Noch unklar, wo angegriffen wird

Israel will Bodenoffensive im Gazastreifen ausweiten

Mittwoch, 20. Dezember 2023 | 01:53 Uhr

Israel Verteidigungsminister Joav Galant will die israelische Bodenoffensive auf weitere Gebiete im Gazastreifen ausweiten. Welche Orte er genau meinte, sagte Galant laut israelischen Medien am Dienstag nicht. Die “Times of Israel” spekulierte, er könne damit das Zentrum des Gazastreifens oder die Stadt Rafah im Süden des Küstengebiets meinen, in der sich auch der Grenzübergang zu Ägypten befindet. Hilfsorganisationen sprechen schon jetzt von einer “humanitären Katastrophe”.

Khan Younis im Süden des Gazastreifens sei zur “neuen Hauptstadt des Terrors” geworden, sagte Galant den Berichten zufolge weiter. Nach Angaben des Palästinenserhilfswerkes UNRWA sind innerhalb des Gazastreifens fast 1,9 der 2,2 Millionen Menschen auf der Flucht – mehr als 80 Prozent der Bevölkerung. In dem Krieg wurden nach Angaben der von der islamistischen Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde bisher mehr als 19.600 Menschen getötet. Die Angaben lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.

Am Abend hieß es, Israels Armee habe die zuvor heftig umkämpfte Hamas-Hochburg Jabalia im Norden des Gazastreifens erobert. Seine Division habe “die operative Kontrolle” über den Ort erlangt, teilte Itzik Cohen, ranghoher Kommandant des israelischen Militärs, am Dienstag laut einer Presseerklärung mit.

Soldaten hätten bei Gefechten in Jabalia “Hunderte Terroristen getötet”. 500 Terrorverdächtige hätten sich zudem dort ergeben. Einige davon seien an dem Massaker in Israel am 7. Oktober beteiligt gewesen. Die Armee zerstörte eigenen Angaben zufolge unter anderem Kommandozentralen und Produktionsstätten für Raketen in der Gegend. Die Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

Das Flüchtlingsviertel in Jabalia gilt als wichtiger Stützpunkt der islamistischen Terrororganisation Hamas, die bei ihrem brutalen Überfall auf Israel rund 1200 Menschen ermordet hatte. Das Massaker war Auslöser des Gaza-Kriegs, bei dem nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde bisher mehr als 19 600 Menschen getötet worden sind.

Die Hamas-Behörde teilte am Dienstag mit, bei israelischen Attacken auf Jabalia seien mindestens 13 Palästinenser ums Leben gekommen. Am Montag hatte sie 110 Tote durch israelische Luftangriffe auf Wohnhäuser dort gemeldet. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

Der UN-Sicherheitsrat verschob am Dienstag eine Abstimmung über eine neue Gaza-Resolution auf Bitten der Vereinigten Staaten erneut. Das Votum ist nun am Mittwoch (17 Uhr MEZ) angesetzt. Das von den Vereinigten Arabischen Emiraten vorgelegte Papier fordert unter anderem eine Aussetzung der Gewalt im Gazastreifen, um mehr humanitäre Hilfslieferungen zu ermöglichen. Ein Diplomat eines Ratsmitglieds sagte auf Anfrage, die verlängerte Frist scheine dazu zu dienen, US-Präsident Joe Biden zu überzeugen, nicht vom amerikanischen Vetorecht Gebrauch zu machen. Eine Enthaltung des Israel-Verbündeten USA würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Annahme der Resolution bedeuten.

Ursprünglich war eine Abstimmung schon für Montag angesetzt gewesen, seitdem aber mehrfach verschoben worden. Bei den Diskussionen geht es vor allem darum, ob sich Formulierungen finden lassen, denen auch die USA zustimmen können. Die Verhandler waren Washington dabei teils weit entgegengekommen: So ist in dem Text schon nicht mehr von einer “Einstellung” der Gewalt, sondern von einer “Aussetzung” die Rede.

Die USA setzen gleichwohl auf eine Abschwächung der Bodenoffensive im Gazastreifen. Die US-Regierung hatte Israel jüngst mitgeteilt, dass sie einen Übergang der Bodenoffensive mit “hoher Intensität” zu “gezielteren” militärischen Einsätzen erwarte.

Auslöser war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, bei dem Terroristen der islamistischen Hamas und anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober in Israel mehr als 1200 Menschen ermordeten.

Auch in Krankenhäusern im Süden des Gazastreifens ist die große Zahl an Verletzten nach Darstellung der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) nicht mehr zu bewältigen. Die Notaufnahme im Nasser-Krankenhaus sei komplett überfüllt, teilte der MSF-Leiter im Gazastreifen, Chris Hook, am Dienstag mit. “Ärzte steigen über die Leichen toter Kinder, um andere Kinder zu behandeln, die sowieso sterben werden.” Zelte würden als Krankenabteilungen und als temporäre Kliniken genutzt.

Jedes freie Gebäude würde mit Betten für Patienten gefüllt. “Die wenigen Glücklichen, die überleben, haben Verletzungen, die das Leben verändern”, erklärte Hook.Von den 36 Krankenhäusern im Gazastreifen sind nach UN-Angaben nur noch acht teilweise in Betrieb, die neue Patienten aufnehmen können. Nur noch eins dieser acht liegt der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge im nördlichen Gazastreifen.

Ärzte ohne Grenzen sprach von einer “totalen Belagerung” des Küstengebiets durch Israels Armee, die eine ärztliche Versorgung extrem schwierig gemacht habe. MSF sprach von einer “Politik der verbrannten Erde, die keinen sicheren Ort für Menschen lässt” angesichts “konstanter Angriffe” und Evakuierungen ganzer Wohnviertel. Die meisten Menschen würden in notdürftig gezimmerten Behausungen aus “ein paar Stücken Holz” und “Plastikfolien” leben und könnten kaum genug Wasser finden für ihre tägliche Hygiene.

Die Ausreisen von Ausländern und Palästinensern mit zweitem Pass aus dem Gazastreifen gingen unterdessen weiter. Am Dienstag reisten etwa 100 von ihnen aus dem abgeriegelten Küstengebiet nach Ägypten aus. Seit Kriegsbeginn vor mehr als zwei Monaten reisten Hunderte Ausländer und Doppelstaatsbürger über Rafah nach Ägypten aus. Viele von ihnen werden an der Grenze von Vertretern ihrer jeweiligen Botschaften empfangen, die dann die Weiterreise über den Flughafen Kairo organisieren. Nach Angaben des ägyptischen Außenministeriums vom November hielten sich zeitweise etwa 7.000 Menschen aus 60 Ländern im Gazastreifen auf, die ausreisen wollten. Wie viele Ausländer und Palästinenser mit Zweitpass sich derzeit noch in Gaza aufhalten, ist unklar.

Von: APA/dpa/AFP/Reuters

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