Kinder- und Jugendanwältin zieht Bilanz

“Stress der Erwachsenen überträgt sich auf Kinder”

Freitag, 14. September 2018 | 11:31 Uhr

Bozen – Paula Maria Ladstätter hat heute im Südtiroler Landtag den Jahresbericht 2017 der Kinder- und Jugendanwaltschaft vorgestellt. Die Beratungen sind im Vergleich zu 2016 um mehr als das Doppelte gestiegen. Schutz des Kindes und Jugendlichen, familiäre Konflikte, Probleme in der Schule, Verwahrlosung, Missbrauch und Mobbing sind die Hauptthemen.

Kinder haben ein Recht auf Gesundheit, Geborgenheit, auf Zeit, Aufmerksamkeit und Versorgung. Immer öfter werden diese Rechte mit Füßen getreten. Sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt nehmen zu: Im Jahr 2017 haben sich die Beratungen in der Kinder- und Jugendanwaltschaft (Kija) im Vergleich zu 2016 mit 2.124 mehr als verdoppelt. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass acht Jahre nach ihrem Entstehen in der Kija eine dritte Fachperson angestellt werden konnte. Im Jahr zuvor wurden 965 Beratungen durchgeführt. Ein neuer Schwerpunkt war im Jahr 2017 die Ausbildung von freiwilligen Vormunden für nicht begleitete Minderjährige. Kinder- und Jugendanwältin Paula Maria Ladstätter hat ihren Jahresbericht 2017 heute im Südtiroler Landtag vorgestellt.

Da ist der Jugendliche aus Ostafrika, der sich nach Südtirol durchgeschlagen hat und in einem Wohnheim lebt. Seine Eltern wurden ermordet, andere Angehörige gibt es nicht. Da ist die Mittelschülerin, die in der Klasse gemobbt wird, nicht mehr isst und das Schulgehen verweigert. Da ist die ältere Schwester, die – ausgezogen – mitbekommt, dass ihre kleinen Brüder daheim geschlagen werden. Da ist die Mutter, deren 14-jährige Tochter abends häufig ausgeht und mit Männern herumhängt. Da ist der Vater, dessen Söhne im Grundschulalter nach der Papa-Woche nicht mehr zu seiner getrennten Frau zurück wollen. Sie kommen mit ihrem neuen Partner nicht klar.

Kinder könnten über ihre freie Zeit nur mehr begrenzt verfügen, der Stress der Erwachsenen übertrage sich auf die jungen Leute, sagt Kinder- und Jugendanwältin Paula Maria Ladstätter. Psychische und körperliche Belastungen der Eltern und anderer Familienangehöriger schlagen sich auf Kinder und Jugendliche nieder. Leistungsdruck, elitäres Denken und Perfektionismus überfordere die Minderjährigen. Ihre Leerzeiten werden weniger. Das verlangsame die Konzentrationsfähigkeit: „Sozialer und finanzieller Druck führen zu Reizarmut, schlechter Ernährung, Bildungsrückstand und Perspektivlosigkeit“, sagte Paula Maria Ladstätter heute im Südtiroler Landtag.

Die soziale Not in Südtirol verändere sich, stellt die Kinder- und Jugendanwältin fest, aber sie werde nicht weniger: Mit 2.124 Beratungen am Telefon, bei persönlichen Treffen, per Mail, WhatsApp und Facebook haben sich diese in der Kija im Jahr 2017 im Vergleich zu 2016 mehr als verdoppelt. Haben die MitarbeiterInnen der Kija 2016 noch an 551 Akten gearbeitet, so waren es 2017 bereits 858. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass im vergangenen Jahr nach langem Drängen endlich eine weitere Vollzeitstelle eingerichtet wurde. Neben Paula Maria Ladstätter arbeiten dort jetzt Bianca Stelzer (Expertin im Rechts- und Gesetzgebungsbereich) und Massimiliano Santi (Experte im Verwaltungsbereich), außerdem die Verwaltungssachbearbeiterin Daniela Perucatti. Santi ersetzt Anna Graber, die sich in Elternzeit befindet.

Damit Lösungen zum Kindeswohl erarbeitet werden können, sei es unumgänglich, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren und einen wertschätzenden Umgang zu pflegen, erklärt Paula Maria Ladstätter. Es gehe darum, die verschiedenen Kompetenzen und Sichtweisen der Anwesenden zu hören, zu respektieren und immer wieder die gegenwärtige schwierige Situation des oder der Minderjährigen in den Mittelpunkt zu rücken.

