In Kiew brennt das Höhlenkloster

Ikonen aus brennendem Kloster in Kiew gerettet

Montag, 15. Juni 2026 | 13:21 Uhr

Von: APA/dpa/Reuters

Trotz Brandes auf dem Gelände des weltberühmten Höhlenklosters in Kiew bei einer neuen Welle russischer Luftangriffe auf die Ukraine sind die alten Ikonen und anderen Heiligtümer des orthodoxen Christentums nach Kirchenangaben in Sicherheit. Es sei eine rasche Rettung liturgischer Gegenstände und der Reliquien organisiert worden, teilte Metropolit Awraamij am Montag auf Facebook mit. Es gab aber fünf Tote.

Sie hätten “nicht nur kirchlichen, sondern auch nationalen und universellen Wert”, sagte der von der staatlich anerkannten Orthodoxen Kirche der Ukraine eingesetzte Vorsteher. Der Geistliche dankte allen Klosterbrüdern und den anderen Beteiligten der Rettungsaktion für die Erhaltung der Kirchenschätze. Die Beseitigung der Folgen des Angriffs dauere an, sagte er.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem schweren Verbrechen gegen die christliche Kultur. “Ein russischer Angriff auf die Kiewer Petscherska Lawra hat die Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Brand gesetzt – eine Kirche, deren Geschichte bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht. Und dies ist eines der bisher schwerwiegendsten Verbrechen Russlands gegen die christliche Kultur”, schrieb Selenskyj auf X. Er forderte die G7-Staaten zudem auf, den Druck auf Russland zu erhöhen und die Hilfe für die ukrainische Luftabwehr zu verstärken.

Auch Metropolit Epifanij, Oberhaupt der Orthodoxen Kirche der Ukraine, reagierte scharf: Er sprach laut Kathpress von einem “weiteren russische Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen die Geschichte und gegen das Christentum”.

Stocker sieht keinen Friedenswillen in Moskau

Bundeskanzler Christian Stocker beklagte die Schäden an einer Weltkulturerbestätte und drückte angesichts der getöteten Zivilisten sein Mitgefühl aus. Mit Blick auf die Machthaber in Moskau erklärte Stocker auf X, ohne Präsident Wladimir Putin namentlich zu nennen: “Ein Staatslenker, der Angriffe wie diese gegen Zivilisten und Kulturerbestätten befiehlt, such nicht den Frieden und hat kein Interesse an ernsten Verhandlungen.” Die EU werde ihrem Druck auf Russland erhöhen und die Ukraine weiterhin unterstützen. Ukraine-Aktivisten vom Verein MRIJA halten am Montagabend um 19.00 Uhr am Stephansplatz in der Wiener Innenstadt eine Mahnwache angesichts der Zerstörung ab.

Russland wies die Verantwortung für den Beschuss und die Schäden am Kloster zurück. Vielmehr sei eine US-Luftabwehrrakete vom Typ Patriot in dem Kloster eingeschlagen, erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau. “Ein möglicher Grund für die Fehlfunktion dieses Systems könnte sein, dass westliche Länder dem Kiewer Regime Raketen geliefert haben, deren Verwendungsfrist bereits abgelaufen war”, hieß es in der Erklärung. Die russischen Streitkräfte planten keine Angriffe auf zivile Infrastruktur und nähmen solche auch nicht vor. Ziel des nächtlichen Beschusses seien Fabriken zur Drohnenproduktion gewesen.

Neue Angriffswelle

Die Staats- und Regierungschefs der G7 (USA, Kanada, Japan, Deutschland, Großbritannien und Frankreich) tagen ab Montag unter französischem Vorsitz in Evian. Frankreich verurteilte die jüngsten Angriffe Russlands auf die Ukraine. Außenminister Jean-Noël Barrot verglich den Angriff auf das Kiewer Höhlenkloster Petscherska Lawra mit einem Bombardement der Pariser Kathedrale Notre-Dame. “Dies ist ein UNESCO-Weltkulturerbe, was für uns in Frankreich so wäre, als ob Notre-Dame oder Saint-Denis bombardiert worden wären, was völlig inakzeptabel ist”, sagte Barrot bei seiner Ankunft zu einem Treffen der EU-Außenminister in Luxemburg.

Die teilnehmende EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte auf X an, dass beim G7-Gipfel über nächste Schritte gesprochen werde, um den Druck auf Russland zu erhöhen, Kremlchef Wladimir Putin an den Verhandlungstisch zu bringen und dieses sinnlose Töten zu beenden. “Europa will Frieden. Niemand mehr als das ukrainische Volk. Russland hingegen hat erneut gezeigt, dass es allein an Gewalt und Zerstörung interessiert ist.”

