Von: APA/dpa/Reuters
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von einem weiteren Anstieg der Ebola-Erkrankungen aus. Inzwischen gebe es 600 Verdachtsfälle und 139 Menschen seien vermutlich bereits an der hochansteckenden Infektionskrankheit gestorben, teilte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus am Mittwoch mit. Angesichts der Zeit, die das Virus bereits zirkulierte, bevor der Ausbruch in Afrika bemerkt worden sei, müsse mit weiter steigenden Zahlen gerechnet werden.
Der Großteil der Erkrankungen wurde im zentralafrikanischen Kongo gemeldet. Dort begann der Ausbruch mutmaßlich in der dritten Aprilwoche. Im benachbarten Uganda gibt es laut WHO bisher einen bestätigten Todesfall.
WHO-Notfallausschuss sieht keinen Grund für Reisebeschränkungen
Ein Notfallausschuss der WHO hatte am Dienstag in Genf getagt. Das Gremium bestätigte laut Tedros, dass es sich bei dem Ausbruch der seltenen Bundibugyo-Variante des Virus um einen Gesundheitsnotstand von internationaler Tragweite handle, jedoch nicht um einen pandemischen Notfall. Tedros hatte den Notstand am Wochenende ausgerufen. Wegen der Dringlichkeit der Lage habe zum ersten Mal ein WHO-Chef diesen Schritt ohne vorherige Konsultation von Experten vollzogen, erklärte er.
Der Notfallausschuss sieht allerdings keinen Grund für Reisebeschränkungen. Das Virus werde nicht durch zufälligen Kontakt oder die Atemluft, sondern durch direkten Kontakt mit Blut und Körperflüssigkeiten übertragen, sagte die Vorsitzende des Ausschusses unabhängiger Experten, Lucille Blumberg, bei einer Pressekonferenz in Genf. “Reisebeschränkungen sind unter den Regularien der Internationalen Gesundheitsvorschriften nicht empfohlen.” Wichtig sei eine gute Überwachung aller Kontakte von Infizierten oder Verdachtsfällen, heißt es von der WHO.
Ärzte ohne Grenzen: Ausbruch dramatisch
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen schätzt den Ebola-Ausbruch als dramatisch ein. Gleichzeitig hält sie eine kontrollierte Versorgung für möglich. “Ebola-Behandlung ist kompliziert und auch nicht ungefährlich, aber es ist auch kein Grund, in Panik zu verfallen. Man kann in einem kontrollierten Setting gut damit umgehen”, sagte der Epidemiologe Maximilian Gertler von der Charité in Berlin am Mittwoch dem RBB-Inforadio.
Dieses kontrollierte Setting wolle man in der Region etablieren für die Patientenversorgung, so der Experte weiter. “Das ist unser Fokus, da kennen wir uns aus, da kann man dann auch viel erreichen.” In der Nacht auf Mittwoch wurde ein mit dem Ebola-Virus infizierter US-Amerikaner in einer Sonderisolierstation der Berliner Charité auf dem Campus Virchow-Klinikum aufgenommen.
Es mangelt an der Versorgung
“Das sind wirklich dramatische Zahlen, gerade dafür, dass die Epidemie erst seit drei Tagen bekannt ist”, sagte Gertler. “Da muss man annehmen, dass es schon eine ganze Zeit sehr fortgeschritten ist, ohne dass das diagnostiziert werden konnte und die Epidemiebekämpfung starten konnte.” Es handle sich im Allgemeinen um lokale Geschehen, “bei denen die Infektion gar nicht so ansteckend ist wie zum Beispiel ein atemwegsübertragendes Virus”. In einer Region mit schwacher Infrastruktur und politischer Instabilität gebe es aber keine vernünftige Versorgung.
“Im Moment sind wir damit beschäftigt, Teams und Experten auf der ganzen Welt zusammen zu telefonieren, die wir in unseren Einsätzen bereits hatten oder die sich mit diesen Erkrankungen auskennen”, sagte der Facharzt. “Wir ziehen Personal aus Projekten in Afrika zusammen in die Region. Wir mobilisieren tonnenweise Material mit Schutzausrüstung und Gerät, um Isolierstationen zu improvisieren, zu bauen.”
Das benachbarte Ruanda hat unterdessen seine Grenze zum Osten des Kongo bereits geschlossen. Die USA haben für den Kongo ihre höchste Reisewarnung herausgegeben und Einreisebeschränkungen für Personen ohne US-Pass verhängt, die sich kürzlich im Kongo, in Uganda oder im Südsudan aufgehalten haben. Die afrikanische Gesundheitsbehörde Africa CDC hatte die internationale Gemeinschaft aufgefordert, von Reisebeschränkungen abzusehen.
US-Bürger mit Ebola in Berlin
Unterdessen wurde der US-Bürger in die Sonderisolierstation der Charité in Berlin gebracht. Er hatte sich in der Demokratischen Republik Kongo mit dem Virus angesteckt, das sich dort stark ausbreitet. Die US-Behörden hatten die deutsche Bundesregierung auch wegen der kürzeren Flugzeit nach Deutschland um Hilfe gebeten. Der Transport nach Berlin sollte von Uganda aus mit einem Spezialflugzeug für hochinfektiöse Patienten organisiert werden, wie das Gesundheitsministerium erläuterte.
Zur Charité erfolgte der Transport mit einem speziell ausgestatteten Fahrzeug. Eskortiert wurde es von zahlreichen Motorrädern und Autos der Polizei sowie Feuerwehren und Krankenwagen. Kurz vor 3.00 Uhr erreichte das Spezialfahrzeug das Krankenhaus.
Die Sonderisolierstation auf dem Campus Virchow-Klinikum verfügt über eine spezialisierte Infrastruktur zur Versorgung von Patienten mit hochansteckenden lebensbedrohlichen Infektionskrankheiten, wie es zur Erläuterung hieß. Sie ist eine geschlossene und geschützte Einheit, getrennt vom regulären Klinikbetrieb, sodass kein Kontakt zu anderen Patientinnen und Patienten entstehen kann.
Tropenwälder des Kongo gelten als natürliches Reservoir für Virus
Ebola ist eine ansteckende und lebensbedrohliche Krankheit. Das Virus wird durch Körperkontakt und Kontakt mit Körperflüssigkeiten übertragen. Die dichten Tropenwälder des Kongo gelten als natürliches Reservoir für das Ebola-Virus. Zu den Symptomen gehören Schwächegefühl, Muskelschmerzen, Kopf- und Halsschmerzen, Erbrechen und Durchfall. Wenn Infizierte nicht sofort behandelt werden, liegt die Sterblichkeit nach Angaben des deutschen Robert Koch-Instituts bei bis zu 90 Prozent. In den Jahren 2014 und 2015 waren bei einem Ausbruch in Westafrika mehr als 11.000 Menschen gestorben.
Damals war die Zaire-Variante des Ebola-Virus für den Ausbruch verantwortlich, wofür mittlerweile ein Impfstoff verfügbar ist. Nun haben es die Mediziner mit einem Ausbruch der seltenen Bundibugyo-Variante zu tun, für die es bisher keine Vaccine und auch keine Therapie gibt. Dies macht es besonders schwer, die Lage einzudämmen. Die WHO sagte am Mittwoch, dass ein Impfstoff gegen die Bundibugyo-Variante frühestens in einigen Monaten zur Verfügung stehen könne und es an Datenmaterial dazu mangle.




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