Von: ka
Rom – Ein großes Kaufhaus in der Nähe des Bahnhofs Roma Termini ist Schauplatz eines Falls „systematischer Diebstähle”, der wegen der Täter – viele von ihnen sind Polizisten und Carabinieri – weit über Rom hinaus für großes Aufsehen sorgt. Die Videoaufnahmen versteckter Kameras, die installiert wurden, nachdem bei der Inventur ein „Bilanzloch” von nicht weniger als 300.000 Euro entdeckt worden war, förderten ein unglaubliches Netzwerk kleiner, aber stetiger Diebstähle zutage.
„Herz und Kopf” des Netzwerks war eine 40-jährige Kassiererin namens Sabrina Morani. Sie besorgte ihren „Kunden” – unter den 44 Verdächtigen befanden sich neben einigen Stammkunden und Verkäuferinnen von Nachbargeschäften auch mindestens 21 Polizisten und Carabinieri – gratis oder gegen kleine Beträge Parfums, Handtaschen und Bekleidung. Sabrina Morani wird des erschwerten Diebstahls beschuldigt und riskiert eine Gefängnisstrafe. Ihre „Kunden” müssen mit schweren Konsequenzen bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes rechnen.

Dass aus Kaufhäusern Handtaschen, Hüte, Jacken, Unterwäsche, Kosmetika und Parfüms gestohlen werden, ist keine Nachricht wert, denn dies ist die klassische Beute von Ladendieben. Umso überraschender ist es, dass es sich bei den Personen, die mit dieser Ware aus der Filiale der bekannten Kaufhauskette Coin am Bahnhof Roma Termini in der Ewigen Stadt flohen, auch um 21 Carabinieri- und Polzeibeamte verschiedener Dienstgrade handelte. Im Zuge der vom römischen Staatsanwalt Stefano Opilio geleiteten Ermittlungen wurden gegen insgesamt 44 Personen wegen systematischer Diebstähle zum Nachteil von Geschäften in der Umgebung, insbesondere der Filiale der Kette Coin in der Via Giolitti, Untersuchungsverfahren eröffnet.
Die Untersuchungen kamen ins Rollen, nachdem bei der Inventur im Jahr 2024 ein Fehlbetrag in Höhe von 300.000 Euro festgestellt worden war. Allein der Wert der Parfums, die „Füße bekommen hatten”, betrug 45.000 Euro. Dieses „Bilanzloch” ist mit 10,8 Prozent des Umsatzes weitaus größer als die übliche Schwelle von zwei bis drei Prozent der Waren, die jedes Jahr aus den Regalen anderer Verkaufsstellen verschwinden. Eine solche Abweichung gilt als anomales Vorkommnis, weshalb die Installation von Kameras sowie die Einleitung von Ermittlungen durch eine private Detektei erforderlich wurden.

Die Aufnahmen förderten ein unglaubliches „System” kleiner, aber stetiger Diebstähle zutage. Im Zentrum dieser „systematischen Kaufhausdiebstähle” stand eine Angestellte von Coin: eine 40-jährige Kassiererin namens Sabrina Morani, die als „Herz und Kopf” der kriminellen Organisation bezeichnet wird. Morani soll die Ware beiseitegelegt und in einem Schrank in der Nähe ihres Arbeitsplatzes versteckt haben. Nachdem sie die Diebstahlsicherungen entfernt hatte, bereitete sie die Tüten vor. Wenn die Polizisten und Carabinieri erschienen, wurden die Tüten direkt in deren Hände übergeben. Darin befanden sich verschiedene Kleidungsstücke: Taschen, Hüte, Jacken, Unterwäsche, Kosmetikartikel und vor allem Parfüms.
Es handelte sich nie um spektakuläre Diebstähle. Laut den Ermittlern lag die List gerade darin, ein System aufzubauen, das nicht auffiel und konstante, scheinbar leicht zu verbergende Entnahmen garantierte. Diese kleinen, täglichen Entnahmen haben im Laufe der Zeit ein „Loch” von Hunderttausenden Euro verursacht. Die Ermittlungen betreffen jedoch nicht nur Männer in Uniform. Unter den 44 Verdächtigen befinden sich auch zwanzig Angestellte benachbarter Geschäfte. Sie wurden dabei erwischt, wie sie bei Coin mit derselben Methode und mithilfe derselben Kassiererin Einkäufe tätigten.

Insgesamt werden Sabrina Morani 45 Vorfälle zur Last gelegt. Einer davon ereignete sich am 17. Oktober 2024, als sie einen Rollkragenpullover, einen Mantel und einen teuren Kaschmirschal mitnahm. Sie zeigte die Kleidungsstücke einem Carabiniere, entfernte die Diebstahlsicherung und übergab sie ihm. Dann ging er, ohne zu bezahlen.
Laut Anklage wurden die anderen 44 Diebstähle von neunzehn weiteren Personen begangen, die dieselben Vorteile genossen hätten. Sie nahmen die Ware entgegen, ohne zu bezahlen, oder sie übergaben der 40-Jährigen nur wenige Euro. Das von den Ermittlern aufgedeckte „System” weist den Ordnungskräften eine doppelte Verantwortung zu: Sie haben nicht nur Coin bestohlen, sondern auch anderen ermöglicht, dies zu tun, obwohl sie am Bahnhof Termini anwesend waren.

Die mit den Untersuchungen betrauten Carabinieri, die unter anderem gegen ihre Kollegen ermitteln, entdeckten auch einen Chat, den Sabrina Morani nutzte, um die „Bestellungen” ihrer „Kunden” entgegenzunehmen. Mit vertraulichem Tonfall, als sei es selbstverständlich, wendet sich ein Polizist, der wegen Diebstahls im Geschäft Coin am Bahnhof Termini unter Verdacht steht, an die 40-Jährige: „Hast du ein Parfüm für mich … Aber nur für mich persönlich.“ Die Angestellte, für die die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe beantragt hat, antwortet ebenso freundlich: „Mein Lieber, ich habe keines … Ich denke diese Woche an dich.“ Einem anderen Vertreter der Ordnungskräfte schreibt die Kassiererin, wann er vorbeikommen soll, und erklärt auch, warum: „Morgen ist etwas für dich da.“
Sabrina Morani, die bereits vor einem Jahr von Coin entlassen wurde, wird am Freitag verhört werden. Nach dem Verhör wird der Richter entscheiden, ob die 40-jährige Kassiererin verhaftet wird oder auf freien Fuß auf ihren Prozess warten kann. Einige ihrer Kolleginnen sowie ihre „Kunden” müssen mit schweren straf- und disziplinarrechtlichen Konsequenzen bis hin zum Arbeitsplatzverlust rechnen.







Aktuell sind 5 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen