Mutige Bürger: Luca Signorelli sowie zwei Ägypter und Pakistaner überwältigten den Täter – VIDEO

“Ein Mensch wird in dem Augenblick zum Helden, wenn er eingreift”

Montag, 18. Mai 2026 | 08:26 Uhr

Von: ka

Modena – „Es schien, als wolle er so viele Menschen wie möglich niedermähen“, berichten Zeugen, die das Auto mit voller Geschwindigkeit auf sich zurasen sahen. Der Mann, der Modena und ganz Italien am Samstag in einen Albtraum stürzte, wollte ein Massaker anrichten.

Das Auto, das am Samstagnachmittag im belebten Stadtzentrum von Modena plötzlich in eine Menschenmenge raste, war ein Citroën C3. Am Steuer saß der 31-jährige Salim El Koudri, der einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften hat. Er hat marokkanische Wurzeln, wurde aber in Seriate in der Provinz Bergamo geboren und wohnt derzeit in Ravarino in der Provinz Modena.

Während ahnungslose Einheimische und Touristen durch Modenas Altstadt schlenderten, fuhr er direkt auf die Via Emilia zu, wo sich die Fahrbahn verengt. Es handelt sich um eine verkehrsberuhigte Zone, doch der Fahrer scherte sich nicht einmal um die rote Ampel. Der 31-Jährige trat kräftig aufs Gaspedal. „Er fuhr wahnsinnig schnell, sicher mehr als 100 Stundenkilometer“, berichteten Zeugen.

APA/APA/AFP/-

Dass er versuchte, so viele Menschen wie möglich zu überfahren, bestätigen auch die Videos der Überwachungskameras, die die Szene aus verschiedenen Blickwinkeln einfingen. Die Bilder sind kaum erträglich. Zunächst erfasst das Auto einen Radfahrer und weitere Passanten, die sich auf der rechten Seite direkt an der Einmündung zur Via Emilia befinden. Dann wirkt der Fahrer unentschlossen, ob er auf dieser Seite bleiben oder auf die andere wechseln soll. Er schlängelt mit dem Auto ein wenig hin und her und lenkt dann entschlossen nach links, wobei er weitere Passanten überrollt. Anschließend setzt er seine Fahrt fort, bis er schließlich gegen die Schaufensterscheibe eines Bekleidungsgeschäfts prallt.

Es sind schreckliche Momente. Überall ist Blut, und die Verletzten schreien herzzerreißend. „Wir haben Schuhe, Taschen und verschiedene andere Gegenstände durch die Luft fliegen sehen“, berichten Zeugen. „Wir wussten nicht, was wir tun und wem wir zuerst helfen sollten.“ Am Boden liegen mindestens 15 Verletzte. Einige von ihnen werden vor Ort versorgt. Acht von ihnen werden ins Krankenhaus gebracht. Vier von ihnen scheinen sich in einem kritischen Zustand zu befinden. Eine Frau wurde buchstäblich niedergemäht, ihre Beine mussten amputiert werden. Sie schwebt in Lebensgefahr.

Doch damit ist es noch nicht vorbei. Nach dem Amoklauf bleibt der Attentäter noch einige Augenblicke regungslos in seinem Fahrzeug sitzen. Er scheint zu zögern. Luca Signorelli, einer der Zeugen der Amokfahrt, nähert sich ihm. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht klar, ob es sich um einen Anschlag oder einen Unfall, möglicherweise aufgrund eines medizinischen Notfalls, handelt. Signorelli will dem Attentäter helfen, doch dieser reißt die Tür auf und flieht. Er und andere Passanten nehmen die Verfolgung auf.

ANSA/Francesco Vecchi

Die Verfolgungsjagd endet in einer Seitenstraße. „Ich bin ihm nachgelaufen. Inzwischen kamen mir weitere vier oder fünf Leute hinterher. Er verschwand hinter Autos und tauchte dann mit einem Messer in der Hand wieder auf. Er sprach zusammenhanglose Worte, die nicht italienisch waren. Es kam zu einem Handgemenge, bei dem er zweimal auf mich einstach. Einem Hieb konnte ich ausweichen, den anderen habe ich abbekommen. Dann habe ich ihm das Handgelenk festgehalten und ihn zusammen mit anderen Passanten überwältigt“, so Luca Signorelli später.

Auch diese Szene ist durch Überwachungsvideos und Aufnahmen einiger Passanten dokumentiert. Zu sehen ist eine Menschenmenge, die sich auf den 31-Jährigen stürzt. Sie halten ihn fest, bis er bewegungsunfähig ist.

Zu den „Helden von Modena“, wie sie von den italienischen Medien genannt werden, gehören auch die beiden Ägypter Osama Shalaby und sein Sohn Mohammad. Der 56-jährige Maurer und sein 20-jähriger Sohn scheuten ebenso wie Luca Signorelli kein Risiko, um Salim El Koudri zu überwältigen. Während dieser sich, verfolgt von Signorelli, zu befreien versuchte, indem er auf ihn einstach, warf sich Shalaby auf ihn. Der 56-Jährige zeigte keine Angst: „Wir sind Ägypter, wir fürchten nur Gott“, erzählte er am Tag nach der Tat.

An seiner Seite war sein Sohn Mohammad, der den 31-jährigen Täter festhielt. Vater und Sohn berichteten, wie sie den Mann entwaffnet hatten, und sagten, sie freuten sich über all die Dankesbekundungen, die sie erhielten. „Ich lebe seit 30 Jahren in Italien, bin aber kein italienischer Staatsbürger“, sagte der 56-Jährige. „Ich hoffe, dass meine Tat etwas bewirkt. Unser Traum ist eine Sozialwohnung, in der wir alle gemeinsam mit der Familie leben können.“

ANSA/MARIA ELENA GOTTARELLI/Osama Shalaby

Neben Shalaby, seinem Sohn und Signorelli griffen auch einige pakistanische Ladenbesitzer ein, um El Koudri bis zum Eintreffen der Ordnungskräfte festzuhalten. Der 31-Jährige sitzt nun wegen versuchten Massenmordes und schwerer Körperverletzung in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen dauern an, bisher deutet jedoch alles auf die Amokfahrt eines psychisch gestörten Mannes hin. El Koudri war nämlich bis 2024 wegen einer schizoiden Persönlichkeitsstörung in psychiatrischer Behandlung. Eine erst kürzlich erfolgte Radikalisierung kann allerdings nicht ausgeschlossen werden.

Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni drückte den Verletzten ihre Anteilnahme aus. Sie sagte einen für Sonntag geplanten Besuch auf Zypern ab, um gemeinsam mit dem italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella nach Modena zu reisen und die Verletzten im Krankenhaus zu besuchen.

Instagram/Giorgia Meloni

„Was einen gewöhnlichen Menschen zum Helden macht, ist der Augenblick, in dem er beschließt, Gutes zu tun – auch wenn dies ein Risiko mit sich bringt. Es sind ganz normale Männer und Frauen, die in einem entscheidenden Moment das Richtige über ihre eigenen Interessen stellen. Und genau durch diese so menschliche und strahlende Entscheidung wird ein gewöhnliches Leben zum Vorbild und hinterlässt Spuren, die für immer bestehen bleiben“, so Giorgia Meloni auf ihrer Instagram-Seite.

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