Schwerer Verdacht: Italiener an „Menschensafari“ in Sarajevo beteiligt – VIDEO

“Er prahlte damit, auf Frauen geschossen zu haben”

Donnerstag, 19. Februar 2026 | 06:57 Uhr

Von: ka

Mailand/Triest/Sarajevo – Drei Jahrzehnte nach den eigentlichen Geschehnissen untersucht die Mailänder Staatsanwaltschaft Fälle eines unglaublichen und äußerst grausamen „echten Kriegstourismus“.

Es soll erdrückende Beweise dafür geben, dass mindestens fünf Italiener während des Bosnienkriegs als „Wochenendscharfschützen“ von Triest aus nach Sarajevo reisten, um für hohe Summen auf Frauen und Kinder zu schießen. Nach monatelangen Ermittlungen konnten erste Verdächtige als Teilnehmer dieser abscheulichen „Menschensafari“ identifiziert werden, bei der Tausende unschuldige Zivilisten grausam ermordet wurden. Neben einem rechtsextremen Waffennarren aus San Vito al Tagliamento im Friaul geriet auch ein 65 bis 70 Jahre alter, frauenfeindlicher Rechtsextremist und Großwildjäger aus dem Piemont ins Visier der Mailänder Ermittler. „Er prahlte bei Tisch damit, auf Frauen geschossen zu haben”, erzählen seine Jagdkollegen über ihn.

Nachdem im November erstmals Details über die Untersuchungen der Mailänder Staatsanwaltschaft zu den italienischen Teilnehmern der sogenannten „Menschensafaris” während des Bosnienkriegs im belagerten Sarajevo an die Öffentlichkeit gelangt waren, gelang es den Ermittlern, mindestens zwei Personen als mutmaßliche „Wochenendscharfschützen” und „Kriegstouristen” zu identifizieren. Diese reisten zwischen 1992 und 1996 von Triest aus nach Sarajevo und bezahlten hohe Summen, um auf Frauen und Kinder zu schießen.

Einer der beiden ist der inzwischen 80-jährige, rechtsextreme Waffennarr Giuseppe Vegnaduzzo aus San Vito al Tagliamento im Friaul. Es war die Aussage einer Frau, die nach den ersten Enthüllungen über den „Todestourismus” in den 1990-er Jahren gegenüber einem lokalen Fernsehsender in Venetien getätigt wurde, welche die Aufmerksamkeit der Ermittler auf den 80-Jährigen lenkte.

„Ich habe Menschenjagd betrieben”, soll er oft gesagt haben, während er sich ohne jede Scham damit brüstete, feige auf wehrlose Zivilisten in Sarajevo geschossen zu haben. Der ehemalige Metallarbeiter und Lkw-Fahrer aus Venetien, der der extremen Rechten angehört, soll sich zwischen 1992 und 1995 „vergnügt” damit „beschäftigt” haben, aus den serbisch-bosnischen Stellungen heraus als Scharfschütze auf Frauen, ältere Menschen und Kinder zu schießen.

Der Mailänder Staatsanwalt Alessandro Gobbis klagt den Mann wegen fortgesetzten, vorsätzlichen Mordes mit niederträchtigen Motiven an. Er hat eine bewegte Vergangenheit, bezeichnet sich selbst als Faschist, trägt gerne schwarze Hemden und ist trotz seines Alters ein Liebhaber der körperlichen Fitness. Er frönte schon immer seiner Leidenschaft für Waffen. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung beschlagnahmten die Carabinieri des ROS zwei Pistolen, vier Gewehre und einen Karabiner. Nun muss er nachweisen, dass seine häufigen Reisen während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien nur beruflicher Natur waren und nicht, wie er öffentlich im Dorf erklärt hat, dazu dienten, „Menschenjagden” zu veranstalten.

 

ANSA

Beim zweiten Verdächtigen handelt es sich hingegen um einen 65 bis 70 Jahre alten, frauenfeindlichen Rechtsextremisten und Großwildjäger aus dem Piemont. Laut der Zeitung Il Fatto Quotidiano soll sich der „Scharfschütze” aus dem Piemont sogar vor mehreren Personen in geselligen Runden nach der Jagd damit gebrüstet haben, dass er während des Konflikts im ehemaligen Jugoslawien vor allem Frauen getötet habe. Unter Kindern, Männern und Frauen seien Frauen seine „Lieblingsziele” gewesen, denen er mit Verachtung und Hass begegnet sei, soll er erzählt haben.

