Einstiger Hoffnungsträger wegen Mitte-Rechts-Koalition im Gegenwind

Arno Kompatscher: Smarter Rechtsabbieger

Donnerstag, 18. Januar 2024 | 15:55 Uhr

Smart, pragmatisch und das, was man gemeinhin als “liberal” versteht – so hat Arno Kompatscher (SVP) Südtirol seit 2014 als Landeshauptmann regiert. Nun steht er zu Beginn seiner dritten und letzten Amtsperiode wegen der gezimmerten Mitte-Rechts-Fünferkoalition unter Beschuss von jenen, die in ihm einen Hoffnungsträger sahen. Doch diese haben wohl seine zweite Seite unterschätzt: Jene des knallharten, gewieften Machtpolitikers, der in die (Autonomie)-Geschichte eingehen will.

Proteste der Zivilgesellschaft, von Künstlern und Wissenschaftern, Gegenwind in den Medien – es war ein heftiger Sturm, der dem 52-jährigen Kompatscher seit der schweren Wahlniederlage und dem Beginn der Verhandlungen um das neue, für Südtirol zumindest bemerkenswerte, Bündnis um die Ohren blies. Wegbereiter für Autonomie-Gegner und “Postfaschisten” in der Regierung, Garant für “Rechts-Rechts” in Südtirol, Verrat an den eigenen sozialliberalen Werten, alles geopfert auf dem Altar des Machterhalts.

All das muss den Landeshauptmann – der durchaus als sensibel, Kritiker sagen auch dünnhäutig, gilt – sehr geschmerzt haben. Und er ließ sich das auch durchaus optisch anmerken – und in Interviews deutlich anklingen. Immer wieder betonte er die “Mitte”, für die die Südtiroler Volkspartei in der Regierung sorgen werde. Selbst seine Kinder hätten gefragt: “Muss das denn sein?”, sagte der Landeshauptmann kürzlich dem Nachrichtenmagazin “Der Spiegel”: “Aber ich habe mir dieses Wahlergebnis ja so auch nicht gewünscht.”

Und mit diesem durchaus glaubhaften Nicht-Wünschen begann gleichzeitig aber auch der mit allen Wassern gewaschene Politfuchs, Machttaktiker- und Machterhalter – und nicht zuletzt Parteimensch – in Kompatscher stetig zu wachsen. Und die Einsicht in die Notwendigkeit und wohl auch letztlich Unabwendbarkeit des umstrittenen politischen Bündnisses, das sich aufgrund des Wahlergebnisses, mangels Alternativen auf italienischer Seite und der Nicht-Durchsetzbarkeit von alternativen Koalitionspartnern auf deutscher Seite ergab.

Kompatscher, sonst immer bedacht, was die Öffentlichkeit über ihn denkt, stand im Sturm und setzte sich quasi den Partei-Stahlhelm auf. Und zog durch bzw. nahm den Verhandlungsmarathon auf sich, um für die Partei, Südtirol und sich selbst, was seinen Platz in der Geschichte betrifft, das Beste herauszuholen. Es gelang dem in Schicksalsgemeinschaft vereinten Duo Kompatscher und Parteiobmann Philipp Achammer, die überwiegende Mehrheit der Funktionärsschicht und auch der Basis hinter sich zu vereinen. Fast schien es so, als rückte man ob der Proteste noch einmal enger zusammen. Und Kompatscher erhielt sogar Unterstützung und Lob von ungewohnter Seite: Von seinem Vorgänger, dem leutseligen “Landesfürsten” Luis Durnwalder, der ansonsten stetige Spitzen gegen seinen so verschiedenen Nachfolger übrig hatte. Doch Kompatschers Machtagieren im Geiste des Pragmatismus und im Sinne von Land und Partei schien “dem Alten” zu gefallen. Die Koalition mit den Rechten sei bei aller gebotenen Vorsicht der richtige Schritt, meinte dieser und verwies auf die dadurch leichtere und notwendige Allianz mit der politisch gleichlautenden Regierung in Rom.

Und hier setzt wohl Kompatschers großer Ehrgeiz in den letzten Jahren seiner Landeshauptmann-Ära ein. Er will als jener Landeshauptmann in die Geschichte eingehen, der die Wiederherstellung der vollen, seit 2001 vor allem in Gesetzgebungsfragen eingeschränkten Autonomie erreicht. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, deren “Fratelli d’Italia”-Ableger nun auch in Bozen mitregiert, hatte die Wiederherstellung der Autonomiestandards gemäß der Streitbeilegungserklärung von 1992 unter Hinweis auf die Verpflichtung gegenüber der Schutzmacht Österreich versprochen. Man wähnt sich dabei auf einem guten Weg, weil Meloni wider Erwarten bisher ihre Zusagen eingehalten habe.

Nun will Kompatscher vollenden und auch als “Autonomie-Landeshauptmann” in die Geschichte eingehen. Er bleibt somit für den Rest seiner Landeshauptmann-Tage wohl ein Befreiter und Gefesselter zugleich. Ein Befreiter, weil er in gewissem Sinne ob einer nicht mehr notwendigen Wiederwahl befreit aufspielen kann, er eine – wenn auch äußerst umstrittene – Entscheidung an einer politischen Weggabelung getroffen hat und nun alles in die römische Waagschale werfen kann, um in Sachen Autonomie Geschichte zu schreiben. Ein Gefesselter ob der wohl folgenden politalltäglichen Sorgen um mögliche umstrittene rechte Ausfälle in seinem Bündnis, der internationalen Betrachtung sowie der (medialen und zivilgesellschaftlichen) Brandmarkung als “Tabubrecher” der unangenehmen Art.

