Bank auf der Talfer ist für ihn „perfektes Gleichnis“

Nach 29 Jahren lässt er alles hinter sich

Freitag, 26. Juni 2020 | 13:37 Uhr

Bozen – Günther hat für lange Zeit ein ganz normales Leben geführt und versucht, mit der Gesellschaft Schritt zu halten – bis er vor sieben Jahren eine radikale Kurskorrektur vorgenommen hat. 29 Jahre lang war er einer geregelten Arbeit nachgegangen, zuerst als Büroangestellter und dann als landwirtschaftlicher Arbeiter. Weil er sich wie in einer Schachtel eingesperrt fühlte, ließ er seine bürgerliche Existenz hinter sich und lebt seitdem von Almosen. Doch er gibt den Menschen auch etwas zurück, berichtet die Tageszeitung Alto Adige.

Im Jahr 2013 ist Günther aus dem „System“ ausgebrochen, wie er es beschreibt. Die heutige Gesellschaft sei immer mehr von Machthunger und Leistungsdruck bestimmt, weshalb er beschlossen habe, ein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen zu führen. „Ich war nicht mehr in der Lage, mit dieser hektischen Arbeitswelt Schritt zu halten. Also dachte ich mir: Entweder ich ziehe die Notbremse oder ich werde krank“, erklärt Günther laut Alto Adige.

Also hat er alles hinter sich gelassen und ist zuerst ins Trentino gegangen, dann in den Veneto, nach Frankreich und schließlich wieder zurück nach Südtirol. In Stenico im Trentino lebte er zwei Winter lang in einer Höhle. „Ich habe nicht improvisiert. Ich wusste, was nötig war, um in der freien Natur zu überleben“, erzählt er nicht ohne Stolz. Lange Zeit lebte er auch neben dem Schloss in Avio. Mit der lokalen Bevölkerung pflegte er ein gutes Verhältnis. Immer wieder hatte es Neugierige aus der Gegend zu ihm hingezogen.

Dann ist er nach Südtirol zurückgekehrt. Seit vier Jahren sucht er immer wieder die Parkbank auf der Talferbrücke auf – führ ihn ein „perfektes Gleichnis für das Leben“, wie er erklärt. „Die Menschen gehen vorbei, der Fluss fließt und ich bin umringt von Natur.“Auf dem Boden steht ein Glas, mit dem er Almosen sammelt. Wer ihm etwas Kleingeld überlässt, dem überlässt er ein paar Zeilen. Günther schreibt viel und er möchte jenen etwas geben, die ihr Herz am rechten Fleck haben.

Die Erinnerung an seine Zeit in der freien Natur erfüllt ihn mit Freude: „Es waren schöne Erfahrungen.“ Wegen eines gesundheitlichen Problems am Bein, musste er teilweise wieder „ins System“ zurückkehren. Acht Monate lang verbrachte er in einem städtischen Schlafsaal. Nun hat er ein kleines Zimmer gefunden und erklärt, es gehe ihm gut.

Zu Beginn des Lockdowns hat Günther beobachtet, wie sich die Straßen der Stadt leerten. „Die Leute konnten über ihr eigenes Leben nachdenken und darüber, was sie ändern möchten“, erklärt Günther. Dass die Menschen allmählich wieder im Stadtzentrum herumspazierten und langsam ihre Gewohnheiten wieder aufnahmen, erfüllte ihn mit Freude. „Manchmal sind die kleinen Dinge des Lebens befriedigender als die sogenannten großen Errungenschaften. Vielleicht ist der Mensch aufgrund des Coronavirus bescheidener geworden“, meint Günther.

Erst kürzlich hat er seinen 60. Geburtstag gefeiert. Günther glaubt, dass er früher oder später in die freie Natur zurückkehrt – möglicherweise auf die Hochebene in der „Comunità montana della Lessinia“ in der Provinz Verona – weil er den unbegrenzten Horizont genießt.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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25 Kommentare auf "Nach 29 Jahren lässt er alles hinter sich"


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offnzirkus
offnzirkus
Tratscher
1 Monat 12 Tage

Wenn es ihn gefällt, wieso nicht. Nur, lieber günther, corona hat keine entschleunigung gebracht. Im gegenteil: es kommt einem vor dass die leute nach dem lockdown jetzt erst recht noch gestresster und habgieriger sind.

OrB
OrB
Universalgelehrter
1 Monat 12 Tage

@offnzirkus
Leider haben die Menschen aus der Krise nichts gelernt, aber die Krise ist noch nicht vorbei.
Die Hoffnung stirbt zuletzt.

giftzwerg
giftzwerg
Universalgelehrter
1 Monat 12 Tage

er ist zu beneiden .nicht jeder schafft das loslassen ,obwohl man mit diesen druck nicht mehr klar kommt.

Eppendorf
Eppendorf
Universalgelehrter
1 Monat 12 Tage

Das “System” heilt sein Bein.
Wobei ich nicht ganz verstanden habe, was die Aussage dieses Artikels sein soll.

