlichen Glückwunsch an Marokko und viel Spaß beim Weiterfeiern – stets im Zeichen von Respekt und Fairness!”, hieß es dazu von Südtiroler Seite.

Alto Adige

Die einen mögen das toll finden, die anderen sich darüber aufregen, doch diese Bilder zeigen, dass Südtirol längst nicht mehr „nur“ in Azzurri- und Deutschlandfans geteilt ist, sondern dass die neuen Mitbürger ihre Leidenschaft für die Nationalmannschaften aus ihrer früheren Heimat mitgebracht haben.

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Nach dem Ausscheiden der Azzurri und der Deutschen sowie der Österreicher stellt sich nun die große Frage im Land: Wem drücken die Südtiroler jetzt die Daumen? Schlägt das Fußballherz jetzt für den nordafrikanischen Überraschungs-Viertelfinalisten, für eine andere starke Mannschaft – etwa die Norweger – oder wird das heimische Fan-Dasein komplett an den Nagel gehängt?

Bezirk: Bozen

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