Besonders herausgefordert war die Kija im vergangenen Jahr mit der Organisation der Ausbildungen für freiwillige Vormunde für nicht begleitete Minderjährige. Insgesamt haben von Juli bis Dezember 99 Erwachsene Interesse an der Ausbildung zu freiwilligen Vormunden für nicht begleitete minderjährige Flüchtlinge bekundet. Die vier Basis- und drei Aufbaukurse fanden in deutscher und italienischer Sprache statt. Nach der jeweils 17-stündigen Ausbildung wurden im vergangenen Jahr 26 Privatpersonen in das Verzeichnis der freiwilligen Vormunde beim Jugendgericht Bozen eingetragen. Von diesen waren am 31. Dezember 2017 sieben mit einer Vormundschaft betraut.

Die Kinder- und Jugendanwaltschaft (Kija) ist eine Einrichtung des Landes Südtirol. Sie wurde mit Landesgesetz Nr. 3 vom 26. Juni 2009 errichtet und wird nächstes Jahr zehn Jahre alt. Die Kinder- und Jugendanwältin ist bei der Ausübung ihres institutionellen Auftrags unabhängig, überparteilich und niemandem hierarchisch unterstellt. Sie berät und unterstützt junge Menschen mit Problemen, versteht sich als Sprachrohr für Heranwachsende und vertritt deren Interessen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene.

Der Jahresbericht der Kija kann in gedruckter Form bei der Kija in der Cavourstraße 23/c in Bozen abgeholt, telefonisch unter 0471 946 050 angefordert oder von der Webseite www.kinder-jugendanwaltschaft-bz.org heruntergeladen werden. Für weitere Nachfragen steht das Team der Kinder- und Jugendanwaltschaft telefonisch, per WhatsApp (Tel. +39 331 1738847), per Mail an info@kinder-jugendanwaltschaft-bz.org und über Facebook (facebook.com/kijagaia) zur Verfügung.

Im Anschluss an ihre Ausführungen ging Kinder- und Jugendanwältin Ladstätter auf die Fragen der Abgeordneten ein – und erntete auch deren Applaus für die geleistete Arbeit.

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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23 Kommentare auf "“Stress der Erwachsenen überträgt sich auf Kinder”"


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Sunnysmiley
Sunnysmiley
Neuling
8 Tage 14 Min

Wenn beide Eltern arbeiten müssen( da ja nicht gewollt wird das Eltern beim eigenen Kind bleiben dürfen z.b. Kitas, Rentenjahre, „Status der Frau“)
finde ich es unvermeidlich unter Stress zu stehen!
Sei es Eltern wie leider auch Kinder!
Leistungsdruck von klein auf!
Schneller, Besser, Weiter.
So funktioniert das auf Dauer nicht mehr!
Die Lebensqualität der Familie wird total zerstört!

flakka
flakka
Grünschnabel
7 Tage 22 h

gonz so tragisch sig is net. dass beide elternteile orbeiten gien isch klor und auch okay. leider wern die kinder obr in der freizeit mehr gstresst…sem wol ols derreissen miassen, in kindergorten miassense schun unfongen. sem tat i mol unfongrn awia zu bremsen. solln spielen terfen sem no, uhne stress.

elvira
elvira
Superredner
7 Tage 21 h

jo ober lai weil du orbeitesch konnsch du schun decht zeit fir deine kinder hobn….wenn nit mochsch eppes folsch ober sel lig an dir

Sunnysmiley
Sunnysmiley
Neuling
7 Tage 21 h

@elvira ja da macht man wahrscheinlich wirklich etwas falsch, würde mich über jeden Tipp bedanken

Pacha
Pacha
Grünschnabel
7 Tage 18 h

@elvira….wieviel Zeit, bei voller Erwerbstätigkeit, bleibt für die Kinder? Ein bisschen da und ein bisschen dort ist zu wenig. Die Rechnung wird uns gerade präsentiert!

denkbar
denkbar
Kinig
7 Tage 7 h

@Sunnysmiley . Gute Arbeitsteilung im Haushalt z.B gemeinsames Kochen und sauber machen, bei Tisch und zu bestimmten Tageszeiten Handyverbot auch für die Erwachsenen, Abendspaziergang oder gemeinsames Spielen am Abend statt Fernsehen, den Kindern ein Buch vorlesen, miteinander reden, am Sonntag lieber Sport und Freizeitaktivität in der freien Natur als im Einkaufszentrum, wären gute Möglichkeiten der Stressreduktion

denkbar
denkbar
Kinig
7 Tage 7 h

@Pacha .Es kommt allerdings auch darauf an, wie die Qualität der Zeit ist, die man miteinander verbringt. Da könnte weniger auch mehr sein.