Piefke-NRW
Piefke-NRW
Tratscher
1 Monat 12 Tage

Dass es Menschen gibt, die erst ohne Konventionen, Arbeitsstress, Leben in der Natur und mit wenig Hab und Gut erst so richtig glücklich werden können und zu sich finden! Ist doch nicht schwer zu verstehen, Barmbek.

Eppendorf
Eppendorf
Universalgelehrter
1 Monat 12 Tage

@Piefke-NRW
Na ja, wie glücklich jemand auf einer Bank neben der Talfer halt werden kann.

Allat no
Allat no
Grünschnabel
1 Monat 12 Tage

es klingt so als wenn er für sich alles richtig gemacht hätte… und für uns muss gelten leben und leben lassen

pfaelzerwald
pfaelzerwald
Superredner
1 Monat 12 Tage

@Allat no:
Aber irgendwann muss das “System” wieder für ihn einspringen. Und das zahlt wer?

Sopra
Sopra
Grünschnabel
15 Tage 2 h

@pfaelzerwald der Steuerzahler und zu denen gehörte er auch, also hat er für seinen benötigten Dienst sicherlich schon genug bezahlt. Wenn du so ein Problem damit hast könntest du dich doch stark machen damit das super Krankenkassensystem aus Amerika auch bei und eingeführt wird 🤷‍♂️🤭

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 12 Tage

Sind Almosen nicht Teil, bzw. ein Produkt des “Systems”?

Gustl64
Gustl64
Tratscher
1 Monat 12 Tage

Was will man mit diesem Artikel erreichen? Sind wir alle auf dem Holzweg und sollten wir es so machen wie er?

pfaelzerwald
pfaelzerwald
Superredner
1 Monat 12 Tage

@Gustl,
wenn wir uns alle eine Woche lang auf die Bank sitzen und nichts tun, bricht alles (!!!!!!!) zusammen.

Sopra
Sopra
Grünschnabel
15 Tage 2 h

@pfaelzerwald Und was wäre daran so schlimm? Für jeden Einzelnen bedeutet dies nichts, für die Großen die so richtig vom System profitieren gehen ein paar Millionen flöten

MarioHana
MarioHana
Grünschnabel
1 Monat 12 Tage

Ohne System (Spital und leichtgläubige Spenderinnen) kommt der wohl nicht durch.

marher
marher
Universalgelehrter
1 Monat 12 Tage

Er hat von sich aus entschieden so zu Leben. Irgendwie steessfrei und er hat kaum Bindungen. Das kann aber nicht jeder insbesondere der Familie hat, da gilt es schon Verantwortung zu tragen u.s.w., da kann man schon gewissenshalber nicht davonlaufen oder wie auch immer.Gönne ihm noch eine schöne unbeschwerte Zeit.

Dagobert
Dagobert
Universalgelehrter
1 Monat 12 Tage

Man muss nicht aus dem “System” aussteigen!
Ich schalte lieber einen Gang zurück!

Freund
Freund
Grünschnabel
1 Monat 12 Tage

für diese courage und kraft alles hinter sich zu lassen was gesellschaft und”normales”leben heist bewundere ich ihn..diesen schritt zu wagen habe ich nicht den mut um das sysetem zu verlassen…..leider…
alles gute von mir👍🏾

rantanplan
rantanplan
Grünschnabel
1 Monat 12 Tage

und was wäre wenn das alle so machen würden….dann wäre der ofen ganz schnell aus

inQuarantaene
inQuarantaene
Tratscher
1 Monat 12 Tage

Anfang 2027 kann er dann die Rente beantragen, immer wenn er möchte……

Mutti
Mutti
Universalgelehrter
1 Monat 12 Tage

Wenn ihm es Leben aso gfollt, wiso net… I wünsch ihm ols guate

Blackadder
Blackadder
Tratscher
1 Monat 12 Tage

Viele Menschen sind sehnsüchtig danach das Hamsterrad zu verlassen. Das Bueroleben ist für viele die Hölle. Ausgestattet mit Wurgedarlehen, Auto auf Pump, und so weiter… Gefangen.

Mr.X
Mr.X
Tratscher
1 Monat 12 Tage

Eigentlich hotr vollkommen Recht. Wos mir Südtiroler buggln, für sell beneidet ins koaner. Und am Ende für wos eigentlich?

pfaelzerwald
pfaelzerwald
Superredner
1 Monat 12 Tage

Wie sähe die Welt aus, w wenn es jeder so machen würde? Ich glaube, dann lebte niemand von uns mehr.

Feldmarschall
1 Monat 12 Tage

Bravo! Du hast das System Südtirol durchschaut und die Reißleine gezogen.
Der Rest, der sich hier bewegt sind nur Pharisäer.

insenfdazueh
insenfdazueh
Tratscher
1 Monat 12 Tage

Es wichtigschte isch , wenn er sich wohlfühlt dabei , und daß er
zufriedn isch !
Viele hobm ongscht angaling unter einer brücke zu londn , und er hot sich mehr oder wieniger freiwillig entschieden , den schritt zu mochn !
Jedenfalls hat er mein achtung und meinen respekt !

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