Im Rahmen der Ermittlungen wird auch die Aussage des heute 63-jährigen Aleksandar Licanin berücksichtigt. Dieser war damals Freiwilliger in einer serbisch-bosnischen Panzereinheit in Grbavica. Gegenüber der britischen Presse sagte er aus, dass der Kommandant der Scharfschützen „einen Jeep mit einem menschlichen Schädel auf der Motorhaube fuhr”. Weiter sagte er: „Nachdem sie die Zivilisten getötet hatten, feierten die Mörder am Abend mit gebratenem Schweinefleisch und Brandy ihren ‚Erfolg‘.“

Im Laufe der Ermittlungen kommen immer mehr schockierende Details ans Licht. Den bisherigen Erkenntnissen und Rekonstruktionen zufolge kamen die „Kriegstouristen” – Italiener und andere – donnerstagsabends mit Hubschraubern oder Lastwagen aus Belgrad oder mit Bussen, die ebenfalls donnerstagsabends aus Belgrad abfuhren, nach Sarajevo, um sonntags zurückzukehren. Ein langes Wochenende also, von Donnerstag bis Sonntag.

Sie zahlten Tausende Euro und noch mehr, um Kinder und schwangere Frauen zu töten. Doch damit nicht genug. Anscheinend zahlten sie auch dafür, einen „guten Scharfschützenplatz” in „hohen Gebäuden” zu bekommen. Nach diesen schrecklichen Taten feierten sie mit Fleisch und Alkohol. „Sie feierten die Tötung von Menschen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man mit der Tötung eines Kindes leben kann”, fügte der 63-Jährige hinzu. Es wird vermutet, dass diese „Menschensafaris” insgesamt mehr als 11.000 Opfer gefordert haben. Unter den Scharfschützen befanden sich auch Frauen. Diese Ansicht vertrat auch Zlatko Miletic, der damalige Polizeichef von Sarajevo.

Auslöser für die Ermittlungen der von Marcello Viola geleiteten Staatsanwaltschaft war in den vergangenen Monaten eine Anzeige des Schriftstellers Ezio Gavazzeni. Dieser berichtete, dass der ehemalige bosnische Geheimdienstagent Edin Subasic enthüllt habe, wie die Geheimdienstler seines Landes während des Krieges ihren Kollegen vom italienischen Geheimdienst SISMI Informationen über Schützen gegeben hätten. Diese reisten von Triest aus ins ehemalige Jugoslawien, um dort als „Wochenendscharfschützen” zu agieren. Der SISMI beendete diese schändlichen Reisen, indem er die Mörder identifizierte.

Facebook/Ezio Gavazzeni

Um nützliche Informationen für die Ermittlungen zu sammeln, überprüfte Staatsanwalt Gobbis nicht nur, ob es Spuren dieser Informationen in den Archiven des Geheimdienstes gab. Er leitete auch internationale Gerichtsverfahren ein, wie beispielsweise das Verfahren, an dem die Staatsanwaltschaft des Internationalen Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe (IRMCT, englisch: Office of the Prosecutor – OTP) beteiligt ist. Diese Einrichtung des UN-Sicherheitsrats befasst sich mit Gerichtsverfahren, die noch immer mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien in Verbindung stehen.

Es wäre nur gerecht, wenn die Täter dieser grausamen Verbrechen, die sich vor drei Jahrzehnten ereigneten, endlich zur Verantwortung gezogen werden könnten. Die mutmaßlichen Täter würden nicht „nur” wegen mehrfachen Mordes, erschwert durch niederträchtige Motive und Grausamkeit, angeklagt. Unter Umständen müssten sie sich sogar vor einem internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Aufgrund der grausamen Bluttaten und der Tatsache, dass wohlhabende und bekannte Personen betroffen sein könnten, sorgt der Fall der „Wochenendscharfschützen” in Italien für großes Aufsehen.

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