Russland hatte die Ukraine in der Nacht erneut massiv mit Drohnen und Raketen angegriffen. Dabei geriet auch die Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Brand. Sie ist die Hauptkirche des zum Weltkulturerbe der UNO-Kulturorganisation UNESCO zählenden Höhlenklosters.

Metropolit Awraamij rief die internationale Gemeinschaft auf, sich unter den Bedingungen des andauernden Krieges für den Schutz des geistigen und kulturellen Erbes der Ukraine einzusetzen. Bei den russischen Angriffen auf Kiew wurden laut Behörden mindestens fünf Menschen getötet und 25 weitere verletzt.

Zerstörungen im nationalen Filmstudio

Der russische Angriff führte auch zu großen Schäden im Nationalen Oleksandr-Dowschenko-Filmstudio in Kiew. In einem der ältesten Filmstudios der Ukraine sei ein Feuer ausgebrochen, teilte Kulturministerin Tetjana Bereschna bei Facebook mit. “Es wurde die größte und älteste Kostümsammlung der Ukraine vernichtet. Im Studio befanden sich rund 100.000 Kostüme und 3 Millionen verschiedene Bekleidungsstücke”, sagte Bereschna, die auch stellvertretende Regierungschefin ist.

Neben der Kostümwerkstatt seien weitere Gebäude des Filmstudios beschädigt worden. Benannt ist die zu Sowjetzeiten gegründete Filmproduktionsstätte nach dem ukrainischen Regisseur Oleksandr Dowschenko (1894-1956).

Landesweit mindestens neun Tote

Landesweit gab es bei der russischen Angriffswelle ukrainischen Behördenangaben zufolge mindestens zehn Tote und Dutzende Verletzte. Das ukrainische Militär teilte mit, Russland habe in der Nacht 70 Raketen und 611 Drohnen abgefeuert. Ein Großteil davon sei abgefangen worden. Probleme bereiteten jedoch ballistische Raketen, von denen nur 15 von 34 hätten abgefangen werden können.

In der Innenstadt von Kiew waren in der Nacht zunächst knapp zwei Dutzend – mutmaßlich von der Flugabwehr ausgelöste – Explosionen zu hören, wie ein Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur berichtete. Bürgermeister Vitali Klitschko zufolge gab es in drei Stadtteilen Einschläge und mindestens 23 Verletzte. Demnach kam es auch zu weitflächigen Stromausfällen und Bränden. Etwa 30 Fahrzeuge sollen in Flammen aufgegangen sein. Militärgouverneur Tkatschenko sprach von mehr als 40 Einschlägen in der Hauptstadt. Bisher gebe es vier Todesopfer, schrieb er am frühen Morgen.

Auch aus anderen ukrainischen Regionen wurde heftiger Beschuss gemeldet. Allein in Charkiw seien fünf Rettungskräfte infolge der Luftangriffe getötet und vier weitere Menschen verletzt worden, berichtete das Nachrichtenportal “The Kyiv Independent” unter Berufung auf Gouverneur Oleh Synjehubow. In Dnipro habe es mindestens einen Verletzten gegeben, hieß es. Keine dieser Angaben ließ sich zunächst unabhängig überprüfen.

Auch Moskau meldet Tote bei ukrainischen Drohnenangriffen

Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren gegen die russische Invasion und wird praktisch täglich aus der Luft attackiert. Inzwischen greifen sich beide Kriegsparteien vor allem mit Drohnen an, deren Einsatz für die jeweiligen Streitkräfte vergleichsweise einfach und günstig ist.

Nach Angaben des Gouverneurs des russischen Gebietes Tula, Dmitri Miljajew, wurden in der Nacht drei Menschen infolge ukrainischer Drohnenangriffe getötet. Drei weitere seien verletzt worden, teilte er auf Telegram mit. Die Stadtverwaltung von Moskau teilte mit, es seien mehrere anfliegende Drohnen abgeschossen worden. Zu möglichen Schäden oder Verletzten wurde zunächst nichts bekannt gegeben.

Zwei Brücken zwischen dem russisch kontrollierten Teil der ukrainischen Region Cherson und der Halbinsel Krim sollen beschädigt worden sein. Der Verkehr sei ausgesetzt worden, teilte der von Russland eingesetzte Gouverneur Wladimir Saldo auf dem Kurznachrichtendienst Telegram mit. Auf der von Russland annektierten Krim ist es nach der jüngsten Zunahme von Angriffen zu Engpässen bei der Treibstoffversorgung gekommen.

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