Für seine (einstige) “Sammelpartei” SVP, hat Kompatscher zweifellos geliefert. Und noch das machtpolitische Optimum aus schwierigster Lage herausgeholt. Bei der Wahl und danach. Der “Reformer” ist in den Schoß der Partei zurückgekehrt.

Arno Kompatscher wurde am 19. März 1971 in Völs am Schlern als jüngstes von fünf Kindern geboren. Sein Vater war Dorfschmied und später Bürgermeister der Gemeinde. Nach Volksschule, Gymnasium und Militärdienst studierte er Rechtswissenschaften in Innsbruck und Padua. Beruflich war Kompatscher unter anderem als Geschäftsführer der Seiser Alm Umlaufbahn AG tätig, von 2005 bis 2013 bekleidete er ebenfalls das Bürgermeisteramt in Völs am Schlern. Politisch trat er zudem als Präsident des Südtiroler Gemeindeverbandes in Erscheinung. Seit 2014 ist er Landeshauptmann. Kompatscher und seine Frau Nadja haben sieben Kinder.

Von: apa

Bezirk: Bozen

Kommentare

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18 Kommentare auf "Arno Kompatscher: Smarter Rechtsabbieger"


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krokodilstraene
krokodilstraene
Universalgelehrter
1 Monat 15 Tage

Ich bin – gelinde gesagt – sehr enttäuscht!!!

Faktenchecker
1 Monat 15 Tage

Und das aus deutschem Munde.

Oracle
Oracle
Kinig
1 Monat 15 Tage

@kro.. die alternative wäre eine linksgrüne Lösung gewesen und das wäre nochmal schlechter gewesen. Ob Hessen, Tirol oder Meran, die Grünen sind nicht mehr in der Regierung. Einen Grund wird es dafür wohl geben….die Ampel ist das weitere Beispiel, was für ein Chaos man da anrichten kann….

nemesis
nemesis
Tratscher
1 Monat 15 Tage

BILD! dir deine Meinung – immer mehr. Meine Güte, wegen den paar Hanslen
wird das grüne Weltbild schon nicht erschüttert werden. Kriegen ohnehin
nichts zustande, läuft alles gleich weiter wie bisher. Ich bin wahrlich
KEIN Kompatscher Fan, aber das angeschossene Gewinsle ist ja
unerträglich.

@
@
Universalgelehrter
1 Monat 15 Tage

@nemesis
Es erschließt sich mir nicht,wie man ein Gewinsel anschießen kann

nemesis
nemesis
Tratscher
1 Monat 15 Tage

Das Gewinsel von Angeschossenen – jetzt klarer oder braucht’s eine Zeichnung?

Doolin
Doolin
Kinig
1 Monat 15 Tage

…der smarte Rechtsabbieger wird sich noch wundern, wie seine Faschistenfreunde mit der Autonomie umgehen, die er auf dem Altar der Machterhaltung geopfert hat…

josef.t
josef.t
Superredner
1 Monat 15 Tage

Die Südtiroler sollten froh sein, einen Landeshauptmann 
zu haben, der trotz der ganzen Anfeindungen, sich für
dieses Amt noch zur Verfügung stellt ? Zeigt wohl, wie Ihm
sein Land am Herzen liegt….

Staenkerer
1 Monat 15 Tage

😀😅😆😂😃😄

Aurelius
Aurelius
Universalgelehrter
1 Monat 15 Tage

der LH ist einfach nur falsch

Oracle
Oracle
Kinig
1 Monat 15 Tage

@Aurelius…. aber immer besser, als ein Abbiegen nach grünlinks mit freier Zuwanderung, gemischten Schulen, vielen Verboten bezüglich Essen, Heizen, Fahren, usw…

Tiroler25
Tiroler25
Tratscher
1 Monat 15 Tage

Schöner Artikel

Faktenchecker
1 Monat 15 Tage

Der muss nicht schön sein, sondern journalistisch Fachgerecht.

monia
monia
Superredner
1 Monat 15 Tage

Wo ist das Problem wenn einer Mitte-Rechts ist? Also wenn einer das Land an die Wand fährt dann waren es immer noch die Linken und Grünen! Siehe Deutschland!

Savonarola
1 Monat 15 Tage

“ ich habe mir dieses Wahlergebnis ja so auch nicht gewünscht.” Aber du und deine Kumpanen haben es so verursacht.

Pelikan2
Pelikan2
Grünschnabel
1 Monat 15 Tage

Kompatscher hat das mit den Rechten richtig gemacht, denn sonst ginge in Rom gar nichts weiter. Und links oder mitte- links würde zu totalen Stillstand führen. Apropo; Luis Durnwalder hätte es genauso gemacht.

Wunder
Wunder
Superredner
1 Monat 15 Tage

Ich bin auch maßlos enttäuscht…

Vielleicht kann es auch eine Chance sein, um zu zeigen, dass die Rechten auch nur mit Wasser kochen…

andr
andr
Universalgelehrter
1 Monat 15 Tage

Der Krieg in der Ukraine, ölpreisexplosion und folgend Inflation Preiserhöhung europaweit, Migration Kriminalität europaweit, corona ein weltweites Problem, alles globale Probleme die Kompatscher hätte lösen müssen😳🤔

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