Von: mk
Bozen – Was bleibt, wenn die häusliche Pflege eines Menschen mit Demenz endet? Dieser Frage geht eine Erhebung im Rahmen der Studie „DEM-CARE Südtirol/Alto Adige 2024–2026“ nach, die das Institut für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen in Zusammenarbeit mit der Alzheimer-Vereinigung ASAA durchführt. Die Studienergebnisse belegen: Häusliche Demenzpflege kann tief in das Leben der Angehörigen eingreifen – auch lange nachdem sie vorbei ist.
Dr. Barbara Plagg (Leiterin der Studie), Heidi Flarer M.Sc. (Co-Studienleiterin), Dr. Doris Hager-Prainsack (Präsidentin des Instituts), Dr. Giuliano Piccoliori (Wissenschaftlicher Leiter des Instituts) und Dr. Ulrich Seitz (Präsident ASAA) stellen die Studienergebnisse im Rahmen einer Pressekonferenz in Anwesenheit von Soziallandesrätin Dr. Rosmarie Pamer und Gesundheitslandesrat Dr. Hubert Messner vor.
Befragt wurden 180 ehemalige Hauptpflegepersonen, die in den vergangenen zehn Jahren einen Menschen mit Demenz zu Hause betreut hatten und zum Zeitpunkt der Befragung nicht mehr aktiv pflegten. Viele von ihnen schildern die Pflege rückblickend nicht als freie Entscheidung, sondern als Aufgabe, in die sie aus Verantwortung, familiärer Erwartung oder mangels Alternativen hineingewachsen sind.
Belastende Erinnerungen, Vermeidung, innere Alarmbereitschaft und Einschränkungen im Alltag zeigen, dass die Pflege bei einem Teil der Betroffenen traumafolgenähnliche Spuren und gesundheitliche Folgen hinterlässt.
„Viele Angehörige, die Demenzkranke pflegen, befinden sich häufig in einem Zustand der Überforderung, wobei die Konsequenzen oft erst nach einem längeren Zeitraum sichtbar werden“, erklärt Studienleiterin Barbara Plagg laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Ansa.
Über 42 Prozent der Befragten geben an, die Pflegeerfahrung nicht zufriedenstellend verarbeitet zu haben. Für 56 Prozent bestimmte die Pflege den gesamten Lebensalltag – geprägt von ständiger Erreichbarkeit (78 Prozent) und starken Schuldgefühlen (62 Prozent).
Ein kritischer Punkt ist die Wahrnehmung der Freiwilligkeit: Für jeden fünften Befragten war die Pflege keine freie Entscheidung, sondern eine reine Notwendigkeit aus Mangel an Alternativen.
„Wer die Pflege als eine Form der Überwältigung erlebt, verliert das Vertrauen in das Grundmodell, auf dem unser Pflegesystem basiert“, warnt Plagg. Sie hebt hervor, dass lediglich 28 Prozent der ehemaligen pflegenden Angehörigen später einmal selbst von der eigenen Familie betreut werden möchten.
Die Studie verdeutlicht zudem, dass die Intensität der letzten Lebensphase schwerer wiegt als die Gesamtdauer der Pflege. Eine gute Unterstützung senkt das Risiko für negative Spätfolgen um das Vierfache – allerdings zeigen sich derzeit nur 34 Prozent mit der tatsächlich erhaltenen Hilfe zufrieden.
„Es werden spezifische Therapieangebote für ehemalige Pflegende sowie eine stärkere Sensibilisierung der Hausärzte benötigt, um Symptome nach der Pflegephase besser zu erkennen“, betont Doris Hager-Prainsack, Präsidentin des Instituts für Allgemeinmedizin.




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