"Wenn die Transplantationsmaschine läuft, gibt es kein Zurück"

Transplantations-Drama: Trockeneis war “entscheidender Fehler”

Freitag, 20. Februar 2026 | 08:14 Uhr

Von: idr

Bozen/Neapel – Ein renommierter italienischer Herzchirurg nimmt die im Spenderherz-Skandal kritisierte Transportbox in Schutz und macht stattdessen das Trockeneis für die Katastrophe verantwortlich.

Carlo Pace Napoleone, Leiter der Kinderherzchirurgie am Krankenhaus Regina Margherita in Turin, war Teil des Ärzteteams, das den Zustand des kleinen Domenico in Neapel begutachtete. „Der grundlegende Fehler war die Verwendung von Trockeneis“, erklärt Pace Napoleone im Interview mit RTL 102.5. „Ich kann nicht sagen, warum es verwendet wurde. Es wird zur Konservierung von Gewebe und Herzklappen eingesetzt, aber Trockeneis gibt es nicht in Operationssälen, daher weiß ich nicht, wie es hineingelangt ist. Das ist der Fehler.“

Die Transportbox selbst sei keineswegs ungeeignet gewesen, wie zuletzt berichtet wurde. „Der Behälter wird seit 30 Jahren für Transplantationen verwendet“, stellt Pace Napoleone klar. „Es ist im Grunde ein Kühlschrankkarton, in den normales Eis gelegt wird. Das Herz wird dann unter Beachtung bestimmter Vorsichtsmaßnahmen in dieses Eis gelegt.“ Mittlerweile gebe es zwar modernere Modelle mit Temperaturanzeige, doch der alte Standard sei nach wie vor zulässig. Entscheidend sei eine Temperatur zwischen vier und acht Grad Celsius, die mit normalem Eis aus Kühl- oder Gefrierschränken erreicht werde.

„Wenn die Transplantationsmaschine läuft, gibt es kein Zurück“

Pace Napoleone verteidigte zudem das Vorgehen der operierenden Ärzte in Neapel. Sobald der Transplantationsprozess eingeleitet sei und das Operationsteam mit dem Organ auf dem Rückweg sei, könne der Ablauf nicht mehr gestoppt werden. Der Empfänger müsse bereits an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen sein, wenn das Spenderherz im Krankenhaus eintreffe – jede Minute zähle.

Als der Chirurg in Neapel festgestellt habe, dass das Herz gefroren war, habe er es einem kontrollierten Auftauverfahren unterzogen, wie es auch bei bestimmten Geweben üblich sei. Anschließend sei das Organ implantiert worden.

„Niemand konnte in diesem Moment wissen, in welchem Ausmaß das Herz geschädigt war“, erklärte Pace Napoleone. Das zuvor entnommene Herz des Kindes hingegen sei irreversibel geschädigt gewesen – andernfalls wäre die Indikation zur Transplantation nicht gestellt worden.

Der Kollege in Neapel habe daher „korrekt und absolut nachvollziehbar“ gehandelt, indem er das neue Organ einsetzte.

Für den kleinen Domenico läuft die Zeit ab. Nach fast zwei Monaten an der ECMO-Maschine ist sein Körper am Ende. Eine erneute Transplantation gilt als ausgeschlossen. Während Juristen über Schuld und Verantwortung streiten, ringt ein zweijähriger Bub mit dem Tod – das Opfer einer Fehlerkette, die nie hätte passieren dürfen.

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