Onlinedienst X hat Konto von Julia Nawalnaja wieder entsperrt

Nawalnys Mutter fordert Herausgabe der Leiche ihres Sohnes

Dienstag, 20. Februar 2024 | 13:49 Uhr

Von: APA/dpa/AFP

Die Mutter des toten Kremlkritikers Alexej Nawalny hat in einem Videoappell Russlands Präsident Wladimir Putin zur Herausgabe der Leiche ihres Sohnes aufgefordert. “Ich wende mich an Sie, Wladimir Putin. Die Entscheidung der Frage hängt nur von Ihnen ab. Lassen Sie mich doch endlich meinen Sohn sehen”, sagte Ljudmila Nawalnaja. Schon den fünften Tag warte sie vor dem sibirischen Straflager darauf, Nawalny sehen zu dürfen, sagte sie in dem am Dienstag veröffentlichen Video.

“Ich fordere, unverzüglich den Körper Alexejs herauszugeben, damit ich ihn auf menschliche Weise beerdigen kann”, sagte sie. Sie erhalte bisher weder den Leichnam noch werde ihr gesagt, wo der Körper aufbewahrt werde. Nach der kurzen Ansprache der von Trauer sichtlich gezeichneten Nawalnaja war in dem Video hinter dem Stacheldraht die orthodoxe Kirche auf dem Gelände des Straflagers zu sehen. Nach russisch-orthodoxem Brauch werden Verstorbene eigentlich spätestens am dritten Tag nach ihrem Ableben beerdigt.

Die Behörden verweigern den Angehörigen trotz auch internationaler Proteste bis heute den Zugang zu Nawalnys Leiche. Sein Team, das dem russischen Machtapparat Mord vorwirft, sieht darin einen Vertuschungsversuch. In Russland haben bereits mehr als 70 000 Menschen einen Aufruf zur Herausgabe des Leichnams an die Angehörigen unterzeichnet.

Zu dem Aufruf und der Bitte von Nawalnajas Mutter hat sich der Kreml bisher nicht geäußert. Stattdessen hat Kremlsprecher Dmitri Peskow in Moskau die Vorwürfe von Nawalnys Witwe Julia Nawalnaja als “unbegründet und unverschämt” zurückgewiesen. Die 47-Jährige hatte am Montag in einer Videobotschaft Putin für den Tod Nawalnys im Straflager mit dem inoffiziellen Namen “Polarwolf” verantwortlich gemacht und angekündigt, den Kampf ihres Manns gegen das System des Kremlchefs fortzusetzen.

Nawalny ist am Freitag im Straflager in der sibirischen Arktisregion Jamal ums Leben gekommen. Der durch einen Giftanschlag im Jahr 2020 und wiederholte Einzelhaft im Lager geschwächte Politiker soll bei einem Rundgang auf dem eisigen Gefängnishof zusammengebrochen und trotz Wiederbelebungsversuchen gestorben sein. Nawalny war zum Zeitpunkt des Todes 47 Jahre alt.

Peskow sagte, dass weder er noch Putin die Videobotschaft angeschaut hätten. Vor dem Hintergrund, dass “Julia Nawalnaja gerade verwitwet ist”, wolle er sich mit Kommentaren zurückhalten. Zugleich verteidigte der Kremlsprecher das brutale Vorgehen von Sicherheitskräften gegen Russen, die in vielen Städten des Landes zum Andenken an den gestorbenen Putin-Gegner Blumen niederlegten und Kerzen anzündeten. Die Uniformierten hätten ihre Aufgabe im Einklang mit den Gesetzen erfüllt, meinte Peskow.

Die zeitgleiche Beförderung ranghoher Beamter des Strafvollzugs durch Putin löste unterdessen heftige Kritik aus. Der zum Generaloberst des Innenministeriums beförderte Vizechef der Gefängnisbehörde FSIN, Waleri Bojarinew, sei persönlich für die Folterungen Nawalnys im Gefängnis verantwortlich gewesen, schrieb der Direktor des von Nawalny gegründeten Fonds zur Bekämpfung der Korruption (FBK), Iwan Schdanow, auf seinem Telegram-Kanal. “Das muss man wohl als offene Belohnung Putins für die Folter verstehen.”

