Von: ka
Viareggio/Lucca – Cinzia Dal Pino stand vor dem Schwurgericht von Lucca in der Toskana, weil sie vor zwei Jahren den 47-jährigen Obdachlosen Noureddine Mezgui absichtlich überfahren und getötet hatte, nachdem er ihr die Handtasche geraubt hatte. Sie wurde wegen Mordes zu 18 Jahren Haft verurteilt.
Das Gericht blieb damit zwar unter dem von Staatsanwältin Sara Polino geforderten Strafmaß einer lebenslangen Haftstrafe. Das Urteil gilt unter italienischen Justizbeobachtern dennoch als wegweisend, da das Schwurgericht die 67-jährige Strandunternehmerin in der Praxis der „Selbstjustiz“ schuldig sprach. Damit endete – vorläufig – einer der aufsehenerregendsten Straffälle Italiens der letzten Jahre. Die Anwälte von Dal Pino sowie die der Familie des Opfers kündigten an, in die Berufung zu gehen.

Cinzia Dal Pino wurde zu 18 Jahren Haft verurteilt. Sie war des vorsätzlichen Mordes an dem 47-jährigen obdachlosen Marokkaner Nourredine Mezgoui beschuldigt worden. In der Nacht vom 7. auf den 8. September 2024 hatte der Mann ihr die Handtasche geraubt, als sie in ihren Mercedes-SUV einsteigen wollte. Die Frau folgte dem Mann mit ihrem schweren SUV, fuhr ihn absichtlich nieder und überrollte ihn mehrmals, wodurch er starb. Anschließend ließ sie ihn sterbend auf der Straße zurück, ohne die Rettungskräfte zu alarmieren.
Dal Pino wurden allgemeine mildernde Umstände zuerkannt, während der erschwerende Umstand der Grausamkeit fallengelassen wurde. In der vorangegangenen Verhandlung hatte die Anklage, vertreten durch Staatsanwältin Sara Polino, lebenslange Haft gefordert. Die Verteidigung beantragte fahrlässige oder hilfsweise vorsätzliche Überschreitung der Notwehr. Dal Pino hörte sich das harte Urteil im Gerichtssaal in Begleitung ihrer Tochter an, ohne dabei Reaktionen zu zeigen. Das Gericht hat zudem entschieden, dass sie vorerst unter Hausarrest bleibt.

Im Rahmen der Verhandlung am 27. Mai wurden die Ergebnisse des vom Schwurgericht angeordneten psychiatrischen Gutachtens zu Dal Pino bekannt gegeben. Demnach war sie zum Zeitpunkt der Tat nicht geistig unzurechnungsfähig. Parallel zum Strafverfahren wurde ein Verfahren der opferorientierten Justiz eingeleitet. Dieses Instrument wird durch das Cartabia-Gesetz ermöglicht und könnte im Falle einer Einigung zwischen den Anwälten der Familie des Opfers und denen der Angeklagten dieser eine Strafmilderung garantieren.
Die im Verfahren gegen Cinzia Dal Pino als Zivilkläger auftretenden Parteien haben jedoch angekündigt, Berufung einzulegen. „Die These der Anklage zum vorsätzlichen Mord wurde anerkannt und hat sich durchgesetzt”, erklärte Enrico Carboni, der Rechtsanwalt der Angehörigen des Opfers. Er fügte hinzu, dass das Gericht den Vorsatz anerkannt habe. Dennoch werde gegen das Urteil Berufung eingelegt.
Der Anwalt der Verurteilten zeigte sich sehr enttäuscht. „Ich hatte sowohl hinsichtlich der rechtlichen Einstufung als auch des Strafmaßes eine andere Entscheidung erwartet. Wir werden die Urteilsbegründung abwarten, aber ich denke, dass wir in Berufung gehen werden“, so Enrico Marzaduri, der Verteidiger von Cinzia Dal Pino, nach der Urteilsverkündung. „Ich glaube“, fügte er hinzu, „dass sie auf eine mildere Lösung gehofft hatte, aber es hätte auch schlimmer kommen können.“
Auf die Frage, ob seine Mandantin Reue empfinde, verwies Marzaduri auf das, was im Laufe des Verfahrens bereits zutage getreten ist. „Sie hat sich im Rahmen der Verhandlung geäußert und ihre Gefühle bereits klargestellt“, sagte der Verteidiger und fügte hinzu: „Ohnehin war sie vor ihrer Festnahme in die Kirche gegangen, um zu beten.“

Was den Hausarrest als Alternative zur Gefängnisstrafe betrifft, beschränkte sich Marzaduri darauf zu sagen, dass es sich um eine „eigene technische Entscheidung“ handele, „die vom heutigen Urteil nicht betroffen ist“, während der von der Verteidigung vorgeschlagene Weg der resozialisierenden Justiz „eingeleitet wurde und es bald zu einem ersten Treffen kommen wird“.
Im Dezember 2025 hatte Dal Pino vor Gericht ihre Darstellung der Ereignisse geschildert. „Als ich beim Auto ankam, etwa 50 Meter von dem Lokal entfernt, in dem ich den Abend verbracht hatte, legte ich meine Handtasche auf den Beifahrersitz. Während ich den Regenschirm zusammenklappte, tauchte dieser Mann auf und stürzte sich auf mich. In einem Augenblick sah ich mein Ende, denn ich dachte, er würde mir etwas antun.“
In ihrer Panik habe sie beschlossen, Mezgoui zu folgen, so die Unternehmerin. „In meiner Handtasche hatte ich alles dabei: die Ausweise, die Uhr und einen Zettel mit allen Passwörtern für Bankkonten und andere wichtige Zugänge. Ich wollte nicht, dass dieser Mann sie zurückverfolgen konnte.“
Mezgoui ging in Richtung Strand, doch Dal Pino holte ihn nach wenigen Augenblicken ein. „Mit dem Auto“, erzählte sie im Gerichtssaal, „fuhr ich auf ihn zu, in Richtung Bürgersteig. Ich wollte ihn nicht töten, sondern nur zu Fall bringen, um ihn aufzuhalten. Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich ihn erfasst hatte. Nach dem ersten Manöver kam es mir so vor, als würde er wieder aufstehen. Ich glaubte nicht, dass ich ihn getötet hatte.“

Die Richter des Schwurgerichts von Lucca sahen das – nicht zuletzt aufgrund der erdrückenden Beweislast, wobei den Videoaufnahmen besonderes Gewicht zukommt – offenbar anders. Sie folgten im Wesentlichen der Argumentation der Anklage.
Mit dem Urteil endete – vorläufig – einer der aufsehenerregendsten Justizfälle Italiens der letzten Jahre. Der Mord hatte tagelang für Gesprächsstoff gesorgt und spaltete die öffentliche Meinung, nachdem Bilder einer privaten Überwachungskamera an der Straße veröffentlicht worden waren. Darauf war zu sehen, wie Nourredine Mezgoui von einem SUV niedergefahren wurde und das Auto mehrmals über seinen Körper fuhr. Anschließend stieg die Frau aus dem Auto, holte ihre Handtasche und fuhr davon, ohne sich um Mezgoui zu kümmern.







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