elvira
elvira
Superredner
7 Tage 6 h

@Pacha
wiso kriag men nor kinder wenn men fa virne herein schun woas dass men kuane zeit hot und im nochhinein sich nor genau deswegn aufreg???und wos zeit betrifft muas men holt bissl schaugn. a kind braucht nit dauernd die eltern um sich ober so kluane rituale wia jedentog mit dar gonsn familie obendessn und vorn schlofn gian a runde mensch ärgere dich nicht oder af noben olle zusommen kuschelzeit oder in suntig oder somstig fix a familiennachmittag inplanen??

elvira
elvira
Superredner
7 Tage 6 h

@Pacha und es steat jo a schworz auf weiss gschriebn dass kinder iber ihre freie zeit nimmer verfügen kennen…weil die eltern olles verplanan….anstott huam zu kemen und die matschhosen unzulegn und a mol 2h ummerzutoben geats zum judo, ballett, musikschule, nochhilfe usw und die eltern kriagn nor logischerweise in stress weill sie die kinder ummerfiarn miasn…..unlogisch oder??

Pacha
Pacha
Grünschnabel
7 Tage 5 h

@denkbar…..ich sehe das als eine Ausrede, Kinder haben keine Bürostunden

Pacha
Pacha
Grünschnabel
7 Tage 2 h

@elvira……ich bin stolzer Vater von mehreren Kindern und mein Lebensinhalt besteht nicht daraus mir ein Haustier zu halten. Mein Problem liegt darin, dass Heute beide Elternteile in Vollzeit arbeiten müssen, weil es die Wirtschaft so verlangt und wir ja brav darauf eingegangen sind. Die Arbeit wurde zur Lebensaufgabe und die Pension ist dann das sogenannte Zuckerle, wenn überhaupt.

Paul
Paul
Universalgelehrter
8 Tage 3 h

ein deutliches 5 – fùr diese Regierung !!! In allen sozialen Bereichen !

elvira
elvira
Superredner
7 Tage 21 h

oder a 5 für die eltern???i verstea schun dassmen olm gern in ondere die schuld gib wenn men selber versagt ober fakt isch dass eltern für ihre kinder zuaständig sein..nit die schual, politik,lehrer oder erzieher…und um a schiane zeit mit die eigenen kinder zu verbringen brauchts weder reichtum no a riesenhaus sondern zeit und geduld und zeit konn i a hobn wenn i orbeit

denkbar
denkbar
Kinig
7 Tage 7 h

@Paul . Das ist doch ein bisschen einfach und banal alle Verantwortung an die Politiker abzugeben. Die Bürgergesellschaft ist auch gefragt: jeder Einzelne muss Verantwortung für sich und seine Familie übernehmen, darf sich Gedanken machen, wie man Familie am besten organisiert und nicht nur warten, dass Schule und Sozialdienste alles erledigen.

Martha
Martha
Tratscher
8 Tage 3 h

Applaus Applaus—aber die Wirklichkeit sieht anders aus !!!!—wo ist die Familienförderung ???–

elvira
elvira
Superredner
7 Tage 21 h

wos haschn gerne für förderung liebe martha???

Sunnysmiley
Sunnysmiley
Neuling
7 Tage 21 h

@elvira von einem der weiß wie das Leben funktioniert😉

Pacha
Pacha
Grünschnabel
8 Tage 3 h

Kinder und Jugendliche sind der Spiegel unserer Gesellschaft

denkbar
denkbar
Kinig
7 Tage 7 h

@Pache . So ist es, eine Bürgergesellschaft die immer mehr Verantwortung abgibt und immer weniger bereit ist Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, die Ärmel hochzukrempeln und etwas fürs eigene Glück zu tun.

m69
m69
Universalgelehrter
8 Tage 2 h

Gut dass es diese Einrichtung seit 10 Jahren gibt!

denkbar
denkbar
Kinig
7 Tage 7 h

@m69  Da bin ich einmal ganz einer Meinung mit Ihnen.

Martha
Martha
Tratscher
8 Tage 3 h

Sie hat sich eine Landesverdienstmedailie verdient😉

Preasure
Preasure
Neuling
7 Tage 53 Min

Ist interessant, dass solche Zahlen steigen…Zum Kindeswohl tun alle Staaten scheinbar viel…!?! Aber was läuft im Hintergrund ab? Der Staat schafft Probleme und bietet Lösungen an…Was wird für Familien schon getan? Familie ist nicht im Interesse des Staates, wenn die Frau arbeitet, dann zahlt auch sie Steuern für den Staat ein..Kinder landen in Kita, um fremdes Gedankengut zu erwerben….usw….Und dann verdienen noch alle mit Kindern in brenzligen Situationen mit: vom Jugendamt, Psychologen, Gerichte, Kinderheimen und Pflegefamilien…Was für gute Prävention und was für Hilfen!!!!!

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