Im Juli 2023 war im Zuge einer Gerichtsverhandlung gegen Nawalny eine Anordnung Bojarinews bekanntgeworden, den Oppositionspolitiker beim Kauf von Lebensmitteln und täglichen Bedarfsgütern einzuschränken. Normalerweise können Häftlinge mit ihrem Geld ihre eigene spärliche Ration im Gefängnisladen etwas aufbessern. Laut Schdanow war der neu ernannte Generaloberst auch für weitere Schikanen gegen Nawalny verantwortlich.

Die Beförderung des 53-Jährigen wurde am Montag durch die Veröffentlichung des Präsidentendekrets in der Gesetzesdatenbank bekannt. Neben Bojarinew wurden noch drei weitere Strafvollzugsbeamte im Generalsrang befördert. Kremlsprecher Dmitri Peskow dementierte einen Zusammenhang zwischen dem Tod Nawalnys und den Beförderungen. Diese seien ein ganz gewöhnlicher Vorgang, sagte er.

Im Kampf um die Meinungshoheit hat der Kreml dabei unerwartete Schützenhilfe von der Plattform X bekommen – allerdings nur kurzzeitig. Diese sperrte am Dienstagnachmittag für fast eine Stunde das erst einen Tag zuvor angelegte Profil von Nawalnaja. Begründung war ein angeblicher, nicht näher benannter Verstoß gegen die Regeln des sozialen Netzwerks. Erst nach Protest von Nawalnys Team wurde das Profil wieder freigegeben.

Unterdessen eröffnete Russland gegen den Bruder Alexej Nawalnys staatlichen Angaben zufolge ein neues Strafverfahren. Was genau Oleg Nawalny zur Last gelegt wird, meldete die Nachrichtenagentur Tass zunächst nicht. Die Polizei suche aber bereits nach Oleg Nawalny. Er steht bereits im Zusammenhang mit einer anderen Angelegenheit auf einer Fahndungsliste.

Eine von der EU geforderte internationale Untersuchung zum Tod Alexej Nawalnys lehnte der Kreml ab. “Solche Forderungen akzeptieren wir überhaupt nicht”, sagte Kremlsprecher Peskow. Moskau sieht darin eine Einmischung in seine inneren Angelegenheiten. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hatte eine solche Untersuchung des Leichnams gefordert.

Hunderte Menschen waren in den vergangenen Tagen festgenommen worden, weil sie öffentlich des Toten gedachten. In Eilverfahren haben Gerichte Arrest oder Geldstrafen verhängt. Trotzdem zeigten viele Russen weiter öffentlich ihre Trauer. Nawalnys Team kritisierte, dass Menschen in Russland nun schon wegen des Niederlegens von Blumen festgenommen werden.

Kommentare
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OrtlerNord
OrtlerNord
Universalgelehrter
3 Monate 6 Tage

Wie armselig Putin Russland ist sieht man bei solchen Gesten des Anstand der Bevölkerung..

Doolin
Doolin
Kinig
3 Monate 6 Tage

…die Digos hat in Mailand die Namen von Personen notiert, die an der Erinnerungstafel von Anna Politkowskaja, welche 2006 vor ihrer Wohnung in Moskau vom Geheimdienst FSB erschossen worden war, Blumen niedergelegt haben zum Gedenken an Alexej Nawalny…sehr sonderbar…

Dolomiticus
Dolomiticus
Universalgelehrter
3 Monate 6 Tage

@Doolin Das ist leider auch in den italienischen Nachrichten ziemlich unterdrückt worden. Eigentlich auch eine Ungeheuerlichkeit. Wobei sich Italien doch als Demokratie definiert. Wenn Blumen für ermordete Frauen niedergelegt werden, kommt die Digos nicht.

Doolin
Doolin
Kinig
3 Monate 6 Tage

…X gehört ja Elon Musk…nich Fragen?…

Faktenchecker
3 Monate 6 Tage

Das Konto ist wieder frei.

Plusminus
Plusminus
Tratscher
3 Monate 6 Tage

Was für ein krasser Gegensatz, in Russland müssen die Menschen immer Angst haben, was sie sagen oder tun und bei uns im Westen werden echte Verbrechen kaum bestraft 🙈

koana
koana
Tratscher
3 Monate 6 Tage

Die werden alle Spuren verwischen…..

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